Längerer Ladenschluss Der Freiheit zuviel

Stell Dir vor, die Läden haben offen und keiner geht hin: Genau so sieht das anscheinend aus, abends in Deutschland. Der Handel grummelt, die verlängerten Öffnungszeiten interessierten die Kunden gar nicht. "Im Prinzip", resümiert ein Branchenvertreter, "ist das ein Flop".


Hamburg - Hand aufs Herz: Wann waren Sie das letzte Mal gegen 21 Uhr in einem Kaufhaus? Rein statistisch dürfte das zur Weihnachtszeit gewesen sein, denn da nahmen noch viele Kunden das Angebot längerer Öffnungszeiten wahr. Seitdem jedoch lässt sich zu später Stunde in so manchem Laden die Besatzung verdoppeln, indem man ihn einfach betritt. Kurz und knapp zusammengefasst: Der Handel ist unzufrieden, die neue Freiheit hat wenig gebracht. In Deutschlands Einkaufspassagen herrscht nach 20 Uhr fast so tote Hose, als hätten die Läden zu.

Ab Acht leere Gänge: Da könnte man sich mit dem Einkaufswagen so richtig austoben, wenn man wollte
DPA

Ab Acht leere Gänge: Da könnte man sich mit dem Einkaufswagen so richtig austoben, wenn man wollte

Gut möglich, dass das bald ohnehin wieder der Fall sein wird. Einer aktuellen Umfrage der Nachrichtenagentur dpa zufolge grummelt es ganz schön in der Branche. Längst probiere es da jeder mit eigenen Rezepten: So einige hätten die Pforten schon wieder dichtgemacht nach Acht, andere öffneten nur zu besonderen Anlässen oder verhandelten mit den lieben Konkurrenten über gemeinsame Kernzeiten - auf das ja nur niemand dem anderen die äußerst fettarme Butter vom trockenen Brot nehme.

Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels (HDE), hält es nur für logisch, dass der Handel seine Öffnungszeiten "kundengerecht" lege: "Es war von vornherein nicht zu erwarten, dass nun alle Läden rund um die Uhr öffnen." Wie sich das Ganze entwickele, müsse man erst einmal abwarten.

Da haben seine Kollegen in den meisten Ländern durchaus schon eine Ahnung. "Die Freigabe ist im Prinzip ein Flop", meint etwa Frank Albrecht, der Präsident des Hessischen Einzelhandelsverbands. Sehr ähnliche Statements dringen aus allen regionalen Handelsverbänden. "Der allgemeine Trend scheint der zu sein, dass die erweiterten Öffnungszeiten wieder zurückgefahren werden", meint Rainer Gallus vom Einzelhandelsverband Nordrhein-Westfalen. Es würden sich Ladenschlusszeiten von zunächst 21.00 Uhr und dann auch wieder 20.00 Uhr etablieren. Um den Verbrauchern die Orientierung zu erleichtern, sei ein langer Donnerstag im Gespräch.

Tot bleibt tot, lebendig wird lebendiger

Das klingt nach sukzessiver Entwöhnung, obwohl es doch angeblich an Nachtaktiven Kaufsüchtigen mangelt. Doch die Beschwerden über die neue Freiheit, über viele Jahre mit eifersüchtigen Blicken über die Grenzen vehement eingefordert, sind zu gleichlautend, um erfunden zu sein: Zu wenige Kunden nehmen das Angebot wahr, Personalkosten und andere Overheads verhinderten, dass sich das lange Öffnen lohne.

Unzufrieden ist da nicht zuletzt auch das Personal. Die Zeit geht nicht um, wenn nichts zu tun ist, mäkelt eine Verkäuferin aus Bonn. Außerdem seien eh nur die großen Häuser geöffnet, die Innenstadt wirke da tot, und darum käme auch keiner: "Am Ende klauen Sie dir auf der menschenleeren Straße noch das Portemonnaie."

Genau da könnte die Krux allerdings verborgen liegen. Die einzigen Handelsverbände, die zufrieden steigende Abendumsätze melden, sind die der Großstädte. In Berlin und Hamburg etwa rechnet man fest damit, dass sich das Abendshopping im Laufe des Jahres etabliert. Klar: Wo Leben ist, geht man hin.

Für Detlef Steffens, den Geschäftsführer der Galeria Kaufhof am Berliner Alexanderplatz, sind die neuen Öffnungszeiten jedenfalls "ein Geschenk des Himmels, das die Kunden angenommen haben". Was vielleicht weniger an der Uhr liegt, als am Standortvorteil.

pat/dpa



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