Lebensmittellobby zu Imitat-Essen "Gucken Sie genauer und häufiger hin"

Das Entsetzen über Imitat-Essen ist groß, jetzt gibt die Lebensmittelindustrie zu: Tatsächlich ist die Kennzeichnung von Produkten problematisch. Der Fall der "Surimi-Garnele" grenze an Betrug, sagt Matthias Horst vom Bundesverband - lehnt im SPIEGEL-ONLINE-Interview schärfere Gesetze aber ab.

SPIEGEL ONLINE: Die Verbraucherzentrale Hamburg hat eine Liste mit Lebensmittelplagiaten veröffentlicht. Wie verbreitet sind solche Imitate?

Horst: Da muss man differenzieren. Nicht alles, was jetzt als Plagiat kritisiert wird, ist schlecht. Im Gegenteil: Es gibt heute eine Reihe von Produkten, die bestimmte traditionelle Zutaten ersetzen. Ein Beispiel ist der sogenannte Analogkäse. Der sieht genauso aus und funktioniert auf der Pizza als Käse. Das ist in Ordnung. Aber man muss klar sagen: Das ist kein Käse, sondern ein anderes Produkt. Es kommt darauf an, dass der Verbraucher nicht irregeführt wird.

SPIEGEL ONLINE: Genau das aber scheint häufig zu passieren.

Horst: Probleme sehen wir vor allem im Bereich der Billig-Gastronomie, zum Beispiel beim Straßenverkauf von Pizza. Aber auch da müssen wir sagen, wie sich das Produkt zusammensetzt. Noch ein Beispiel: Bei diesem Schinkenimitat, über das vor kurzem berichtet wurde, fordern wir ebenfalls eine klare Kennzeichnung. Das muss Schinkenersatz heißen. Das muss der Kunde wissen. Wenn er nicht informiert wird, ist das ein Unding.

SPIEGEL ONLINE: Die Kunden werden doch ganz bewusst an der Nase herumgeführt. Da gibt es zum Beispiel sogenannte Surimi-Garnelen im Angebot, die in Wahrheit aus gepresstem Fischeiweiß bestehen. Die werden sogar gefärbt und so geformt, dass sie aussehen wie Garnelen.

Horst: Ich gebe Ihnen recht: Auch die Bezeichnung kann irreführen. Korrekt müsste sie heißen: Surimi-Garnelen-Imitat. Es muss ganz klar zu erkennen sein, dass das keine echte Garnele ist, die im Meer gefangen oder auf einer speziellen Farm gezüchtet wurde.

SPIEGEL ONLINE: Sie propagieren die Kennzeichnungspflicht. Aber wie halten sie es selbst? Lesen Sie sich das Kleingedruckte durch, wenn Sie eine Packung mit der Aufschrift "Schoko-Kekse" in den Einkaufswagen legen?

Horst: Ja, weil ich immer darauf achte, dass ich dunkle Schokolade bekomme. Die mag ich besonders gern. Ich kann nur jedem Verbraucher empfehlen: Gucken Sie genau und häufiger hin. Bei dieser enormen Produktpalette müssen Kunden sich informieren, damit sie hinterher keine Enttäuschung erleben.

SPIEGEL ONLINE Sie fordern die Verbraucher auf, wachsamer zu sein. Und welche Lehren zieht die Industrie aus dem Skandal?

Horst: Zunächst glaube ich, dass unser Kennzeichnungsrecht ausreicht. Die Regeln müssen nur praktiziert werden. Da geben wir als Verband immer wieder Hinweise an unsere Mitglieder, wie man es richtig macht.

SPIEGEL ONLINE: Offenbar nicht sehr erfolgreich. Woran hapert es?

Horst: Warum fahren Leute trotz Tempolimit und Blitzanlage zu schnell Auto? Natürlich sind solche Fehler nicht zu rechtfertigen. Aber oft ist es einfach Unkenntnis. Die Firmen wissen nicht, dass sie ihre Produkte anders ausweisen müssen. Sie handeln nicht immer absichtlich. Daneben gibt es sicher auch Dinge, die absolut inakzeptabel sind. Die müssen dann eben auch von den Behörden geahndet werden.

SPIEGEL ONLINE: Erst sorgte Analogkäse für Aufsehen, dann war es Gel-Schinken, jetzt die Plagiatprodukte. Haben wir es mit einem Massenphänomen zu tun?

Horst: Mit Sicherheit nicht. Hier sind natürlich von der Verbraucherzentrale ganz bewusst bestimmte Produkte ausgesucht worden, um sie öffentlichkeitswirksam an den Pranger zu stellen. Nicht alle davon waren so schlecht, wie sie dargestellt wurden.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Horst: Nehmen sie den beanstandeten Putensalat. Wenn jemand den kauft, erwartet der Kunde doch nicht ernsthaft, dass da ganze Stücke von Putenschnitzeln enthalten sind. Das kann auch Pute aus sogenanntem Formfleisch sein. Das ist das Fleisch, das bei der Produktion von Schnitzeln abgeschnitten wird. Aber auch Formfleisch ist ein hochwertiges Produkt.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch reichen die Beispiele aus, um das Vertrauen mancher Konsumenten zu erschüttern. Fürchten Sie nicht einen Vertrauensverlust der Branche?

Horst: Die Industrie ist in der überwältigenden Mehrheit nicht betroffen. Natürlich sind wir über die aktuelle Berichterstattung der Medien nicht begeistert. Die Artikel greifen nur einzelne Fälle auf, suggerieren aber, das sei die Regel. Das stimmt nicht. Und bedenken Sie: Im Markt gehen die Preise immer weiter runter; manche Hersteller können nur überleben, wenn sie Produkte wie Surimi-Garnelen-Imitate anbieten.

SPIEGEL ONLINE: Schuld sind also Handel und Verbraucher, die den Preis drücken?

Horst: Wenn man immer billiger essen will, dann kann man nicht erwarten, immer etwas ganz Besonderes zu bekommen. Darüber sollte man auch als Verbraucher nachdenken.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt also: Wer eine Surimi-Garnele anbietet, die angeblich aus dem indischen Ozean stammt, trickst nicht. Er reagiert nur auf den Geiz der Kunden.

Horst: So ist es nicht. Die Kennzeichnung ist auf jeden Fall nicht ordnungsgemäß. Was auch immer die Motivation ist: Solche Aussagen sind grob irreführend. Das grenzt an Betrug.

Das Gespräch führte Benjamin Bidder
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