Landminen im Wüstensand Rommels Erbe blockiert Ägyptens Zugang zum Reichtum

Tückische Spätfolgen des Weltkriegs: 1942 kämpfte "Wüstenfuchs" Rommel in Ägypten gegen die Briten und hinterließ Hunderttausende Blindgänger und Minen. Heute behindert das die Entwicklung des Landes – denn die explosiven Relikte versperren immense, lang unterschätzte Ressourcen-Reichtümer.

Von Joachim Hoelzgen


Hamburg - Beduinen entdecken sie, Bauern stoßen auf gefährliche Funde, und Explosionen alter Minen bei Schrotthändlern sind nicht ungewöhnlich: Die Hinterlassenschaften des Nordafrikafeldzugs im Zweiten Weltkrieg, aber auch das Erbe von drei Kriegen mit Israel, haben Ägypten zu einem der am stärksten verminten Länder der Welt gemacht – gleichauf mit Afghanistan.

Insgesamt verbergen sich im Nordwesten Ägyptens noch immer 22 Millionen Landminen und nicht detonierte Munition wie etwa Granaten-Blindgänger – das sagte Fathi al-Schasli, Direktor für Minenräumung und Entwicklung in Kairo, dem Uno-Nachrichtendienst Irin.

Viele der Minen lagern in der Nähe der Schlachtfelder von el-Alamein. Dort zwang im Herbst 1942 die 8. Britische Armee das Afrikakorps des "Wüstenfuchses" Erwin Rommel zum Rückzug. Der Krieg von damals und der Frieden von heute liegen im großen Niemandsland der Wüste eng zusammen. Panzerminen, Schützenminen, Drahtminen und Blindgänger der Artillerie versperren Wege und machen sie zu Umwegen.

Schatzkammer von Rohstoffen

Das ehemalige Kampfgebiet ist auch eine lang verkannte Schatzkammer von Rohstoffen wie Öl, Erdgas und Erzen. Früher galt Ägypten trotz seiner großen Wüsten nur als ein kleineres Öl-Land. Inzwischen aber geht man davon aus, dass allein im Nordwesten 4,8 Milliarden Barrel Rohöl lagern. Alles in allem könnte Ägypten damit zum Opec-Mitglied Angola aufschließen.

Ein Ölfeld ist bei el-Alamein bereits erschlossen worden, und auch in der berüchtigten Kattara-Senke wird tüchtig gefördert. Im Zweiten Weltkrieg machten Deutsche und Briten einen Bogen um dieses Wüstentiefland, das wegen seiner Sümpfe und Salzböden nichts Gutes für die Truppen bedeutet hätte.

Mit 1,94 Billionen Kubikmeter – das sind immerhin 1,1 Prozent der Weltreserven – ist Ägypten aber auch gut mit Erdgas ausgestattet. Zusätzliche 0,38 Billionen Kubikmeter werden im Nordwesten und in der nahen Inlandwüste erwartet. Aus zwei Feldern führen von dort Erdgas-Pipelines schon nach Alexandria. Doch Minen verzögern die weitere Suche nach Erdgas und Öl.

Das Militär hat im Kerngebiet der Kämpfe erst 2,9 Millionen Minen und Blindgänger geräumt. Wegen Sparmaßnahmen kam das Entschärfen zuletzt zum Erliegen. "Die Region hat ein großes Potential, von dem wir wegen des Zweiten Weltkrieges aber nicht Nutzen ziehen können", klagt Minenräumungsexperte Schasli.

Katz- und Maus-Spiel in der Wüste

Wo auch immer die Armeen der Achsenmächte und der Alliierten 1942 aufeinander prallten – sie versuchten stets, die Beweglichkeit des Gegners mit Hilfe von Minen einzuschränken. Allein vor el-Alamein ließ Rommel eine halbe Million der Sprengkörper verlegen – die Briten angeblich noch mehr. Die meisten davon liegen an der Hauptachse der Kämpfe südlich der Küste und dann in der Inlandwüste. Minen wurden auch beim Katz- und Mausspiel von Spähtrupps unter Geröll und in Dünenbollwerken versteckt.

Auch im Tourismus könnte der Region eine blühende Zukunft bevorstehen – doch wieder bremst das Minen-Problem die Entwicklung. Der Industrielle Ibrahim Kamel, Chef des ägyptischen Mischkonzerns Kato Group, hat bereits einen internationalen Flughafen bei el-Alamein gebaut. Er will so ein neues Einfallstor für Touristen aus Europa schaffen, nah an den früheren Schlachtfeldern – und ist überzeugt, mit seinem Plan die richtige Idee zu haben.

Kamel will an einer Bucht am Mittelmeer auch noch eine Reihe großkalibriger Hotels errichten – nicht weit von der Luxusherberge des früheren Mövenpick el-Alamein, das mit einer Marmorlobby aufwartet und vor dem Badegäste sich unter Sonnenschirmen aus Palmwedeln räkeln.

