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WELTHANDEL Lange Liste

Amerika wird von importierten Gütern überschwemmt - die einheimische Industrie fordert Schutz vor der ausländischen Konkurrenz. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Jeremiah Toomey, Chef einer Maschinenbaufirma in Massachusetts, verhält sich ganz unamerikanisch - er ist Pessimist. »Wir stehen«, sagt Toomey, »mit einem Fuß im Grabe.«

Er sagt es, wie viele Kollegen seiner Branche, mit Bedacht. Der amerikanische Maschinenbau sorgt sich um die Geschäfte im eigenen Lande und drängt die Regierung, nun endlich der gefährlichen ausländischen Konkurrenz den Zugang zum US-Markt zu erschweren.

In der Tat haben insbesondere die japanischen Maschinenbauer ihre Chance in Übersee gut genutzt. Rund 42 Prozent aller in den USA verkauften Werkzeugmaschinen kommen inzwischen aus dem Ausland; vor zehn Jahren waren es erst 13 Prozent.

Während die deutschen Hersteller bei ihren Ausfuhren in die Vereinigten Staaten nur geringfügig zulegten, vergrößerten die japanischen Exporteure zwischen 1972 und 1982 ihren Anteil am amerikanischen Inlandsabsatz von 1,2 auf 11,7 Prozent. »Die Japaner«, sagt Winthrop B. Cody, Präsident der Werkzeugmaschinenfirma Pratt & Whitney, »bringen uns um.«

In gut drei Jahren ging rund ein Viertel der amerikanischen Werkzeugmaschinenbauer in der Importflut aus Japan unter: Die Zahl der US-Anbieter schrumpfte von 725 auf gerade noch 500.

So suchen die amerikanischen Hersteller ihr Heil in staatlicher Hilfe. Für die nächsten fünf Jahre, fordert der Industrieverband National Machine Tool Builders' Association, soll Washington den Anteil importierter Werkzeugmaschinen auf 17,5 Prozent des gesamten Absatzes begrenzen.

Den Ruf nach staatlichen Importsperren hören nicht nur die Japaner mit Sorge. Was die Amerikaner da planten, meint Berthold Leibinger, Chef der schwäbischen Werkzeugmaschinenfirma Trumpf, sei »ganz gefährlich und schädlich für unsere Industrie«.

Solche Gefahren drohen inzwischen in vielen Bereichen. Die Liste der Erzeugnisse, die Washington nach dem Willen der heimischen Industrie vor Wettbewerb schützen soll, wird von Monat zu Monat länger. Da geht es nicht nur um Maschinen und Stahl, sondern auch um Schnittrosen und Fahrradreifen, um Autos und T-Shirts.

Die protektionistische Welle in den USA schlägt derzeit »höher als jemals zu irgendeiner Zeit seit 1929/30«, sorgt sich der Washingtoner Wirtschaftsberater Harald B. Malgrem. Das Land sei auf dem Weg zur »Festung Amerika«, fand die »New York Times«.

Präsident Ronald Reagan, der im November wiedergewählt werden will, gerät zunehmend unter Druck, den Freihandelsgegnern nachzugeben. Sein Gegenkandidat, der Demokrat Walter Mondale, hat sich bereits vorbehaltlos auf die Seite der Protektionisten geschlagen. Er unterstützt fast alle Forderungen, die in ungewohnter Einmütigkeit Arbeitgeber und Gewerkschaften stellen.

Die Automobilindustrie beispielsweise will Mondale mit Hilfe eines von der

Automobilarbeiter-Gewerkschaft angeregten Gesetzes abschirmen. Danach müßten alle in den USA verkauften Autos überwiegend aus in Amerika hergestellten Teilen gefertigt werden. Mit 219 gegen 199 Stimmen hat das Repräsentantenhaus, in dem die Demokraten die Mehrheit haben, einen entsprechenden Entwurf schon verabschiedet.

Auch die Stahlindustrie wird sich kaum mit Reagans jüngster Entscheidung zufriedengeben. Der Präsident hatte vergangene Woche angekündigt, seine Regierung werde gegenüber den wichtigsten Konkurrenten auf freiwillige Lieferverzichte dringen.

Der Chairman des Stahlriesen Bethlehem Steel, Donald Trautlein, verwendet inzwischen die Hälfte seiner Arbeitszeit darauf, Abgeordnete und Regierungsbeamte im Sinne der Industrie zu bearbeiten. Ginge es nach Trautlein und Kollegen, würden die Stahleinfuhren fünf Jahre lang auf 15 Prozent des Inlandsbedarfs begrenzt - im ersten Halbjahr 1984 lag der Anteil bei 24 Prozent.

