Fleischindustrie Erneuter Coronavirus-Ausbruch in deutschem Schlachthof

Das Corona-Kabinett hat die Beratungen über die Missstände in der Fleischindustrie auf Mittwoch verschoben. Dabei drängt die Zeit: Jetzt wurde ein weiterer massiver Corona-Ausbruch in einem deutschen Schlachtbetrieb bekannt.
Schlachterei: "Grundlegende Reform" erforderlich

Schlachterei: "Grundlegende Reform" erforderlich

Foto: Oliver Krato / picture alliance / dpa

Erneut hat es in einem deutschen Schlachthof einen massiven Ausbruch von Coronavirus-Infektionen gegeben. 92 Mitarbeiter eines Betriebs im niedersächsischen Dissen wurden positiv getestet, wie der Landkreis Osnabrück am Sonntag mitteilte. Für die Infizierten und ihre Kontaktpersonen wurde den Angaben zufolge Quarantäne angeordnet. Die Produktion in dem Schlachthof ruht inzwischen.

Der Gesundheitsdienst für Landkreis und Stadt Osnabrück ermittelt nach eigenen Angaben derzeit die Kontaktpersonen der positiv Getesteten, damit diese ebenfalls in Quarantäne geschickt werden können. So soll auch verhindert werden, dass Kontaktpersonen in anderen Betrieben der Fleischindustrie eingesetzt werden und dort möglicherweise das Virus weiterverbreiten. Der Landkreis habe außerdem die umliegenden Kreise Gütersloh, Steinfurt, Wesel und Vechta informiert, in denen die weiteren 30 positiv Getesteten wohnten. Viele von ihnen wohnten in Sammelunterkünften und würden von Subunternehmen beschäftigt, teilte der Landkreis weiter mit. Bereits zuvor waren in mehreren anderen deutschen Schlachthöfen zahlreiche Infektionsfälle aufgetreten.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) appellierte angesichts der Situation an die Bundesregierung, eine "grundlegende Reform" der Fleischindustrie auf den Weg zu bringen. Es müsse neue Gesetze und "glasklare Regeln" für die Branche geben, sagte NGG-Vizechef Freddy Adjan den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Dazu gehöre vor allem das Verbot von Werkverträgen im Kernbereich der Unternehmen.

Die massive Häufung von Corona-Infektionen unter den Mitarbeitern in den Schlachthöfen hat auch in der Politik alarmiert. Das sogenannte Corona-Kabinett der Bundesregierung sieht massiven Beratungsbedarf und hat dafür die eigentlich für Montag geplanten Gespräche über die Missstände in der Fleischindustrie auf Mittwoch verschoben.

Im Brennpunkt der Diskussion steht der Umgang mit saisonalen Arbeitskräften aus dem Ausland, nachdem die Fleischindustrie wegen prekärer Arbeits- und Unterkunftsbedingungen seit vielen Jahren in der Kritik steht. Ein Vorschlag von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sieht vor, das Arbeitsschutzgesetz zu ändern, um in der Branche mit ihren vielen Werkverträgen und Subunternehmern "aufzuräumen": "Wir brauchen verbindliche Quoten für die Kontrollen, schmerzhafte Bußgelder bei Verstößen und klare, unmissverständliche Verantwortung eines Arbeitgebers für seine Betriebsabläufe." Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner und der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (beide CDU) forderten, Bußgelder auf bis zu 30.000 Euro zu verdoppeln. Der Unionsfraktionsvize Georg Nüßlein (CSU) brachte eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Fleisch - derzeit sieben Prozent - ins Spiel.

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Grünenchef Robert Habeck will sogar direkt über einen Mindestpreis auf Tierprodukte eingreifen. "Wenn wir von Bauern gute Arbeit, Tierschutz und Klimaschutz verlangen, dann müssen wir sie auch dafür bezahlen", sagte er der "Bild"-Zeitung. Daneben hat er nach einem Funke-Medienbericht vom Wochenende einen Plan unterbreitet für ein Verbot von Werkverträgen über Subunternehmen, bessere Bedingungen der Tierhaltung, eine "korrekte Entlohnung" und mehr Kontrollen.

Die Arbeitnehmervertreter sehen hingegen das Übel vorrangig im System der Werkverträge. Die Anheuerung von Subunternehmen habe die schlimmsten Zustände in der Branche ermöglicht, betonte Gewerkschafts-Vizechef Adjan. Die Betriebe dürften das Schlachten nicht mehr "an dubiose Billigfirmen vergeben und damit die Verantwortung auslagern". Die Fleischkonzerne hätten "skrupellos die Gesundheit von Zehntausenden Menschen gefährdet".

mik/afp