Fotostrecke

Der wahre Preis von Lebensmitteln: Was Smog, Abholzung und Co kosten

Foto: Andre Penner/ AP

Massenkonsum Der wahre Preis von Lebensmitteln

Einen Euro mehr für jedes Stück Käse, mindestens 50 Cent mehr pro Packung Müsli: Das wäre fällig, würden Industrie und Kunden für die Schäden an der Natur herangezogen, die die Lebensmittelproduktion oft verursacht. Warum kostet das nichts?

Anderthalb Kilo Frühkartoffeln für gerade mal 1,29 Euro, der Pflücksalat mit 1,49 Euro diese Woche sogar im Angebot. Ein regelrechtes Schnäppchen, was da aus mancher Wochenendeinkaufstüte auf den Küchentisch kullert. Gut, die Erdbeeren mit 3,99 Euro pro Kilo sind derzeit noch etwas teuer, aber es ist ja auch noch nicht so richtig Erdbeersaison. Doch wie kommen eigentlich diese Preise zustande und spiegeln sie den wahren Wert des Produkts wider?

Was die Banane, das Steak oder der Brotlaib kosten, bestimmen vor allem Angebot und Nachfrage, manchmal auch Subventionen, Quoten oder Spekulationen. Was nicht im Preis steckt, sind Leistungen, die der Natur bei der Herstellung abgerungen werden. Das kann zum Beispiel die Entnahme von sauberem Wasser sein oder die Nutzung von fruchtbarem Ackerland. Auch für den Ausstoß von schädlichen Chemikalien, Gasen oder luftverschmutzenden Partikeln bei der Produktion zahlen in der Regel weder der Produzent noch der Verbraucher.

"Das Kapital der Natur ist gratis zu haben und wird deshalb oft unterschätzt", sagt Richard Mattison, Geschäftsführer der Firma Trucost. Das Unternehmen hat es sich zur Aufgabe gemacht, der Natur einen Preis zuzuordnen. Mit mathematischen Modellen versuchen Mattison und seine Mitarbeiter zu beschreiben, welcher Wert verloren geht, wenn Firmen die Umwelt zerstören und verschmutzen. "Wir sorgen dafür, dass der Wert von natürlichen Systemen anerkannt wird", sagt der Firmenchef. Mit den Berechnungen sollen Unternehmen ihre Produktionsprozesse optimieren, Investoren Umweltrisiken abschätzen und Wissenschaftler die Abhängigkeit der Wirtschaft von natürlichen Ressourcen besser erforschen können.

George Monbiot hält das für den falschen Weg: "Auf diese Weise wird man die Natur nicht vor den Verwüstungen der Wirtschaft schützen", kritisiert der britische Autor und Umweltschützer. Der Umwelt ein Preisschild zu verpassen bedeutet für Monbiot, ihren Schutz dem Kapitalismus zu unterwerfen. Prinzipien wie Kommerzialisierung und das Streben nach wirtschaftlichem Wachstum seien in der Vergangenheit äußerst schädlich für den belebten Planeten gewesen, durch Ansätze wie den von Trucost würden sie nun als dessen Rettung verkauft.

Für Mattison hingegen ist der Zusammenhang zwischen natürlichen Ressourcen und real investiertem Geld ganz klar: "In Regionen, in denen viel Wald gerodet wurde, gab es zum Beispiel schlimme Dürren. Die Konsequenz dieser Dürren war, dass man reales Geld ausgeben musste, Finanzkapital, weil man Naturkapital verloren hat."

Was kostet die Natur?

Doch wie lassen sich der Verlust von Wäldern, die Verschmutzung von Wasser oder der Ausstoß klimaschädlicher Gase in Geld umrechnen? "Der Wert von Wasser korreliert damit, wie knapp es ist. Danach bemisst sich der wahre Preis", sagt Mattison. "In der Stadt Dschidda in Saudi-Arabien etwa kostet ein Kubikmeter Wasser drei Cent, in Kopenhagen hingegen mehr als sechs Euro. Es müsste genau andersherum sein, weil Wasser an einem wüstenartigen Ort wie Dschidda so knapp ist." Solche Faktoren fließen in die Berechnungen von Trucost mit ein.

Auch andere Umweltschäden, die durch die Produktion von Lebensmitteln entstehen, versuchen Mattison und seine Kollegen zu beziffern - zum Beispiel die Auswirkungen von Luftverschmutzung auf Mensch und Natur. In China zum Beispiel verursache der Ausstoß von Schadstoffen jährlich einen finanziellen Schaden im Wert von fünf bis zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts, sagt Mattison. Grund dafür seien etwa die zusätzlichen medizinischen Kosten wegen Atemwegserkrankungen, Schäden an Gebäuden durch sauren Regen oder Einbußen bei der Ernte. "In China sind die Ernteerträge im Schnitt 15 Prozent geringer als im globalen Durchschnitt", sagt Mattison, "man braucht wegen der Luftverschmutzung also mehr Land, um die gleichen Erträge zu erzielen."

