Kurze Karriere Folgmann, der Selbstverbrenner

Was soll einer noch anfangen, der derart kunstvoll die öffentliche Selbstverbrennung als Manager inszeniert hat wie Ernst E. Folgmann? Was er bei seinem Gastspiel als Quam-Chef an Renommee eingebüßt hat, kann er in diesem Leben jedenfalls nicht wieder aufholen.

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Ernst E. Folgmann: Eine Überraschung, dass er überhaupt so lang durchhielt
[M] DPA;SPIEGEL ONLINE

Ernst E. Folgmann: Eine Überraschung, dass er überhaupt so lang durchhielt

München - Folgmanns erster Fehler war es, das Angebot von Luis Lada überhaupt anzunehmen. Lada, Chef der spanischen Telefongesellschaft Telefónica Móviles hatte ihn im Sommer 2000 gebeten, den Mobilfunk-Newcomer Quam aus der Taufe zu heben. Damit wollten die Spanier zusammen mit dem finnischen Mobilfunker Sonera versuchen, in Deutschland das große Geschäft mit UMTS machen.

Folgmann hätte es eine Warnung sein müssen, dass zuvor mehr als zehn Kandidaten Lada einen Korb gegeben hatten, wie der Personalberater Folke Leppin dem "SZ-Magazin" verriet. Sie alle glaubten nicht daran, dass ein Newcomer ohne eigenes Handy-Netz in einem gesättigten Markt gegen so etablierte Anbieter wie T-Mobile, Vodafone, E-Plus und O2 auch nur den Hauch einer Chance hätte. Folgmann aber - Fachmann für Satelliten und Richtfunk - nahm sich vor, die Welt, oder besser: den Mobilfunk-Markt, zu erobern.

In Dunkel verloren

Dabei allerdings scheiterte er nach spektakulärer als seine Firma. Anfang Juli - noch Monate bevor Quam sein Netz abschalten musste - verlor Folgmann seinen Chefposten und wurde in den Aufsichtsrat weggelobt. Viele überraschte, dass der 54-Jährige trotz spektakulärer Fehlentscheidungen überhaupt so lange durchhielt. Seither verliert sich Folgmanns beruflicher Weg im Dunklen. Einen neuen Führungsjob mit Außenwirkung zumindest scheint er nicht gefunden zu haben. Zuletzt machte Folgmann Urlaub außerhalb Deutschlands. Auf eine Bitte um Rückruf hat er nicht reagiert, in einem kurzen E-Mail machte er keine Angaben zum Verlauf seiner Karriere.

Selbst wenn Folgmanns Firma alle Talente der sprichwörtlichen Gelddruckmaschine gehabt hätte: Die Vorgaben der Großaktionäre Telefónica und Sonera und eine ganze Reihe von falschen strategischen Entscheidungen Folgmanns gleich zu Beginn seiner Amtszeit machten alle Chancen zunichte.

Schlüsselposten gleich dreifach besetzt

So sorgte bereits die Auswahl des Firmensitzes für eine wahre Kostenexplosion. Die Quam-Gesellschafter hatten sich für München entschieden, dem teuersten Standort in der gesamten Republik, wegen der Nähe zu den Partnerfirmen in Österreich und in Italien, wie es heißt. Das Bürogebäude im Norden der Stadt wurde laut "SZ Magazin" mit Designermöbeln und üppigem Grünwerk ausgestattet, um den Wohlfühlfaktor für die Mitarbeiter zu erhöhen.

Davon gab es übrigens in München auch nicht genug, schon gar nicht welche, die mit einschlägiger Erfahrung im Mobilfunk aufwarten konnten. Folgmann löste das Problem auf seine Weise: mit Geld. Er ließ die von ihm beauftragten Headhunter in die gesamte Republik ausschwärmen und verwöhnte selbst einfache Sacharbeiter mit Goodies wie Dienstwagen, Laptop, großzügigen Mietzuschüssen und wöchentlichen Heimflügen auf Firmenkosten. Das Echo war unerwartet groß. Folgmann gelang es sogar, etliche Schlüsselpositionen gleich doppelt und dreifach zu besetzen, ganz nach dem Motto: Wer jetzt nicht dringend gebraucht wird, für den findet sich bestimmt später noch eine Verwendung.

Fünf-Jahres-Vertrag für den Luxusladen

Auch bei den Geschäftsstellen entschied man sich für die anspruchsvolle Lösung. Nur großzügig geschnittene Ladenflächen in 1a-Lagen kamen in Frage. Eine Filiale im Münchner Kultkaufhaus Ludwig Beck, eine in der Spitalerstraße in Hamburg - billig dürfte das nicht gewesen sein.

Wer so viel Geld ausgibt, sollte wenigstens die Einnahmen sichern. So lange, bis UMTS Geld in die Kasse spült, wollten die Quams verständlicherweise nicht warten. Was lag also näher, als sich nach Vorbild der Büdelsdorfer MobilCom erst als Service-Provider zu bestätigen. Doch anstatt zuerst die Preise zu kalkulieren, kaufte Folgmann kurzerhand Gesprächsminuten im Wert von 60 Millionen Euro pro Jahr beim Konkurrenten E-Plus ein - lieferbar ab Dezember 2001.

Sündhaft teure Lachnummer

Um auf Basis dieses Vertrages Gewinn zu machen, hätten Folgmann Verkäufer schon in rauen Mengen Verträge verkaufen müssen. Dass ihnen das nicht gelang, war allerdings weder ihre Schuld noch die Folgmanns, aber es verdarb der jungen Telefongesellschaft das Image, das die bis dato sündhaft teure Werbekampagne so mühsam geschaffen hatte.

Quam wurde zur Lachnummer. Zunächst hatten die Techniker versäumt, die Verbindung der Quam-Handys zu den Netzen von T-Mobil (D1) und Vodafone (damals D2) herzustellen. Das Problem versuchten sie schließlich, wie in der Telefonsteinzeit durch die Zwischenschaltung eines Telefonfräuleins zu beheben.

Am 12. Dezember 2001 schließlich verfügte Großaktionär Telefónica einen Verkaufsstopp, weil sie T-Mobile die Schuld für die nicht funktionierende Verbindung ins D1-Netz gab. Das Weihnachtsgeschäft, das traditionell die Hälfte des Neukundengeschäfts bei den Mobilfunkern ausmacht war damit futsch.

Zehn Milliarden Euro verbrannt

Die Lücke ließ sich auch mit Handy-Verträgen zu Ramschpreisen nicht wieder schließen. Im März 2001 hatte Quam gerade einmal 75.000 Nutzer überzeugt. In der Verkaufshektik programmierte die Marketingabteilung sogar noch einige zusätzliche Verlustbringer, wie etwa die Partner-Karte: zwei Verträge ohne Grundgebühr plus zusätzlich ein kostenloses Handy. Und - sozusagen als I-Tüpfelchen - ein DVD-Player oder 100 Euro obendrauf.

Danach dauert die Qual nur noch wenige Monate. Drei Wochen nach Folgmanns Abgang im Sommer schloss Quam die Pforten. Telefónica und Sonera hatten rund zehn Milliarden Euro in den Sand gesetzt.



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