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02. März 2012, 19:04 Uhr

Lebensmittelindustrie

Top-Beamter in doppelter Mission

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Ein Mann, zwei Gesichter: Deutschlands wichtigster staatlicher Ernährungsforscher berät nebenbei und ehrenamtlich eine industriefreundliche Lobbyorganisation - zu den Geldgebern zählen Konzerne wie Coca-Cola und McDonald's  

Der Lebensmittelpapst und die Lobbyisten: Gerhard Rechkemmer ist der oberste staatliche Ernährungsforscher in Deutschland. Er leitet das Max-Rubner-Insitut in Karlsruhe, das als Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel zuständig ist. Doch nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit arbeitet der deutsche Top-Beamte seit rund einem Jahr parallel für die Industrievereinigung ILSI. Rechkemmer sitzt dort im Direktionsteam, wo er auch über Gelder und Forschungsschwerpunkte entscheidet - ehrenamtlich wie er betont.

Die Abkürzung ILSI steht für International Life Science Institute. Zwar gibt sich die Vereinigung gemeinnützig, unterhalten wird sie jedoch großteils von Unternehmen wie Coca-Cola, Mars, McDonald's und Monsanto. Seit bekannt wurde, dass einige für das ILSI tätige Wissenschaftler auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit beraten, gilt die Vereinigung als umstritten. Die Weltgesundheitsorganisation zum Beispiel schloss das ILSI als Beratungsinstitut bei der Festlegung bestimmter Normen aus.

Die vermeintlichen Life-Science-Spezialisten stehen dennoch im Verdacht, Richtlinien über Grenzwerte für Zusatzstoffe im Sinne der eigenen Klientel zu beeinflussen - ein Gebiet, auf dem der deutsche Spitzenbeamte eigentlich ganz unabhängig und überparteilich entscheiden soll. Rechkemmers Doppelrolle sei etwa so, als wäre einer der obersten Atomaufseher Funktionär bei der Atomlobby, kritisiert der Ernährungsexperte Hans-Ulrich Grimm. Rechkemmer sieht das ILSI dagegen nicht als Lobbygruppe, sondern als "wissenschaftliche Plattform", die den Austausch von Forschern ermögliche.

Wie gut dieser Austausch offenbar funktoniert, zeigt die deutsche Reaktion auf eine EU-Richtlinie, die von jedem Land die Erfassung von Zusatzstoffen wie etwa Zitronensäure fordert, deren Anhäufung in den verschiedenen Lebensmitteln vor allem für Kinder ein Problem darstellen kann. Das Max-Rubner-Institut hat eine solche Erhebung bei seinen Verzehrstudien bisher ausgeblendet. Die Industrie, so Rechkemmer, könne schließlich nicht gezwungen werden, ihre Rezepturen preiszugeben.

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