Auf Basis solcher Überlegungen hat die Firma ausgerechnet, wie viel mehr eine Packung Frühstücksflocken, eine Flasche Fruchtsaft oder ein Stück Käse kosten müssten, wenn man die Beanspruchung der Natur berücksichtigt. Das Ergebnis: Das Frühstücksmüsli würde um 49 Cent teurer, der Saft um 16 Cent und der Käse sogar um gut einen Euro. Berechnet wurden diese Beträge mit typischen Mittelwerten. Würden die Produkte bestimmter Marken untersucht, fielen die Ergebnisse jeweils etwas unterschiedlich aus. Denn die Preise variieren, je nachdem wo und wie ein Produkt hergestellt wird. Auch lassen sich nie wirklich alle Umwelteinflüsse bis ins letzte Detail berücksichtigten. Die Rechnungen würden dann einfach zu komplex.

Bei allen drei Lebensmitteln in der Modellrechnung ist Wasser der entscheidende Faktor. Bei Frühstückscerealien wird es vor allem zum Anbau des Getreides benötigt, bei Fruchtsaft für den Anbau der Orangen und bei Käse für die Aufzucht der Kühe. Für das Wasser bezahlt der Bauer zwar, jedoch laut Trucost-Chef Mattison, nicht unbedingt den Preis, den es eigentlich wert wäre. Berücksichtigt man, wie knapp das Wasser am Produktionsort ist, beeinflusst das den Preis erheblich. Bei den Frühstücksflocken zum Beispiel schwankt er je nach Wasserverfügbarkeit zwischen 3,29 und 4,68 Euro.

Keine leichte Rechenaufgabe

Für Trucost-Chef Mattison sind Unsicherheiten jedoch kein Grund, solche Analysen nicht zu machen. Seine Firma arbeitet dafür sogar mit der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen zusammen. Gemeinsam entwickeln sie Richtlinien, die helfen sollen, das bei der Nahrungsproduktion beanspruchte natürliche Kapital abzuschätzen. In einem gemeinsamen Bericht haben FAO und Trucost berechnet, in welchem Maße die Produktion verschiedener Nutzpflanzen und Fleischarten natürliche Ressourcen beansprucht - je nach Ort der Herstellung. Auch hier zeigen sich erhebliche Unterschiede:

So sind die Kosten für Landwirtschaft in Brasilien oft besonders hoch, da sowohl für Weideflächen als auch für den Anbau von Futter Amazonas-Regenwald gerodet wurden. Die hohen Kosten der Geflügelzucht in Indonesien hingegen gehen zum großen Teil auf den Ausstoß von Treibhausgasen zurück, der dort bei der Produktion besonders hoch ist. Beim Getreideanbau schneidet Deutschland schlecht ab, da hierzulande verhältnismäßig viel Dünger verwendet wird.

Viele Zahlen, keine Konsequenzen

Doch können solche Berechnungen einen Einfluss auf die Herstellung unserer Lebensmittel - und anderer Produkte - haben? Es gehe darum, ein Umdenken hin zu einer nachhaltigen Produktion zu fördern, sagt Mattison. "Ich würde nicht sagen, dass Lebensmittel unbedingt teurer werden sollten. Stattdessen sollten wir ihren wahren Preis senken." Dafür wollen er und seine Mitarbeiter mit ihrer Arbeit den Weg bereiten.

Umweltschützer Monbiot glaubt nicht daran, dass die Bepreisung der Natur irgendwelche Probleme lösen wird. Geld sei eben kein "Elfenstaub, den man über alle ungelösten Probleme" verstreue. Die Idee des natürlichen Kapitals stärke lediglich die Macht jener, die Geld haben.

Allein durch Berechnungen werde sich nicht viel ändern, räumt auch Trucost-Chef Mattison ein. Doch er glaubt, dass ein Wandel gelingen kann, wenn zum Beispiel falsche Anreize abgeschafft werden - wie Subventionen für fossile Brennstoffe, exzessiven Düngergebrauch und für Wasser in trockenen Regionen. "In Saudi-Arabien gab es erhebliche Subventionen für Wasser. Für die Herstellung von Milchprodukten war es sogar kostenlos. Täglich wurden die Kühe mit Wasser besprenkelt, das durch Entsalzung gewonnen wurde - einem sehr teuren Prozess mit hohem CO2-Ausstoß."

Die Beanspruchung natürlicher Ressourcen könne in manchen Fällen auch erheblich reduziert werden, indem man sich auf traditionelle, nachhaltigere Produktionsmethoden zurückbesinne, sagt Mattison. So habe zum Beispiel Unilever in verschiedenen Ländern 400.000 Teebauern geschult: Dadurch, dass sie nun den Verschnitt der Teepflanzen auf die Felder bringen, sparen sie Kosten und Dünger.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.