Kurssturz Experten warnen vor Börsencrash-Hysterie

Panik und Verkaufshysterie beherrschen weltweit die Börsen. Experten mahnen jedoch zur Besonnenheit. Spätestens bei 6600 Punkten werde sich der Dax wieder erholen. Anlegerschützer empfehlen sogar, jetzt vereinzelt billig Aktien zu kaufen.

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Hamburg - Fünf Prozent, sechs Prozent, sieben Prozent: Für den Deutschen Aktienindex geht es heute steil bergab. Milliardenlöcher bei der WestLB reißen die Kurse nach unten, zusätzlich macht die Angst vor einer weltweiten Rezession die Runde. Geht es jetzt mit den Börsenkursen immer weiter runter?

Kursverlauf des Dax: Hochkonjunktur für Gerüchte
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Kursverlauf des Dax: Hochkonjunktur für Gerüchte

Nein, sagen Experten. "Das sieht jetzt dramatisch aus, aber so schlimm ist es nicht", sagt Matthias Jörss, Leiter Aktienstrategie bei Sal. Oppenheim, zu SPIEGEL ONLINE. "Wir waren über die Jahre hinweg steigende Kurse gewohnt - vor allem in Deutschland. Jetzt gibt es eben eine Korrektur."

Immerhin hatte sich die Krise angedeutet. Alle Anleger wussten, dass die US-Hypothekenkrise Folgen haben müsste - die Frage war nur, wann es so weit ist. "Zu Beginn des Jahres hat der Markt sämtliche Risiken ausgeblendet", sagt Jörss. "Dabei war klar: Bevor es besser wird, wird es erst mal schlimmer."

Überbewerten sollte man das aktuelle Tief aber nicht, rät Jörss. Schließlich sei der Kursverlauf nicht nur rational zu erklären. "Wenn Sie heute in den Handelsraum gehen und ein Gerücht über einen Finanzwert streuen, werden Ihnen das alle abnehmen." Für realistisch hält der Fachmann einen weiteren Rückgang des Dax Chart zeigen bis auf 6600 Punkte. "Bei schlechten Nachrichten kann es natürlich noch tiefer gehen. Tatsächlich denken wir aber daran, eher positive Kommentare zu schreiben. Langsam finden wir wieder viele attraktive Aktien." Mit anderen Worten: Die Kurse sind so tief, dass sich ein Einstieg inzwischen lohnen könnte.

Auslöser für den Kurs-Schock war heute Morgen die WestLB. Am Wochenende musste die Bank einen milliardenschweren Kapitalbedarf zugeben, weil sie sich auf dem US-Hypothekenmarkt verspekuliert hatte. "Erst tut man so, als ob man mit den amerikanischen Billigkrediten nichts zu tun hätte - und dann fehlen auf einmal zwei Milliarden Euro", schimpft Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Das verunsichert den Markt ungemein. Die Folge sind Panikverkäufe wie heute." Auch andere Bankentitel gerieten in den Abwärtsstrudel. "Was wir erleben, ist eine Lawinenbewegung", sagt Kurz.

Die entscheidende Frage für die Anleger: Was kommt da noch? Aktionärsschützer Kurz bringt es auf den Punkt: "Haben die Banken alle Verluste bekannt gegeben - oder schlummert da noch was?"

Immerhin: Kurz selbst gibt sich optimistisch. "Die Lage der Realwirtschaft ist okay. Außerdem ist genug Liquidität vorhanden, unter anderem dank ausländischer Staatsfonds." Dieses Geld suche nach Anlageformen - und wegen der niedrigen Zinsen fließe es fast automatisch in den Aktienmarkt.

"Pessimisten sollten grundsätzlich keine Aktien kaufen"

Die DSW rät deshalb zur Gelassenheit. Mehr noch: Das aktuelle Börsentief könnten Privatanleger sogar nutzen, um langsam wieder Aktien zu kaufen. "Bei einem Anlagehorizont von fünf bis sechs Jahren kann man mit einem substantiellen Unternehmen nicht viel falsch machen", sagt Kurz. "Schwächephasen eignen sich durchaus für einen Einstieg." Nur wenn man absoluter Pessimist sei, sollte man sich zurückhalten. "Aber dann sollte man grundsätzlich keine Aktien kaufen", rät Kurz.

Gerade auch Banken hält Kurz für "substantielle Unternehmen", deren Aktienkurse wieder steigen werden. "Banken gibt es auch noch in 30 oder 40 Jahren. Das bestehende System kommt ohne sie nicht aus." Natürlich hätten Banken die Tendenz, hohe Risiken einzugehen. "Aber das Geschäftsmodell an sich funktioniert. Sobald die Risiken draußen sind, werden die Institute wieder hohe Gewinne machen."

Allerdings: Einige Lehren sollte man aus der aktuellen Krise schon ziehen, fordert die DSW. "Wir brauchen mehr Transparenz und mehr Verantwortung in den Vorständen", sagt Kurz. Auch das Risikomanagement müsse verbessert werden. "Es kann nicht sein, dass eine Bank außerhalb ihrer Bilanz in irgendwelchen Zweckgesellschaften enorme Risiken eingeht. Solche Konstrukte darf es nicht geben." Die Finanzaufsicht müsse nun einen strengen Regulierungsrahmen erstellen.



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