Zur Ausgabe
Artikel 20 / 77

BANKEN Lange gekannt

Die Pleite der Firmengruppe Pharma Bauer brachte die Deutsche Bank ins Zwielicht. *
aus DER SPIEGEL 32/1985

Bescheidenheit war nie der Stil des Peter Bauer. Sein Arzneimittel-Großhandel, verkündete der Mann aus Neustadt an der Weinstraße Ende der Siebziger, werde 1982 mehr als eine Milliarde Mark umsetzen. Dann werde Peter Bauer, »bekannt für Kreativität«, der Größte unter den Pharma-Grossisten sein.

Bis 1982 hielt Bauer nicht durch. Im August 1980 schloß der Pillen-Grossist die Bücher, der Staatsanwalt eröffnete die Strafakte. Rund 41 Millionen Mark waren abhandengekommen.

Jetzt muß sich der Heilmittel-Händler vor dem Landgericht Kaiserslautern wegen Betrugs verantworten. Auch für Bauers Geldinstitut, die Deutsche Bank, könnte dabei Unangenehmes zutage treten.

Das renommierte Bankinstitut hat es Bauer allzu leicht gemacht. Es bediente ihn noch mit Krediten, als andere Kreditinstitute längst gepaßt hatten. Überaus großzügig waren die Bankiers zudem, als sich Bauer mit fragwürdigen Methoden über seine Kundschaft, die Apotheker, Kredite verschaffte.

Vor allem die Deutsche-Bank-Filiale Koblenz, die mit Bauer im Sommer 1979 zu tun bekommen hatte, setzte voll auf den vielversprechenden neuen Kunden. Seine hochfliegenden Pläne, meldeten die Koblenzer damals an die Zentrale in Frankfurt, seien »durchaus realistisch«, Bauers andere Banken würden »ausgebootet": »Deutsche Bank soll Hausbank werden.«

Es beunruhigte niemanden, daß Peter Bauer sein Konto immer öfter mit Millionen-Beträgen überzog. Dank stetig steigenden Kreditbedarfs entwickelte sich Pharma Bauer für die Bank, so jedenfalls schien es, zu einer echten Zinsfabrik.

Kredit bekam Bauer gewissermaßen auf Ehrenwort. Er hatte bei der Deutschen Bank bereits 17 Millionen Mark offen, als er zum ersten Male eine Bilanz vorlegte. Sie schloß mit einem Jahresüberschuß von 2,7 Millionen Mark.

Routinemäßig setzte die Bank alsbald einen Prüfer auf das Zahlenwerk an. Er kam zu einem alarmierenden Befund.

Bauer hatte so merkwürdige Vermögenswerte wie »Know-how« oder »Geschäftsabwicklungswissen« an Firmen seiner eigenen Unternehmensgruppe veräußert und mit Millionenbeträgen seiner Bilanz gutgeschrieben. Nach Abzug solcher Luftposten blieb statt des Gewinns ein Verlust von mindestens 12,6 Millionen Mark, Tendenz steigend.

Das traurige Ergebnis des Prüfungsberichts wurde in der Bank höchst unterschiedlich beurteilt. Die Direktion in Frankfurt empfahl »Zurückhaltung«, so ein Aktenvermerk. Die Koblenzer Manager der Deutschen Bank hingegen fanden es »gut zu wissen, daß an anderer Stelle in der Zentrale die Aktivitäten von Herrn Bauer in einem günstigeren Licht gesehen werden«.

Gemeint war das Vorstandsmitglied Robert Ehret. Der nämlich schätzte den Pharma-Händler hoch ein. Um die offensichtlich längst aus dem Lot geratene Firma noch einmal ins Gleichgewicht zu bringen, dirigierte fortan Ehret den Gang der Geschäfte.

Besonderes Interesse fand bei dem Bankvorstand Ehret eine Spezialität, die Bauer gefühlvoll »privilegiumaktive Partnerschaft« nannte. Dahinter verbarg sich: Bauer beteiligte seine Kunden, die Apotheker, als stille Gesellschafter ("Partner") an der Firmengruppe.

Einzuzahlen brauchten die Arzneimittelverkäufer nichts. Vielmehr wurde ihr Beteiligungskonto nach und nach durch Gutschrift der Einkaufsrabatte aufgefüllt, die ihnen Pharma Bauer großzügig gewährte. Die noch ausstehenden Einlagen seiner »Partner« hatte Bauer bei anderen Banken refinanziert.

Für Robert Ehret war dieses System »nicht ungefährlich«, wie es in einem Bankvermerk heißt. Der entscheidende Fehler: Die Apotheker konnten die Verträge jederzeit kündigen, dann hätte Bauer auf seinen Bankschulden festgesessen. Auch die Kredite der Deutschen Bank an Bauer wären dadurch schließlich höchst unsicher geworden.

