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BIER Lästige Ausländer

Vor dem Europäischen Gerichtshof wird in dieser Woche über das deutsche Bier verhandelt. *
aus DER SPIEGEL 20/1986

Das hat es in der 28jährigen Geschichte des Europäischen Gerichtshofes noch nicht gegeben: Weil der Andrang so groß ist, müssen für die Verhandlung am kommenden Dienstag und Mittwoch Einlaßkarten verteilt werden. Für Interessierte, die bei der Platzreservierung leer ausgingen, wird die Verhandlung in dem Luxemburger Gericht per Lautsprecher übertragen.

Es geht um ein Thema von höchster Brisanz: um das Reinheitsgebot des deutschen Bieres. Oder, wie der bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauß es einmal formulierte, um den »Höllensturz eines der ältesten und bewährtesten Lebensmittelgesetze der Welt«.

Vertreten von vier juristischen Bevollmächtigten, beraten von etlichen Professoren und gewappnet mit fünf Gutachten, wird die Bundesrepublik an diesem Dienstag in der Rechtssache 178/84 dafür streiten, daß in den deutschen Gaststätten auch künftig nur nach deutschen Normen gebrautes Bier ausgeschenkt wird.

Weil die Deutschen darauf bestehen, daß auch importiertes Bier nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut ist, haben die EG-Kommissare die Bonner verklagt. Die Brüsseler Behörde, angeschoben von den Bierbrauern in den Nachbarländern, hält das Bestehen auf dem Brau-Kodex aus dem Jahre 1516 - nach dem der Sud nur aus Gerste, Hopfen, Hefe und Wasser bestehen darf - schlicht für einen Vorwand.

In Wahrheit wollten die Deutschen nach Meinung der Brüsseler ihren Markt vor ausländischen Konkurrenten abschirmen. Für die Brüsseler steht fest daß es der Bonner Regierung und den Bierbrauern nicht so sehr um reines Bier sondern um reinen Protektionismus geht.

Die Deutschen halten dagegen, sie seien allein um die Gesundheit ihres biertrinkenden Volkes bemüht. Im statistischen Durchschnitt würde die männliche Bundesbevölkerung 26,7 Prozent des Nahrungsbedarfs in Form des Gerstensafts zu sich nehmen. Daher müßte dieses Lebensmittel besonders rein gehalten werden. Einfuhrbeschränkungen für ausländische Biere, die statt mit teurer Braugerste auch mit billigem Mais und Reis oder gar mit Zusatzstoffen produziert würden, dienten vor allem dem Wohlbefinden der Bürger.

Die Kommission rechnete anhand des Ernährungsberichts von 1984 nach und kam auf einen nur 20prozentigen Bieranteil. Zudem tränken die Bundesbürger im Jahresdurchschnitt 20 Liter mehr Kaffee als Bier.

Bei ihren Recherchen fanden die EG-Beamten überdies heraus, daß es erst seit Anfang des Jahrhunderts ein für ganz Deutschland geltendes Reinheitsgebot gibt. Damals drückten die Bayern ihr strenges Bierrecht den norddeutschen Staaten auf. Die Nordlichter hatten bis dahin ihrem Gebräu arglos Zucker, Mais und Reis zugesetzt.

Damals, wie heute, waren für den Kampf ums reinere Bier wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend. Seinerzeit hatten sich die Bayern mit der reichseinheitlichen Regelung einen größeren Absatzmarkt für Braugerste und Malz verschafft. Diesmal geht es natürlich darum, die deutsche Brauwirtschaft vor den lästigen Ausländern abzuschirmen.

Mit auf der Anklagebank sitzen in Luxemburg die Griechen, bei denen im 19. Jahrhundert der bayrische Griechenkönig Otto das Reinheitsgebot einführte. Richtig ernst aber nahmen die Hellenen es mit dem sauberen Bier erst, als sie EG-Mitglied wurden und sich nicht mehr durch hohe Einfuhrzölle vor italienischem Importbier schützen konnten. Vor dem Beitritt waren Schaumregulierer und Konservierungsstoffe im griechischen Bier erlaubt.

Nicht weniger widersprüchlich verhalten sich die Deutschen, die ihre Exportbiere sehr wohl mit Zusatzstoffen anreichern, um sie haltbar zu machen. Die deutschen Brauer weigern sich zudem, auf dem Etikett der Flaschenbiere - wie es eine EG-Richtlinie vorschreibt - ein Haltbarkeitsdatum anzugeben. Wären sie ehrlich, müßten die Brauer die Verwendung von Konservierungsmitteln angeben oder ein sehr kurzfristiges Verfalldatum etikettieren.

Wenn es hingegen darum geht, die gesundheitsgefährdenden Zusatzstoffe in den ausländischen Bieren anzuprangern, ist den Brauern keine Übertreibung zu kühn so empfahl der Geschäftsführer der Bitburger Brauerei, Michael Dietzsch, den Import-Sud »mit einem Totenkopf auf dem Etikett kenntlich« zu machen.

Dabei ist längst bekannt, daß es mit der Reinheit des deutschen Bieres so weit auch nicht her ist. Braugetreide, Hopfen und Wasser enthalten Rückstände aus Schwermetall und Pflanzenschutzmitteln. Obergärigem Bier wie Kölsch, Alt und Berliner Weiße darf seit jeher Zucker beigegeben werden. Das auf Jahrmärkten ausgeschenkte Einfachbier darf mit Saccharin aufgebessert werden.

Im vergangenen Jahr bröckelte der Mythos vom reinen deutschen Bier weiter, als in bayrischen Hellen die giftige Monochlor-Essigsäure entdeckt wurde.

Die im Ausland verwendeten Zusatzstoffe wurden von der EG-Kommission inzwischen analysiert. Es sind Chemikalien, die in der Bundesrepublik durchaus für andere Lebensmittel zugelassen sind, zum Beispiel Ascorbinsäure. EG-Direktor Manuel Santarelli: »Es ist nicht verständlich, warum diese Stoffe ausgerechnet im Bier schädlich sein sollen.«

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