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Vermieter Längst abgemeldet

Im Spitzenverband der Hauseigentümer geht das Gerangel um den künftigen Präsidenten los.
aus DER SPIEGEL 36/1990

Der ewige Ärger mit den Mietern, so scheint es, hält jung. Zumindest die Spitzenrepräsentanten der deutschen Hausbesitzer laufen im Rentenalter zur Hochform auf.

Souverän führt der 84jährige Hermann Kohlhase, Minister a. D., den Düsseldorfer Ortsverein der Hauseigentümer. Vor einem Jahr ist er aus dem Vorstand des Zentralverbands der Deutschen Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer ausgeschieden, um einem Jüngeren Platz zu machen. Sein Nachfolger in dem Spitzengremium, Stadtdirektor a. D. Hans Hochbruck, ist 65.

Noch taufrisch fühlt sich der 82jährige Fritz Hofmann, der im Zentralverband die saarländische Landesorganisation vertritt. Verbandspräsident Theodor Paul hat mit seinen 65 Jahren in etwa das Durchschnittsalter der Honoratiorenrunde erreicht.

Der Junior im Vorstand ist der 49jährige Kölner Rechtsanwalt Dietmar Artzinger-Bolten. Ausgerechnet er, so fordert eine Minderheit im Verband, soll im nächsten Jahr Präsident werden. Der Kölner hat zwar als CDU-Ratsherr das richtige Parteibuch. Doch ihm fehlt es an der Würde, die so viele seiner Vorstandskollegen auszeichnet. »Der Fußballer« nennen ihn manche abschätzig, denn Artzinger-Bolten ist Präsident des 1. FC Köln.

Dem amtierenden Hauseigentümer-Präsidenten jedenfalls liegt der Fußballer gar nicht. Theodor Paul, der im nächsten Jahr abtritt, hat sich einen anderen Nachfolger ausgeguckt: einen bayerischen Landtagsabgeordneten namens Gustav Matschl, 57.

Doch als Paul auf der letzten Vorstandssitzung den CSU-Hinterbänkler als seinen Nachfolger vorschlug, regte sich erstmals seit vielen Jahren Widerstand gegen den allmächtigen Präsidenten: Der Vorstand untersagte Paul, auf der nächsten Verbandstagung Ende September seinen Matschl als Redner auftreten zu lassen. In den 19 Jahren seiner Amtszeit hat der Spitzenrepräsentant der Vermieter solche Aufmüpfigkeit selten erlebt.

Umstritten ist der Präsident allerdings schon seit langem. Allzu borniert, so werfen ihm seine Kritiker vor, vertrete er die Interessen der Grundeigentümer. Die Organisation arbeite ineffizient, jüngere Mitglieder seien für den behäbigen Verein schwer zu gewinnen. Doch Paul hat es stets verstanden, Kritik an seiner Amtsführung als Attacke auf das Grundeigentum umzudeuten.

Kenner des Verbands berichten, Paul spiele Vorstandsmitglieder gegeneinander aus, er informiere nicht einmal seine Stellvertreter. Der Präsident habe, klagt einer, »eine Atmosphäre geschaffen, wo jeder jedem mißtraut«. Der gewiefte Verbandstaktiker reise unermüdlich durch die Republik, besuche Landesverbände und Ortsvereine: »Der ist auf jeder Katzenhochzeit.«

Wohin Paul auch reist, meist wird er von langjährigen Bekannten begrüßt. In Hamburg ist das sein Altersgenosse Gustav-Erich Winguth, der als 59jähriger vor vier Jahren zum Landesvorsitzenden aufstieg. Winguth läßt, so ist es alter Brauch, in seinem monatlichen Mitteilungsblatt auch immer ein Kochrezept drucken. So wissen seine Mitglieder, wie man einen leckeren Rhabarber-Auflauf zubereitet. Wie viele Grundeigentümer aber im Verband organisiert sind, dürfen sie nicht wissen.

Den aktuellen Mitgliederstand - derzeit sind es rund 560 000 - erfahren nur die Vorstandsmitglieder. Der Präsident, der in seinem Haus den Schriftverkehr liebt, gibt die Zahl auf einem Papier zur Kenntnis: »Vertraulich« steht oben drauf, mit drei Ausrufezeichen. Offenbar ist es Paul unangenehm, daß von den mehr als elf Millionen Bundesbürgern mit eigenem Grund gerade fünf Prozent organisiert sein wollen.

Am Ruf des Verbands würde die Veröffentlichung dieser Daten wenig ändern. Der ist durch die regelmäßigen Verlautbarungen des Präsidenten ohnedies nicht der beste. Jahraus, jahrein zeichnete Paul das Bild des Hausbesitzers, der praktisch schutzlos der Mieterwillkür ausgeliefert ist und ein Verlustgeschäft betreibt.

Die privaten Eigentümer stellen 77 Prozent aller Mietwohnungen in der Bundesrepublik. Aber aus der wohnungspolitischen Diskussion hat sich ihr Verband längst abgemeldet.

Mit seiner Drohung eines »Investitionsboykotts« und seinem ewigen Lamento über den »überzogenen Mieterschutz« nervt er inzwischen viele seiner Mitglieder.

Nur mit dem knappen Kommentar »Wenig hilfreich« schiebt die Bonner Bauministerin Gerda Hasselfeldt, CSU, die Anregungen des Vermieter-Präsidenten beiseite.

Kein Wunder, daß viele Verbandsobere sich bald einen Mann an der Spitze wünschen, der weniger jammert und ihre Interessenvertretung geschickter präsentiert. »Wir müssen«, sagt Verbandsfunktionär Hanns Schaefer mit Blick auf die kommende Wahl, »raus aus der rechtskonservativen Ecke.«

Schaefers Wunschkandidat Artzinger-Bolten wäre da der richtige Mann. Anders als Paul, gibt sich Artzinger-Bolten, ein glänzender Selbstdarsteller, gern volkstümlich. Und er kennt die Probleme eines Mieters - er selbst hat seit Jahren Krach mit seiner Vermieterin.

Dem Anwalt gehören zwar rund zwei Dutzend Wohnungen. Er hat aber, zusammen mit den Kollegen seiner Sozietät, zwei Wohnungen gemietet, die er ohne Genehmigung als Büroräume zweckentfremdet. Und weil da Ameisen herumliefen, hat er schon die Miete um 1000 Mark gemindert.

Nun hat ihm die Hausbesitzerin gekündigt, weil Artzinger und Kollegen die Wohnungen gewerblich nutzen. Artzinger will nicht ausziehen, eine Räumungsklage läuft.

Dietmar Artzinger-Bolten könnte dann der erste Präsident der deutschen Hauseigentümer werden, der aus einer Wohnung herausgeworfen wurde. o

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