Ländervergleich Niedriglohnsektor wächst in Deutschland rasant

Sie arbeiten im Gastgewerbe, im Einzelhandel oder im Dienstleistungsbereich - und verdienen viel zu wenig. Laut einer Studie arbeiten schon heute 22 Prozent der Beschäftigten in Deutschland im Niedriglohnbereich. Damit liegt die Rate nur noch knapp unter dem amerikanischen Niveau.


Frankfurt am Main - Fünf europäische Staaten haben die Forscher untersucht und das Ergebnis ist nicht besonders schmeichelhaft: In Deutschland könnte der Niedriglohnsektor bald größer sein als in den USA, so das Ergebnis des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ), berichtet die "Frankfurter Rundschau". Schon heute arbeiteten 6,5 Millionen Beschäftigte für wenig Geld, sagte IAQ-Direktor Gerhard Bosch der Zeitung. "Die Befunde für die Bundesrepublik sind besorgniserregend."

Reinigungspersonal der Bahn: Tariflöhne gelten selten
AP

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Innerhalb eines Jahrzehnts sei der Anteil der Geringverdiener stark gestiegen - und zwar von 15 auf 22 Prozent. Damit liege Deutschland 2005 knapp über dem britischen Niveau, heißt es demnach in der Studie, für die der Niedriglohnsektor in fünf europäischen Staaten untersucht wurde. Selbst der auf 2005 folgende Konjunkturaufschwung habe den Trend nicht gestoppt, die Rate stieg noch einmal leicht an. In Frankreich sei die Quote gerade mal halb so hoch wie hierzulande, in Dänemark sei sie noch niedriger, schreibt die "Frankfurter Rundschau" weiter.

Grund für die starke Ausbreitung der Billiglöhne sei nicht nur die deutsche Wiedervereinigung und die daraus folgende Wachstumsschwäche, so die Wissenschaftler. Hinzu komme auch, dass der Einfluss der Tarifparteien geschwunden sei: Früher hätten Gewerkschaften und Arbeitgeber für die meisten Beschäftigten Einkünfte und Arbeitsbedingungen geregelt. Heute dagegen gelten nur noch für einen Teil der Jobs hohe Tarifstandards, eine wachsende Zone des Arbeitsmarktes sei kaum noch oder gar nicht geregelt. "Das gilt insbesondere für den privaten Dienstleistungssektor, und genau hier gibt es besonders viele Geringverdiener", schreibt die "Frankfurter Rundschau".

Als Niedriglöhner gilt, wer weniger als zwei Drittel des mittleren Stundenlohns verdient. 2006 lag die Grenze bei 6,81 Euro im Osten und 9,61 Euro im Westen. Dabei sind es nicht nur Ungelernte, die wenig verdienen: Drei Viertel der Leute haben eine Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss, so die Forscher. 68 Prozent der Geringverdiener seien Frauen, 46 Prozent sogar Vollzeit-Beschäftigte. Sie arbeiten im Gastgewerbe (63 Prozent), im Einzelhandel (40 Prozent) und im Dienstleistungsbereich (36 Prozent).

IAQ-Direktor Bosch fordert für genau diese Beschäftigten eine tarifliche und gesetzliche Lohn-Untergrenze. Ein gesetzlicher Mindestlohn würde immerhin den Menschen helfen, die "Hungerlöhne von vier oder fünf Euro kriegen", sagte der Volkswirt der Zeitung. Der Blick nach Großbritannien zeige aber, dass das kein Allheilmittel sei. Er fordert deshalb eine Stärkung der Tarifpolitik - insbesondere dadurch, dass mehr Tarifverträge für allgemein verbindlich erklärt und mittlere Einkommen dadurch stabilisiert würden.

sam



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