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06. März 2007, 17:06 Uhr

Längere Atomlaufzeiten

Kernkraftgegner halten Brunsbüttel für Sicherheitsrisiko

Der Atomausstieg soll aufgeweicht werden - zumindest, wenn es nach den Stromkonzernen geht. Vattenfall hat heute längere Laufzeiten für seinen Reaktor in Brunsbüttel beantragt. Kernkraftgegner laufen Sturm - sie halten den Atommeiler für ein Sicherheitsrisiko.

Hamburg - Vor wenigen Tagen war RWE mit seinem Antrag gescheitert. Das Bundesumweltministerium versagte dem Unternehmen Presseberichten zufolge eine längere Nutzung des Kernkraftwerks Biblis A. Konkurrent Vattenfall lässt sich davon aber nicht abschrecken: Heute stellte das Unternehmen seinerseits einen Antrag auf längere Atomlaufzeiten, und zwar für den 30 Jahre alten Reaktor Brunsbüttel in der Nähe von Hamburg.

Atomkraftwerk Brunsbüttel: Betrieb bis 2011 beantragt
DDP

Atomkraftwerk Brunsbüttel: Betrieb bis 2011 beantragt

Wie Vattenfall mitteilte, soll der Meiler, der laut Atomkonsens 2009 abgeschaltet werden müsste, bis 2011 in Betrieb bleiben. Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) kündigte die Prüfung des Antrages an. Umweltverbände protestierten scharf gegen das Vorhaben. Vattenfall war im vergangenen Jahr wegen einer Panne in seinem schwedischen Kraftwerk Forsmark in die Kritik geraten.

Beantragt wurde von dem Stromerzeuger die Übertragung von 15 Milliarden Kilowattstunden aus dem virtuellen Kontingent des nie in Betrieb gegangenen Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich bei Koblenz. Damit würde sich die Betriebszeit von Brunsbüttel laut Vattenfall um rund zweieinhalb Jahre verlängern.

Vattenfall begründete seinen Antrag vor allem mit Umweltschutzaspekten. "Die CO2-freie Stromerzeugung aus Kernenergie versetzt uns in die Lage, unsere wichtigen Klimaschutzziele zu erreichen", sagte der Vorstandsvorsitzende von Vattenfall Europe, Klaus Rauscher. Der Weiterbetrieb von Brunsbüttel sei eine Sofortmaßnahme gegen den CO2-Ausstoß, die es Vattenfall ermögliche, so zügig wie möglich eine CO2-freie Stromerzeugung zu entwickeln, darunter die CO2-freie Kohleverstromung.

Das Bundesumweltministerium bestätigte den Eingang des Antrages. Er werde nun auf der Grundlage des bestehenden Atomgesetzes geprüft, was einige Monate dauern könne, erklärte ein Sprecher.

Laut Atomkonsens ist jedem deutschen Kernkraftwerk eine spezifische Reststrom-Menge zugeteilt, die es noch produzieren darf. Ausdrücklich ist im Gesetz die Möglichkeit zur Übertragung dieser Strommengen von einem Kernkraftwerk auf ein anderes geregelt. Eine Übertragung von älteren auf neuere Anlagen ist ohne Zustimmung möglich. Der umgekehrte Weg bedarf der Genehmigung der Bundesregierung.

Brunsbüttel hatte seinen kommerziellen Betrieb bereits im Februar 1977 aufgenommen. Der Energieexperte von Greenpeace, Thomas Breuer, forderte deshalb die sofortige Abschaltung des Kernkraftwerks. Der Meiler sei eines der gefährlichsten Atomkraftwerke Deutschlands.

"Gelddruckmaschine Brunsbüttel"

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) nannte das Argument, der Weiterbetrieb von Brunsbüttel schütze das Klima, fadenscheinig. Jeder wisse, dass Atomkraftwerke den Erfordernissen des Klimaschutzes im Wege stünden und den Umbau der Energiewirtschaft behinderten. Die Hamburger Grünen schlossen sich dem Protest an. Die Landesvorsitzende Anja Hajduk erklärte, was Vattenfall-Chef Rauscher als Beitrag zum Klimaschutz verkaufe, sei eine billige Mogelpackung. Die Gelddruckmaschine Brunsbüttel solle "auf Kosten der Sicherheit der Bevölkerung Überstunden schieben, und das Ganze wird dann als Maßnahme zur Rettung des Planeten deklariert".

Auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) bezeichnete das vor den Toren der Stadt Hamburg gelegene Kraftwerk als "das größte Sicherheitsrisiko in Norddeutschland". Die Vereinigung "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs" (IPPNW) kritisierte die Ankündigung von Vattenfall ebenfalls. Es sei "eine neue Lüge der Energiekonzerne", wenn diese die Atomenergie als für den Klimaschutz notwendige "Brücke" auf dem Weg ins Solarzeitalter bezeichnen, erklärte die IPPNW.

wal/AP/ddp

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