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OSTHANDEL Lange Gesichter

Das Erdgas-Röhren-Geschäft mit den Sowjets bringt eine Enttäuschung für die deutsche Industrie: Die meisten Aufträge gehen ins Ausland.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Der Russe Stanislaw Woltschkow kennt sich in der deutschen Industrie besser aus als mancher heimische Großbankier.

Manager und Techniker aus rund hundert deutschen Unternehmen gehen seit Monaten bei ihm ein und aus. Woltschkow ist Präsident der sowjetischen Maschinoimport, mit zwei Dutzend Funktionären hat er sich in der Kölner Konrad-Adenauer-Straße 25 eingemietet.

Konzernchefs und Vorstandsmitglieder von Mannesmann und MTU, von Salzgitter und AEG, von Hoesch und Linde haben bereits mehrfach mit den Sowjets verhandelt. Sie alle hofften, am größten Industriegeschäft, das jemals zwischen Deutschen und Russen zustande kommen würde, mitverdienen zu können. Es geht um Aufträge von insgesamt 20 Milliarden Mark.

Von der sibirischen Halbinsel Jamal wollen die Sowjets von 1985 an jährlich zunächst rund 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas in den Westen pumpen, davon rund 12 Milliarden in das deutsche Netz. Die Röhren für die 5000 Kilometer lange und auf 60 Milliarden Kubikmeter jährlich ausgelegte Doppel-Pipeline und die dazu benötigten Kompressoren sollen von westlichen Konzernen geliefert werden.

In der vergangenen Woche kam eine sowjetische Delegation, an der Spitze der stellvertretende Außenhandelsminister Wladimir Suschkow und Gasminister Wassilij Dinkow, nach Düsseldorf, um das Geschäft perfekt zu machen. Doch als die Russen ihre Pläne entwickelten, gab es bei den Deutschen lange Gesichter.

Fast alle Anbieter, die mit Woltschkow verhandelt hatten, gehen leer aus. Von den Aufträgen über die Lieferung von Pump- und Relaisstationen, Turbinen und Bauanlagen, die rund fünf Milliarden Mark ausmachen, werden allenfalls 700 Millionen Mark in deutschen Fabriken hängenbleiben. Den größten Brocken teilen sich Konzerne in Frankreich, Italien und Japan.

Auf einem fünftägigen Geschäftstrip durch die deutschen Konzernzentralen zeigten die Russen, was für clevere Händler sie sind. Selbst die in Verhandlungen mit den Sowjets erfahrenen Vorstandsmitglieder des Röhrenkonzerns Mannesmann und des Elektrounternehmens AEG mußten Konditionen hinnehmen, die sonst bei westlichen Vertragsabschlüssen unüblich sind.

Als Generalunternehmer für den Anlagenteil des Erdgas-Röhren-Geschäfts S.75 müssen Mannesmann und der Konsortialpartner, der Pariser Stahl- und Maschinenbaukonzern Creusot-Loire, die volle Haftung für das gesamte Projekt tragen. Sie stehen für alle Risiken hinsichtlich Lieferung, Qualität und Abgabetermine ein.

Geschickt handelten die Sowjets auch den Preis herunter, den die deutsch-französischen Partner für die Generalunternehmerschaft in Rechnung gestellt hatten. Mannesmann und Creusot-Loire wollen sich mit einer Provision von acht bis neun Prozent des von ihnen abzuwickelnden Gesamtauftrags von fünf Milliarden Mark begnügen.

Der Elektrokonzern AEG und die bundeseigene Salzgitter-Gruppe, die zunächst von den Russen favorisiert worden waren, hatten zehn bis zwölf Prozent verlangt. Sie waren damit aus dem Rennen.

Mannesmann und Creusot konnten nur deshalb ihre Konkurrenten unterbieten, weil die französische Regierung mit Zinssubventionen aushelfen wird. Denn bezahlen will Moskau mit Krediten aus dem Westen.

Zwar waren auch die deutschen Bankiers bereit, wie die Franzosen den Sowjets einen 4,4-Milliarden-Mark-Kredit zum Vorzugszins von 7,8 Prozent über zehn Jahre zu gewähren. Doch die Differenz zum Marktzins (rund zwölf Prozent) sollen die deutschen Lieferanten zahlen, weil Bonn keine Zinszuschüsse gewährt. Die Anlagenbauer sind damit im Schnitt und über zehn Jahre gerechnet S.76 gegenüber der ausländischen Konkurrenz 20 Prozent teurer.

Die AEG wird wohl der einzige deutsche Zulieferer im Anlagengeschäft bleiben, der den Zuschlag für einen dreistelligen Millionenauftrag bekommt. Denn Mannesmann hat keine ausreichende Kapazität für die Turbinen- und Kompressoren-Produktion und muß daher fast alle Aufträge anderswo unterbringen.

Der französische Turbinenbauer Alsthom wird den größten Teil übernehmen. Aber auch die italienische Staatsfirma Nuovo Pignone wird mit dabeisein, wenn der Auftrag für 120 Turbinen vergeben wird.

Mit den Billigangeboten der Franzosen und Italiener im Koffer drückten die Sowjets die Preise der AEG. Daß der angeschlagene Frankfurter Elektrokonzern doch zum Zuge kommt, verdankt er der schlichten Tatsache, daß die anderen Turbinenhersteller nicht über ausreichende Kapazitäten verfügen. Die AEG-Tochter Kanis in Essen soll 50 Gasturbinen im Wert von 700 Millionen Mark bauen.

Auch beim Röhrengeschäft hatten sich die bundesdeutschen Firmen mehr versprochen. Nach dem Röhren-Gas-Vertrag von 1972 hatte Mannesmann-Chef Egon Overbeck fest daran geglaubt, diesmal für acht Milliarden Mark Großröhren liefern zu können.

Doch die Sowjets hatten andere Pläne. Statt nur bei einem zu ordern, verhandeln sie derzeit mit mehreren Röhrenproduzenten getrennt und vergeben Einzelaufträge an Japaner, Italiener oder Holländer, aber auch an Mannesmann, Hoesch und Salzgitter. Anders als früher wollen die Russen diesmal S.77 zudem nicht alle Rohre auf einen Schlag bestellen, sondern Jahr für Jahr -- bis zur Fertigstellung 1985 -- neu verhandeln.

Und noch etwas hat sich geändert. Die Montage der Verdichterstationen und den Bau der Trasse haben die Sowjets diesmal selbst übernommen. Die westlichen Lieferanten wissen nicht einmal genau, wohin ihre Röhren verlanden werden.

Ganz so leicht wie beim Einkauf von Röhren und Turbinen wird es den Russen beim Gaskontrakt nicht gemacht. Als Gasminister Dinkow beim Abendessen mit Mannesmann-Chef Overbeck im Düsseldorfer Parkhotel die neue Partnerschaft feierte, waren noch längst nicht alle Details geklärt.

Vor allem über den Gaspreis ist sich Klaus Liesen, Chef der Essener Ruhrgas AG, mit den Sowjets noch längst nicht einig.

Die Ruhrgas ist in einer besseren Verhandlungsposition als Mannesmann oder AEG. Sie verhandelt nämlich auch im Auftrag der anderen europäischen Gaskäufer. Einen Konkurrenten kann Moskau nicht ins Spiel bringen.

So bleibt Liesen ganz nüchterner Kaufmann, der keine Eile hat: »Für uns zählt nur, daß wir das Russengas zu marktgerechten Preisen wieder verkaufen können.«

S.75Verdichterstation für sowjetisches Erdgas in Waidhaus (Bayern).*

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