Appell an die Kriegsmächte

Wenn erst einmal 500 Millionen Dollar verbaut worden seien, könne es die Küste el-Alameins mit den touristischen Zentren am Roten Meer aufnehmen, glaubt Kamel. Chartermaschinen aus Großbritannien landen bereits auf seinem Flughafen. Und Strände und Sehenswürdigkeiten gibt es auch westlich von el-Alamein – in der Provinzhauptstadt Marsa Matruh etwa, wo die Straße zur Oase Siwa tief im Sandmeer der Sahara abzweigt.

Ähnlich wie Milliardär Kamel haben auch die Regierung in Kairo und die Uno vor, den Tourismus anzukurbeln. Außerdem wollen sie landwirtschaftliche Nutzflächen anlegen, hauptsächlich für Gerste und Gemüse. Aus dem übervölkerten Niltal könnten dann 1,5 Millionen Menschen nach Nordwesten umgesiedelt werden – wenn nur die Minen nicht wären.

Kairos Minen-Mann Schasli appelliert nun an die Mächte des Nordafrikafeldzugs, wieder in der Wüste anzurücken - diesmal friedlich und mit neuen Spürgeräten, die aus wenigen Metern erkennen können, ob es sich im Boden nur um Metallsplitter oder um Munition und Minen handelt.

Außerdem soll in diesem Jahr ein neues Räumprogramm beginnen. Auch die Betreuung von Minenopfern soll endlich verbessert werden. Mehr als 8000 Menschen sind seit Kriegsende durch die deutschen, italienischen und britischen Altlasten verletzt oder getötet worden.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
stonecold, 11.03.2008
1. Nur Rommel?
Zitat von sysopTückische Spätfolgen des Weltkriegs: 1942 kämpfte "Wüstenfuchs" Rommel in Ägypten gegen die Briten und hinterließ Hunderttausende Blindgänger und Minen. Heute behindert das die Entwicklung des Landes – denn die explosiven Relikte versperren immense, lang unterschätzte Ressourcen-Reichtümer. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,539085,00.html
Und Montgomery hat keine Minen legen lassen? Gerade vor El-Alamein (um das es im Artikel ja auch geht) hatten die Briten eine äußerst starke Verteidigungsstellung mit weitläufigen Minenfeldern aufgebaut.
S.T. Joker, 11.03.2008
2. Relikte
Zitat von sysopTückische Spätfolgen des Weltkriegs: 1942 kämpfte "Wüstenfuchs" Rommel in Ägypten gegen die Briten und hinterließ Hunderttausende Blindgänger und Minen. Heute behindert das die Entwicklung des Landes – denn die explosiven Relikte versperren immense, lang unterschätzte Ressourcen-Reichtümer. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,539085,00.html
Zum Glück haben im 2 WK nur die Deutschen Minen gelegt.
robrobsen 11.03.2008
3. Das
währe doch mal der richtige Ansatz für die drei Länder um wirklich gegen den Terrorismus vor zu gehen. Nehmt dem Blindgänger Schäuble die Millionen weg die er braucht um in diesem Land eine neue Stasi aufzubauen und nehmt sie dazu her Agypten dabei zu helfen diese Altlasten los zu werden. Leider sehen unsere blinden Politiker solche Chancen nicht. Es ist ja einfacher einen neuen Polizeistat zu gründen. Armes Deutschland, armes Europa!
Reinhard, 11.03.2008
4. Rommels Erbe ......
Ist wohl eine Einseitige Sichtweise oder gibt es "gute Minen", in diesem Falle britische und "böse Minen" natürlich deutsche und italienische. Wenn man diversen Berichten glauben mag, sind ja weitaus mehr "gute Minen" verlegt worden. Abgesehen davon bin ich der Meinung, dass sich die Deutschen, die Italiener und Briten zusammentun sollten und das Problem angehen. Es gibt doch heute so tolle Geräte wie Minenräumpanzer usw. Da sollte doch, zumindest in der Fläche, dass Problem relativ rasch aus der Welt sein.
ronmcdon 11.03.2008
5. Kriegsfolgen
Die reicheren Länder, und hier vor allem die ehemaligen Kolonialmächte, sollten sich mehr in Afrika engagieren. Als Kolonialmacht haben sie oftmals den Grundstein gelegt für die heutige Unruhen und Kriege. Als kriegsführende Parteien haben sie in diesem Erdteil Unheil angerichtet, an dessen Folgen die betroffenen Länder - über 60 Jahre nach dem 2. Weltkrieg - immer noch zu leiden haben. Der Appell an die seinerzeit kriegführenden Länder Großbritannien und Deutschland halte ich für richtig. Wir wehren uns gegen die afrikanischen Einwanderer. Dann müssen wir bitte dafür sorgen, das wir die Reste des Krieges beseitigen und sie in ihren Ländern Arbeit finden, um sich und ihre Familien zu ernähren. Meines Erachtens wäre zudem ein Engagement der EU-Länder insgesamt in Afrika wünschenswert und auch billiger, als Abwehrmaßnahmen und deren Folgen zu finanzieren.
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