Um Bauer zusätzliches Kapital zu verschaffen und den Apothekern das Risiko aufzuhalsen, entwickelte der Bankvorstand einen erstaunlichen Einfallsreichtum. Er entwarf für die Beziehung zwischen Bauer und seinen Apothekern einen neuen Gesellschaftsvertrag; der war mit dem alten fast identisch, jubelte den »Partnern« aber eine ziemlich tückische Bürgschaftsklausel unter.

Um was es dabei ging, war im Klartext des ersten Entwurfs noch in schöner Offenheit formuliert. Danach war der Unternehmer Peter Bauer »berechtigt, Kredit in Anspruch zu nehmen, für den der Partner voll haftet«.

Ganz richtig erkannten Bauers Berater bei der Deutschen Bank, daß kein Apotheker so etwas unterschreiben würde. Die Haftung wurde darum in einer Neufassung perfekt kaschiert. Paragraph elf lautete nun:

»Der Partner ermächtigt den Unternehmer hiermit, der Deutschen Bank im Namen des Partners einen Kreditauftrag des Inhalts zu erteilen, daß die Deutsche Bank dem Unternehmer einen Kredit gewährt.« Von Haftung war keine Rede, Betrag und Zinssatz blieben offen.

Peter Bauers Vertreter hasteten von Apotheke zu Apotheke und verkündeten die frohe Botschaft: Zusammen mit der Deutschen Bank biete Pharma Bauer den Partnern jetzt »die Möglichkeit, Ihren alten Vertrag in einen neuen, noch besseren umzuwandeln«. 400 Apotheker unterschrieben.

Die Deutsche Bank wußte zu diesem Zeitpunkt mehr. Man müsse »notgedrungen stillhalten«, heißt es in einem Vermerk. Trotz der »kritischen Situation« bliebe der Bank »kaum eine andere Wahl«, als Bauers ständige Kreditüberziehungen zu dulden, »wenn wir nicht das Unternehmen ernsthaft und sehr kurzfristig gefährden wollen«. Zum

Trost gereichte es da den Bankherren, daß »die Kapitalbeschaffungsbemühungen von Herrn Bauer bei den Apotheken augenscheinlich erfolgreich verlaufen«. Und wie die liefen.

Bündelweise reichte Bauer die Kreditanträge zu Lasten seiner »Partner« ein. Dabei war es besonders apart, daß die Deutsche Bank die Darlehen emsig an Bauer auszahlte, ohne die Apotheker auch nur zu fragen oder gar auf ihre Kreditwürdigkeit zu prüfen.

Das Apothekergeld - Beträge bis zu 500000 Mark - läpperte sich, aber es reichte nicht. Längst hatte »der Fisch zu stinken begonnen« (Aktenvermerk der Deutschen Bank). Als Bauer erneut mehr »Spielraum« verlangte, entschied die Bank: »Keine Mark über 28 Millionen hinaus.« Das war, im August 1980, das Ende für Pharma Bauer.

Nun forderte die Deutsche Bank von den Apothekern die Kredite zurück, die sich Bauer in ihrem Namen hatte auszahlen lassen: insgesamt 25 Millionen Mark. Als die das Geld, das sie nie gesehen und für das sie der Bank auch nie Zinsen überwiesen hatten, nicht zahlen wollten, gingen die Geld-Manager vor die Gerichte.

Die Bankiers kamen nicht auf die Idee, selbst gefehlt zu haben. Sie seien, belehrten sie ihre unfreiwillige Kundschaft aus dem Apotheken-Gewerbe, »als Bank grundsätzlich nicht zur Beratung, Warnung oder Aufklärung eines Kunden verpflichtet«.

Peinlich wurde es für die Bank aber dann doch. Die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern hatte sich die Kreditakte besorgt. Und die enthielt weitere aufschlußreiche Details. Offenkundig, so war den Papieren zu entnehmen, hatten die Verantwortlichen der Bank die hoffnungslose Situation von Bauer schon länger richtig eingeschätzt.

Vielleicht gab es den einigen hundert Prozessen die Wende; der Rechtsstreit verlor sich in eine Vielzahl einzelner Vergleichsverhandlungen. Der Konzern mochte es wohl nicht darauf ankommen lassen, die rechtlich zwar interessanten, fürs Image aber heiklen Fragen der Aufklärungspflicht und Bankenhaftung in einem Musterprozeß zu klären.

Als Robert Ehret, 60, unlängst aus dem Vorstand ausschied, erklärte die Deutsche Bank das zum Anlaß, den alten Streit durch einen Vergleich zu beenden. Zahlen die Apotheker nur knapp 40 Prozent der Gesamtforderung, übernimmt die Bank sogar die bisher angefallenen Gerichtskosten.

Der promovierte Bankjurist Robert Ehret gedenkt im Herbst »aus der Reife eines gelebten Lebens heraus« das Studium der Philosophie und Theologie aufzunehmen.

Auch für Peter Bauer, krimineller Bilanzmanipulationen angeklagt, beginnt dann womöglich ein neuer Lebensabschnitt.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 77
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.