Claus Hecking

Generationenungerechtigkeit beim Impfen Lasst den Jungen ein bisschen Biontech übrig!

Claus Hecking
Ein Kommentar von Claus Hecking
Viele Ältere wollen sich ausschließlich mit Stoff von Biontech impfen lassen – obwohl es für sie Alternativen gäbe. Das ist unsolidarisch mit den Jüngeren.
Impfwillige Senioren (Archivbild)

Impfwillige Senioren (Archivbild)

Foto: Ole Spata / dpa

Das Hamburger Ärzteehepaar hat genug: von den Hunderten Telefonanrufen, den Dutzenden Mails pro Tag und den unzähligen Diskussionen mit älteren Patienten in ihrer Sprechstunde, die den ihnen angebotenen Impfstoff verweigerten. Weil er ihnen nicht gut genug war – nur AstraZeneca.

»Wir lassen uns nicht mehr beschimpfen und auf unzählige frustrierende Diskussionen ein! Wir lassen uns auch nicht mehr unter Druck setzen, erpressen und lehnen jede Art einer Impfforderung ab!!«, teilt die Praxis den Patienten mit. »Gemäß dem Robert Koch-Institut, der Ständigen Impfkommission [...] und vieler Fachgesellschaften impfen wir über 60-jährige Patienten nur noch mit AstraZeneca. Biontech wird solidarisch priorisiert an die jüngeren kranken Patienten geimpft.«

Jüngere Menschen in Deutschland müssen die Zeche bezahlen: für den Impfstoff-Egoismus gesunder Älterer.

So wie dem Hamburger Ehepaar geht es gerade Tausenden Hausärzten in diesem Land. Sie müssen sich zahlloser über 60-jähriger Patienten erwehren, die vehement fordern, nur Biontech und sonst nichts verimpft zu bekommen – selbst wenn sie gar keine Vorerkrankungen haben und jüngeren kranken Menschen in ihrer Priorisierungsgruppe den Stoff wegnehmen. Oft geben die Ärzte am Ende nach. Weil es einfacher für sie ist. Und weil es der Staat zulässt.

Denn anders als das Hamburger Ärzteehepaar legt die Politik nicht fest, dass gesunde über 60-Jährige nicht mit dem knappen Biontech-Impfstoff immunisiert werden sollen. Dieses Versäumnis bremst die gesamte deutsche Impfkampagne aus. Und jüngere Menschen in Deutschland müssen die Zeche bezahlen: für den Impfstoff-Egoismus gesunder Älterer.

Wer noch nicht seine erste Spritze bekommen hat, dem droht bald der große Biontech-Stau. Die Erstimpfungen mit dieser Vakzine werden von kommender Woche an drastisch abnehmen, warnen die Kassenärzte. Schließlich müssen dann Tag für Tag Hunderttausende Teilgeimpfte ihre zweite Dosis kriegen. Und bis Anfang Juni kommt nicht mehr Biontech nach als bisher. Auch die ohnehin überschaubaren Moderna-Lieferungen wachsen nicht groß.

Jüngeren Menschen, die in den kommenden Wochen geimpft werden wollen, bleibt daher meist nur die Wahl zwischen AstraZeneca und Johnson & Johnson. Das ist paradox. Schließlich empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) beide Vektorimpfstoffe nur für über 60-Jährige. Mit gutem Grund. Das Risiko einer Sinusvenenthrombose durch diese Vakzinen ist bei jüngeren Menschen, gerade Frauen, deutlich höher als bei Senioren, insbesondere Männern.

Die Aufklärungsarbeit, die Diskussionen und die moralische Verantwortung schiebt der Staat größtenteils den Hausärzten zu.

Tatsächlich wird aber Millionen dieser jüngeren Menschen erst mal nichts anderes übrig bleiben, als sich auf diese für sie gefährlicheren, von der Stiko ausdrücklich für ihr Alter nicht empfohlenen Impfstoffe einzulassen. Die Aufklärungsarbeit, die Diskussionen und die moralische Verantwortung schiebt der Staat größtenteils den Hausärzten zu: In Impfzentren sollen diese Woche nach dem Plan des Bundesgesundheitsministeriums nur 113.000 Dosen AstraZeneca verabreicht werden, in den Praxen hingegen mehr als 1,33 Millionen.

So werden die Jüngeren zu den Resteverwertern für Millionen Dosen AstraZeneca und Johnson & Johnson, die in den nächsten Wochen kommen sollen. Auch, weil so viele gesunde Ältere diese hochwirksamen Impfstoffe verweigern und die knappen Biontech-Spritzen für sich hamstern.

»Über ein Jahr waren wir alle solidarisch mit den älteren Menschen«, schreibt das Hamburger Arztehepaar. »Jetzt fordern wir dies auch von den älteren Menschen.«

Jetzt haben die Jüngeren beim Impfen schon wieder das Nachsehen. Das ist ungerecht.

Seit dem Beginn der Pandemie stellen sich die Jüngeren hinten an, damit die Älteren geschützt werden vor dem für sie weitaus gefährlicheren Virus. Schüler wie Kindergartenkinder haben ihre Bildungsstätten teils monatelang nicht mehr von innen gesehen und Freunde nicht mehr besucht. Eltern haben ihren Nachwuchs parallel zum Homeoffice unterrichtet, ihren Jahresurlaub für die Betreuung geopfert. Viele sind am Ende ihrer Kraft.

Und jetzt haben die Jüngeren beim Impfen schon wieder das Nachsehen. Das ist ungerecht.

Unsere Regierenden und Gesundheitsbürokraten könnten es ändern. Zu Recht haben sie detaillierte Priorisierungsregeln aufgestellt, um die verwundbarsten Menschen in unserer Gesellschaft zuerst zu immunisieren. Genauso könnten sie nun regeln, dass gesunde ältere Menschen nur AstraZeneca oder Johnson & Johnson kriegen. Damit ein bisschen Biontech für die anderen übrig bleibt.

Doch die Bundesregierung lässt die Biontech-Hamsterer gewähren.

Könnte es daran liegen, dass die Union ihre Kernwählerschaft in dieser Altersgruppe hat? Bei der vergangenen Bundestagswahl waren sage und schreibe 45 Prozent aller CDU-Wähler 60 oder älter – mehr als bei jeder anderen Partei. Wenn die Union im September wieder stärkste Kraft werden will, braucht sie ihre Stammklientel.

Ganz hinten in der Warteschlange einreihen sollen sich die ganz Jungen. Obwohl die EU-Zulassung des Biontech-Mittels für Kinder und Jugendliche bereits für Juni erwartetet wird, soll ihnen in Deutschland laut Jens Spahn erst bis Ende August ein »Impfangebot« gemacht werden. Dann werden die Ferien in vielen Bundesländern längst wieder zu Ende sein. Und bis die Schüler durchgeimpft sind, dürfte es bis in den Herbst hinein dauern.

De facto heißt das: Unsere Bundesregierung nimmt auch im neuen Unterrichtsjahr Corona-Ausbrüche, Schulschließungen und noch größere Bildungsrückstände bei den Schwächsten in Kauf.

Aber diese jungen Leute dürfen ja nicht wählen. Was für ein Glück, für Jens Spahn und seine Union.

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