Kurssturz Angst und Schrecken an der Wall Street

Die Wall Street geht mit banger Erwartung in die Börsenwoche. Der nominal schlimmste Kursverlust seit März 2003 hatte am Freitag sämtliche Gewinne dieses jungen Jahres ausradiert. Pessimisten orakeln, dass weitere Abstürze bevorstehen.

Von , New York


New York - Es ist wohl so etwas wie der Versuch einer Aufmunterung: Wenn New Yorks Aktienhändler heute - nach einem katastrophalen Freitag und einem schlaflosen Wochenende - mit abgekauten Fingernägeln wieder zum Dienst antreten, werden sie auf dem Balkon des Börsenparketts ein vertrautes Gesicht aus alten (besseren?) Zeiten erblicken. Jon Corzine, vormals CEO des Investmenthauses Goldman Sachs, ist gerade als Gouverneur New Jerseys vereidigt worden. Zur Belohnung darf er heute die Eröffnungsglocke der New York Stock Exchange (NYSE) läuten.

Börsianer in New York: "Angst und Schrecken an der Wall Street"
AFP

Börsianer in New York: "Angst und Schrecken an der Wall Street"

Solche Signale können sie an der Wall Street dieser Tage gebrauchen. Die Freitags-Panik sitzt den meisten noch in den Knochen. Da kollabierte die US-Börse auf ganzer Fläche. Der Dow-Jones-Leitindex Chart zeigen brach um 213,32 Punkte ein. Der größte nominale Sturz seit März 2003 radierte alle Gewinne dieses noch jungen Jahres in wenigen Stunden wieder aus. Nur ein einsamer Widerständler unter den 30 Dow-Werten blieb im positiven Bereich: McDonald's Chart zeigen.

Auch der Tech-Index der Nasdaq Chart zeigen verlor 54,11 Punkte - so viel wie seit August 2004 nicht mehr. Selbst vom breit gefächerten S&P 500 hobelte das Aktienmassaker 23,55 Punkte ab.

Das Lachen über Tokio vergangen

Das Wort "Massaker" ist dabei kaum übertrieben. Manche sprachen von einer "Panik", zum Beispiel Michael Panzner, der Chefhändler von Rabo Securities USA. "Angst und Schrecken an der Wall Street", schlagzeilte sogar das sonst so reservierte "Wall Street Journal". Aus gutem Grund: Innerhalb von sechseinhalb Stunden wechselten an der New York Stock Exchange 2,2 Milliarden Aktien hektisch den Besitzer - 600 Millionen mehr als an einem "normalen" Handelstag.

So breit gefächert wie die Verluste waren auch deren Ursachen: heraufziehende Krisenwolken über dem Iran und Unruhen in Nigeria ließen den Ölpreis steigen, Osama bin Ladens Terrordrohungen, wachsende Sorgen am Anleihenmarkt, übertriebene Erwartungen der Analysten, gepaart mit enttäuschenden Bilanzen von Konzernen wie Citigroup Chart zeigen, General Electric Chart zeigen und Motorola Chart zeigen.

Den US-Tradern ist das Lachen über die Probleme ihrer Kollegen in Tokio schnell vergangen. Tagelang hatten sie hier gelästert, geschmunzelt und sich den Japanern generell überlegen gefühlt - bevor ihnen plötzlich selbst buchstäblich die Felle davonschwammen. "Es überrascht mich sehr, dass in so einem High-Tech-Land wie Japan die Börse zusammenbrechen kann, nur weil das Handelsvolumen zu groß ist", hatte sich etwa der Portfolio-Manager Vincent Willyard (Applegate) noch am Donnerstag echauffiert. "Wo ist das moderne Japan?", fragte auch Morgan-Stanley-Volkswirt Takehiro Sato.

Zugegeben: Die NYSE ist - wie sie am Freitag zeigte - inzwischen dazu in der Lage, das Vier- bis Fünffache ihres täglichen Durchschnittsvolumens von 1,6 Milliarden gehandelten Aktien zu verkraften. Gleichwohl hat es auch hier schon Engpässe, Dramen und Peinlichkeiten gegeben. So machte die Börse in den Wochen nach dem Crash von 1987 täglich um bis zu zwei Stunden früher dicht, damit die Händler den Auftragsstau in den Griff bekamen. 1994 sorgten Eichhörnchen in der Nasdaq-Schaltzentrale für Kurzschlüsse. Und erst im vorigen Juni schloss die NYSE wegen einer Panne vier Minuten zu früh.

Einbruch in der zweiten Jahreshälfte?

So schnell wendet sich das Blatt eben. Heute haben die geschockten Börsianer schon wieder ganz andere Sorgen. Angstvoll starren sie auf eine Flut neuer Zahlen (siehe Kasten), in der Hoffnung, dass angenehme Überraschungen den Markt wieder aus dem Minus reißen. Andernfalls drohen neue Tiefschläge: "Wenn die Umsätze und Prognosen diese Woche nicht besser werden", warnte angesichts dieser Aussicht Marktstratege Paul Mendelsohn auf dem Börsendienst TheStreet.com, "können wir erwarten, dass es mehr von dieser Sorte gibt".

Alles Hoffen ist vergebene Liebesmüh, findet indes der New Yorker Börsenexperte Barry Ritholtz. Dessen deprimierende Prognose für 2006: Der Dow werde, nach einem neuen Hoch zur Jahresmitte, in der zweiten Hälfte unweigerlich noch viel weiter einbrechen - auf 6800 Punkte.

Ritholtz beruft sich dabei auf historische Parallelen. Auch in den zwölf Monaten vor dem Oktober-Crash von 1987 habe der Dow Zuwächse verzeichnet, während der Nasdaq sich zwischen Oktober 1999 und März 2000 fast verdoppelt habe, bevor es krachte. "Das Muster könnte diesmal ziemlich ähnlich sein", schreibt er. "Erst ein Sprung zu neuen Höhen aufgrund irgendeiner wilden Annahme, welche sich daraufhin als falsch herausstellt."

Da sollten sich die Händler heute am besten nur an die demonstrative Zuversicht von Gouverneur Corzine klammern, der ja einst selbst in ihrer Mitte stand. Corzine tanzte übrigens vorige Woche mit seiner Tochter Jennifer ins neue Amt, zu einem Song, den er sich selbst ausgesucht hatte: "What A Wonderful World." Ob die Börsianer diese Einschätzung teilen, wird sich demnächst herausstellen.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.