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ZINSEN Lack ab

Hochverzinsliche Wertpapiere wurden Anfang vergangener Woche gekauft wie schon lange nicht mehr. Trendwende bei den Zinsen oder falscher Alarm?
aus DER SPIEGEL 40/1981

Plötzlich, am Montag vergangener Woche, schien alles wie in alten Zeiten: Die Mark galt wieder etwas.

Schlagartig hatten Anleger und Spekulanten entdeckt, daß der Kauf deutscher Wertpapiere wieder lohnte. An den wichtigsten Börsenplätzen kam es zu einem Sturm auf die Festverzinslichen. Die Kurse kletterten.

Weil die Käufer gar nicht genug kriegen konnten, wurde der offizielle Börsenhandel in Frankfurt um eine Stunde verlängert. Die Bundesbank gab der stürmischen Nachfrage wegen Wertpapiere im Wert von mehr als einer Viertelmilliarde Mark ab.

Es war wie bei einem verspäteten Sommer-Schlußverkauf. »Verpassen Sie nicht die einmalige Chance«, hatte schon am Montagmorgen der »Platow Brief« die Spekulanten gemahnt.

Die Finanzmanager von Versicherungen, Pensionskassen und Investmentfonds orderten offenbar zu jedem Preis hochprozentige Zinspapiere. Selbst ausländische Großanleger, die den deutschen Markt ein halbes Jahr gemieden hatten, waren wieder dabei und verstärkten den Boom für die Rentenwerte. »Plündern Sie Ihre Terminkonten«, so Platow, »und setzen Sie alles auf die Karte festverzinsliches Wertpapier.« Auch Banken griffen die neue Parole auf: »Jetzt Renten kaufen!« empfahl die Bank für Gemeinwirtschaft.

Der Run auf die Renten setzte ein, nachdem der Dollar überraschend an Wert verloren hatte. Innerhalb weniger Wochen war die amerikanische Währung für glatt 30 Pfennig billiger zu haben.

Zunehmende Zweifel am Erfolg der rigorosen Wirtschaftspolitik von Präsident Ronald Reagan hatten den Glanz des Dollars plötzlich wieder matt werden lassen. »Der Lack ist ab«, glaubt auch Sparkassenpräsident Helmut Geiger.

Der Sturz des Dollars alarmierte die ausländischen Besitzer amerikanischer Anleihepapiere. Verschreckte Fonds-Manager von Frankfurt bis Luxemburg und London stiegen nun in deutsche Titel um.

Zwar werfen die deutschen Papiere rund fünf Prozent weniger Zinsen ab als die Hochprozenter aus den USA. Aber dafür fühlten sich die Mark-Spekulanten anscheinend vor Währungsverlusten sicher.

Verstärkt wurde die Kaufwelle durch die jüngsten Exporterfolge der deutschen Wirtschaft. So hat sich der deutsche Außenhandelsüberschuß in den ersten acht Monaten 1981 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.

Durch die überraschenden Überschüsse werden jene Devisen-Defizite S.136 abgebaut, die monatelang die Flucht aus der Mark verstärkt hatten -- das Minus in der deutschen Leistungsbilanz wird kleiner.

Sind diese Defizite aber erst einmal geschrumpft, so spekulierten Bankiers und Börsianer Anfang vergangener Woche, dann könnte Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl von seinem Hochzinskurs abgehen. Die Wirtschaft könnte aufatmen und neue Investitionen in Angriff nehmen.

Kritiker der Bundesbank verweisen auf die bösen Folgen der Politik teuren Geldes: Die Zahl der Konkurse hat im laufenden Jahr eine neue Rekordhöhe erreicht. Im Baugewerbe gehen allein in diesem Winter wahrscheinlich 200 000 Arbeitsplätze verloren, wie die Branche befürchtet. Eigenheimbesitzer können vielfach ihre Hypothekenzinsen nicht mehr bezahlen.

Seit Monaten fordern Politiker und Gewerkschafter einen Kurswechsel der Bundesbank »zugunsten von mehr Beschäftigung und Wachstum« (DGB-Vorstandsmitglied Alois Pfeiffer). Auch der Konjunkturforscher Norbert Walter vom Kieler Weltwirtschaftsinstitut warnt Pöhl, »nicht mehr so abrupt auf die Geldbremse zu treten«. Andernfalls, errechnete das Kieler Institut, müsse schon im Winter mit fast zwei Millionen Arbeitslosen gerechnet werden.

Doch nun glaubten Börsenbeobachter mit einem Mal, einen Hoffnungsschimmer auszumachen. Die starke Nachfrage nach Rentenpapieren wirkte sich auf die Zinsen aus.

Die Nachfrage nach Staatspapieren schwoll bis zum Montag vergangener Woche so stark an, daß Bonn fast täglich die Renditen verringern konnte. Auch die Hypothekenzinsen gingen um einen halben Punkt zurück.

»Trendwende oder falscher Alarm?« fragte die Frankfurter »Börsen-Zeitung«. Skepsis ist in der Tat angebracht.

Schon gegen Ende letzter Woche wurden Anleihe-Händler wieder unsicher. Zum Teil trennten sie sich, mit kräftigen Kursabschlägen von ein bis zwei Mark, von den gerade erst erworbenen Papieren. »Die Montags-Hausse«, behauptete sogleich Gerhard Tremer vom Vorstand der Bayerischen Landesbank, »war nur Euphorie.«

Tatsächlich zeigt Bundesbankchef Pöhl vorerst wenig Neigung zu einem Kurswechsel. Die Bundesbank fürchtet die Inflationsfolgen der monatelangen Dollar-Hausse. So meldete Nordrhein-Westfalen am Freitag vergangener Woche mit 6,8 Prozent die höchste Teuerungsrate seit sieben Jahren.

Überdies muß Pöhl immer nach Übersee blicken, ehe er sich entscheidet, die deutschen Zinsen zu drücken. Und in den USA (Inflationsrate: 10,7 Prozent) sind eindeutige Zeichen für einen Zinsrutsch nicht erkennbar.

Pöhls amerikanischer Notenbankkollege Paul Volcker konfrontierte vor ein paar Tagen die US-Senatoren im Budget-Ausschuß mit der harten Wahrheit: Eine Zinssenkung kommt erst in Frage, wenn die Haushaltslöcher gestopft sind.

Das kann Jahre dauern. Präsident Reagan mußte vergangene Woche den Amerikanern ein Riesendefizit von 43,1 Milliarden Dollar eingestehen. Daraufhin brachen die Kurse der US-Anleihen erneut zusammen.

Willard Butcher, Chef der Chase Manhattan Bank, prophezeite: »Wir müssen noch jahrelang mit hohen Zinsen leben« -- schlechte Aussichten auch für die Deutschen.

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