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Lady Di-namite

aus DER SPIEGEL 1/1996

Ernsthaft betrachtet hatte Europa 1995 vor allem ein Problem: den Krieg in Bosnien. Aber die Völker des Kontinents, seit mehr als vier Jahren ans Zuschauen gewöhnt, waren in erster Linie mit sich selbst beschäftigt: Die Briten bangten, nachdem Lady Di Fernsehgericht über sich und die Lieben gehalten hatte, um Wohl und Wehe des Hauses Windsor. Londons Boulevardpresse buchstabierte: »Lady Di-namite«. Die katholischen Polen ereiferten sich in einer historischen Präsidentenwahl, aus der Lech Walesa, einstiger Solidarnosc-Held, geschlagen, ein ehemaliger Kommunist aber als Sieger hervorging - der in jede Richtung bewegliche Aleksander Kwasniewski.

Italienische Verhältnisse: Nicht einmal Hollywood hätte sich getraut, einen solchen Paten zu präsentieren; der langjährige Regierungschef und Außenminister Giulio Andreotti kam wegen mafioser Umtriebe, Mord inklusive, vor Gericht. In Belgien brachten Korruptionsvorwürfe den ehemaligen Außenminister Claes um das Amt des Nato-Generalsekretärs, in dem er sich eben erst eingerichtet hatte. In Frankreich, das sich vom Sozialisten Mitterrand dem Gaullisten Chirac zugewandt hatte, war zu besichtigen, was passieren kann, wenn eine Regierung auch nur einem Teil der Bürger Verzicht zumuten will: wochenlange Streiks, vor allem im Öffentlichen Dienst und mit dem dabei üblichen Chaos. Und in der nördlichen Hälfte Europas nötigte ein Umweltprotest sondergleichen die niederländisch-britische Shell, auf die Versenkung der mit Giftstoffen beladenen Ölbohrinsel »Brent Spar« zu verzichten.

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