Bislang hat die Regierung Reagan - allen öffentlich verkündeten Freihandelsparolen zum Trotz - die Wünsche der Industrie stets wohlwollend behandelt. So mußten die Europäer, Japaner und Kanadier beispielsweise Lieferbeschränkungen für viele Stahlsorten hinnehmen. Der Autoindustrie in Detroit half Reagan, indem er den Japanern ein Selbstbeschränkungsabkommen abpreßte.

Die Einfuhrzölle für schwere Motorräder wurden von der Regierung verzehnfacht. Auch das traf die Japaner und rettete den einzigen US-Anbieter Harley-Davidson vor dem Bankrott.

Der heimischen Textilindustrie kam die US-Regierung entgegen, als sie die bereits mit 24 Ländern bestehenden Selbstbeschränkungsabkommen verschärfte. Mit neuen Einfuhrbestimmungen will Washington die Lieferanten in China und Hongkong bremsen. In Hongkong brach unter den Textilfabrikanten Panik aus, Peking drohte mit »negativen Konsequenzen«.

Als Präsident Reagan sein Amt vor knapp vier Jahren antrat, unterlag etwa ein Fünftel aller in den USA verkauften Waren Einfuhrrestriktionen. Am Ende seiner ersten Amtszeit könnten schon 40 Prozent betroffen sein.

Selbst amerikanische Ökonomen sind überzeugt, daß der Protektionismus dem Lande mehr schadet als nutzt. Denn Amerikas Industrielle könnten es sich hinter den Schutzwällen leicht bequem machen. Innovation und Modernisierung würden vernachlässigt.

»Leute, die danach trachten, vom Importdruck entlastet zu werden«, räumte sogar Reagans Bevollmächtigter für Handelsfragen, William Brock, ein, »die wollen auch vom Zwang zum ständigen Wandel befreit werden.«

Häufig müssen es nämlich die amerikanischen Produzenten der eigenen Rückständigkeit zuschreiben, wenn die Ausländer auf dem US-Markt erfolgreicher als sie selbst sind. In der amerikanischen Stahlindustrie beispielsweise waren nach Angaben des American Institute for Importet Steel Ende vergangenen Jahres nur 35 Prozent der Kapazitäten nach den fortschrittlichsten Fertigungstechniken ausgelegt. In Japan waren es 87 Prozent, in der Bundesrepublik 75 Prozent.

Wie Protektionismus den technologischen Fortschritt bremst, machen auch andere Zahlen deutlich: Als die Präsidenten Nixon und Ford zwischen 1969 und 1974 die Stahlimporte drosselten, gingen die Modernisierungsinvestitionen der Industrie um die Hälfte zurück. Das gleiche passierte unter Carter in den Jahren 1978 bis 1980.

Auch Amerikas Werkzeugmaschinenbauer, die heute lauthals nach mehr Schutz rufen, haben offensichtlich versäumt, ihre Werke auf den neuesten Stand zu bringen. Nach einer Studie des National Research Council ist die Branche dabei, technisch hinter Japans und Westdeutschlands Industrien zurückzufallen. Das gelte besonders für die Software und Steuerungstechnik; in der Fertigungsorganisation und Produktionstechnik seien die Maschinenbauer ohnehin deutlich im Rückstand.

Die nachlassende technologische Wettbewerbsfähigkeit ist eine der Ursachen dafür, daß Amerika inzwischen - wie kein anderes Industrieland zuvor - wesentlich mehr Güter vom Ausland kauft, als es jenseits der Grenzen verkauft. Das Handelsdefizit der Amerikaner kletterte schon im vergangenen Jahr auf Rekordhöhe, 1984 wird es sich noch einmal - nicht zuletzt wegen des hohen Dollarkurses - auf 130 Milliarden Dollar fast verdoppeln.

Was die Amerikaner dabei am meisten beunruhigt: Sogar im Bereich technischer Spitzenprodukte, in dem sie bisher führend waren, werden die US-Produzenten von ihren Konkurrenten überholt. Amerikas Exportüberschuß mit sogenannten Hightech-Produkten ging 1983 um fast ein Viertel zurück.

So werden, weil die bedrohten Industrien immer lauter nach Schutz vor lästigen Wettbewerbern rufen, die Gefahren für den freien Welthandel größer. »Amerika«, prophezeit Stephen P. Magee, Ökonomieprofessor an der Universität von Texas, »wird immer protektionistischer werden.«

[Grafiktext]

AMERIKANISCHES ROULETTE Wirtschaftsdaten aus den USA; 1976 bis 1983 Monatswerte mehr Importe Importe in die USA in Milliarden Dollar rote Zahlen Handelsbilanzdefizit (Export minus Import in Milliarden Dollar) starker Dollar Gewogener Außenwert des Dollar gegenüber 23 anderen Währungen Juli 18. Sept. minus Juli Quellen: Council of Economic Advisers; Deutsche Bundesbank

[GrafiktextEnde]

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