Landklinik-Sterben Sanierung via Laptopmedizin

2. Teil: Weiter zu Teil II: Bonuspunkte und Last-Minute-Tarife im Krankenhaus


Vernetzung ist dennoch die einzige Überlebenschance aller Krankenhäuser, erklärt die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst&Young. Auch wenn es großen Klinikkonzernen wie der Rhön AG derzeit noch auf fast erschreckend simple Weise gelingt, kleine Häuser nach der Übernahme aus öffentlicher Hand wieder rentabel zu machen.

Das Dippoldiswalder Krankenhaus etwa hievte die Rhön AG aus der siebenstelligen Verlustzone heraus: Das Labor wurde outgesourced, der Einkauf und die Arbeitsprozesse optimiert und die Klinik schließlich mit dem Freitaler Spital zu einem Unternehmen verschmolzen. Im vergangenen Jahr wurden in Dippoldiswalde zwei Millionen Euro Überschuss erwirtschaftet.

Doch auch die privaten Betreiber stehen unter Druck. Vor allem die Abrechnung nach dem Prinzip der "Diagnosis Related Groups" belastet die Krankenhäuser. Bezahlt wird nicht mehr nach der Liegezeit, stattdessen wurden Fallpauschalen eingeführt. Teure Technologien und effizientere Behandlungsmethoden kommen hinzu. Ernst&Young zufolge wird jede vierte Klinik in den nächsten zehn Jahren dichtmachen müssen.

Markenbildung und Kundenorientierung

Die Zukunft gehöre sogenannten Gesundheitszentren, prophezeien die Experten gar: Unternehmen, die unter einem Dach stationäre und ambulante medizinische Versorgung mit Fitness- und Wellness-Angeboten verbinden. Solche Einrichtungen glichen außerdem wegen der verschärften Konkurrenz irgendwann zwangsläufig eher Hotels als Krankenhäusern.

Vom Gott in Weiß zum Dienstleister - auch die Gruppe ConceptHospital hält dieses Szenario für wahrscheinlich. Von Markenbildung und Kundenorientierung sprechen die Ärzte und Fachleute des Thinktanks. Auf dem Reißbrett werden sogar Bonuspunktsysteme und Last-Minute-Tarife für nicht akute OPs angedacht.

Das seien in erster Linie Gedankenspiele, beschwichtigt einer der Vordenker der Gruppe, Markus Müschenich. Eines sei aber jetzt schon möglich: "Eine Klinik, die schon vor meinem Besuch informiert ist und mich danach weiter begleitet." Kliniken müssten sich nicht nur intern und untereinander, sondern auch mit niedergelassenen Ärzten breitflächig vernetzen. Organisatorisch lebten die behäbigen deutschen Institutionen jedoch größtenteils noch in der Steinzeit, erklärt der Kinderarzt und Leiter des Vereins zur Errichtung evangelischer Krankenhäuser.

Eugen Münch, Gründer der Rhön AG und geistiger Vater der Teleportal-Klinik, fällt ein ähnlich harsches Urteil. Während US-amerikanische Kliniken schon Radiologiedaten in Indien auswerten ließen, seien die Patienten in Deutschland bisher allenfalls "in einer Art Sprungtherapie" an andere Ärzte überwiesen worden. "Wo der Patient hinkommt, hing weitgehend davon ab, wer wen kennt."

Um das zu ändern, arbeite man bereits an einem digitalen Netzwerk mit niedergelassenen Ärzten, erklärt Andrea Aulkemeyer, Vorstandsmitglied des Konzerns. Auch die Computersysteme sämtlicher Rhön-Kliniken sollten "auf lange Sicht" vollständig harmonisiert werden.

Bis dahin muss es der sogenannte "Patient Master Index" tun, der in zwei Kliniken in Leipzig schon ausprobiert wird. Über dieses Suchsystem sollen die Ärzte des Konzerns auf Laborergebnisse oder Krankenakten aus anderen Kliniken zurückgreifen können. "Sie müssen sich das ein bisschen vorstellen wie Google", sagt Aulkemeyer.

Digitales Alter Ego

Klinikgründer Münch, der erst vor wenigen Monaten den Vorstandsvorsitz abgab und jetzt im Aufsichtsrat des Konzerns sitzt, träumt schon lange davon, dass es für jeden Patienten ein digitales Alter Ego gibt. Es soll sämtliche relevanten Daten und die Krankheitsgeschichte gespeichert haben. Der Arzt hätte so die notwendigen Informationen verfügbar und der Patient könnte sich beispielsweise über speziell auf ihn zugeschnittene Therapien informieren.

Bedenken etwa bezüglich des Datenschutzes will Münch nicht gelten lassen. "Wenn Sie heiraten, dann weiß ihr Partner auch alles über Sie", erklärt der 60-Jährige. Man müsse sich eben bewusst einen Arzt seines Vertrauens aussuchen. Dafür müsste allerdings auch der Patient seine Einstellung ändern, sich besser informieren und kritischer sein. Das Gesundheitssystem der Zukunft werde sehr vielfältig sein. "Der Patient muss lernen, das auch richtig zu nutzen."



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