Lebensmittel zu Schleuderpreisen »Irgendjemand bezahlt den Preis dafür«

Der Streit der Bauern mit den großen Lebensmitteldiscountern entwickelt sich zum Dauerthema. Doch inzwischen räumen selbst Verbraucherschützer ein, dass Billigstpreise schädlich sind.
Bauernprotest: Mehr Transparenz gefordert

Bauernprotest: Mehr Transparenz gefordert

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Zu den Festtagen kam bei vielen gerade wieder etwas Besonderes auf den Tisch, das auch schon mal mehr kosten kann. Im neuen Jahr locken Supermärkte aber gleich wieder mit neuen Sonderangeboten: 23 Prozent Rabatt für Schweinehackfleisch oder Hähnchenschenkel im XXL-Pack zu 4,98 Euro. Landwirte protestieren seit Wochen gegen die Dauerschnäppchen vor allem bei Fleisch, große Handelsketten sind auch schon auf die Erzeuger zugegangen.

Doch der Lebensmittelmarkt bleibt 2021 im Blick der Politik, die dem ständigen Kostendruck deutlichere Schranken setzen will. Auch Verbraucherschützer kritisieren extreme Preiskämpfe – und fordern ein stärkeres Einbeziehen von Kosten für mehr Umwelt- und Tierschutz direkt in die Nahrungsproduktion.

Der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands vzbv, Klaus Müller, sagte der Deutschen Presse-Agentur: »Es darf nicht so sein, dass Lebensmittel zu Billigstpreisen verschleudert werden. Irgendjemand zahlt die Zeche dafür.« Und das seien zurzeit in vielen Fällen die Landwirte. Zur Wahrheit gehörten allerdings auch Praktiken gerade in der konventionellen Landwirtschaft, die weder den Erwartungen der Bevölkerung entsprächen, noch Tierschutz- und Umweltstandards sowie den Klimazielen.

Aus Müllers Sicht dürfen nicht weiter dafür nötige Kosten ausgelagert werden – etwa um Trinkwasser von Pestiziden zu reinigen. »Unterm Strich wäre es sinnvoll, diese Kosten tatsächlich in die landwirtschaftliche Produktion hineinzurechnen oder erst gar nicht entstehen zu lassen«, argumentierte der oberste Verbraucherschützer.

Billiger als Herstellungskosten

Müller kritisierte: »Wie kann es sein, dass Obst, Gemüse, Milch, Eier, Fleischprodukte preiswerter verkauft werden, als sie hergestellt wurden?« Das nutze nur auf den ersten Blick dem Portemonnaie der Verbraucher. Der vzbv-Chef begrüßte es, dass Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) unfaire Praktiken großer Supermarktketten zulasten kleiner Lieferanten unterbinden will. Es seien aber noch weitere Gesetze nötig, um alle Mechanismen zu beenden, die sich in sehr ungleichen Marktbeziehungen eingeschlichen hätten.

Eher zurückhaltend reagierte Müller auf einen Vorschlag Klöckners, auf Verpackungen den Anteil anzugeben, der vom Verkaufspreis an die Bauern geht. »Das ist auf jeden Fall gut gemeint.« Nichts spreche bei unverarbeiteten Produkten wie Obst, Gemüse oder Milch dagegen. Dies könne ein Gefühl vermitteln, wie wenig beim Landwirt ankomme und wer sonst noch an Lebensmitteln verdiene. Bei komplexeren, verarbeiteten Produkten stünde aber der Bürokratieaufwand in keinem Verhältnis dazu. »Darum befürchte ich, dass es nicht wirklich zu Ende gedacht ist.« Allein mehr Transparenz löse das Problem nicht.

Bauernpräsident Joachim Rukwied begrüßt die Forderung nach mehr Transparenz bei den Preisen grundsätzlich. »Die hohen deutschen Erzeugungsstandards müssen belohnt und höher vergütet werden. Das gilt für Fleisch, Milch, Obst und Gemüse in gleichem Maße.« Aus Sicht des Bauernverbands sei dies über einen »Deutschland-Bonus« vorstellbar, der auch an gewisse Erzeugungskriterien gebunden sei.

Nach Bauernprotesten vor Zentrallagern des Handels hatten mehrere Supermarktketten bereits angekündigt, ihre Einkaufspreise für Schweinefleisch zu erhöhen. Deutschen Schweinehaltern macht eine Preiskrise zu schaffen, nachdem Exportmärkte nach dem Auftauchen der Afrikanischen Schweinepest bei Wildschweinen weggebrochen sind. Ins Auge gefasst wurden auch eine Ombudsstelle zwischen Handel und Landwirtschaft sowie eine einheitliche Bezeichnung für »heimische landwirtschaftliche Erzeugnisse«, wie der Lebensmittelhandel und die Landwirte-Organisation »Land schafft Verbindung« erklärten.

Ministerin Klöckner moniert ein »massives Machtungleichgewicht« zwischen Erzeugern und Handel. Wer gern mit regionalen Produkten werbe, müsse sie auch wertschätzen und dafür sorgen, dass Bauernfamilien von der Produktion leben könnten, mahnte sie kurz vor dem Jahreswechsel. Per Gesetz will die Ministerin unfaire Handelspraktiken verbieten – etwa kurzfristige Stornierungen von Anlieferungen oder einseitiges Ändern von Lieferbedingungen. Daneben solle der Handel einen Verhaltenskodex mit den Landwirten vereinbaren – ein Entwurf sei für Januar zugesagt.

mik/dpa-AFX
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