Buch über die kaputte Lebensmittelindustrie Gojibeeren sind auch nicht die Lösung

Die Zustände in Schlachtereien sind Teil eines pervertierten Ernährungssystems, sagt Manfred Kriener. In einem Buch beschreibt er die Tricks der Nahrungsindustrie - weit über das Fleisch hinaus.
Schweinehälften in einem niedersächsischen Schlachthof

Schweinehälften in einem niedersächsischen Schlachthof

Foto: Mohssen Assanimoghaddam/ picture alliance/ dpa

Es gibt Momente, da muss man dem nervigen Virus auch mal dankbar sein, so furchtbar die Erkrankung für Betroffene auch ist. Etwa r r5 wenn durch die massenhafte Ansteckung der Schlachthofarbeiter mit Covid-19 die katastrophalen Zustände in der deutschen Fleischindustrie ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden. Mit einem Mal ist sichtbar: Den Preis für unser Billigfleisch bezahlen Arbeiter, die oft ähnlich beengt und würdelos leben müssen wie die gequälten Kreaturen, die sie im Fließbandbetrieb abmurksen.

Wer mehr solche Erweckungserlebnisse möchte, muss nur zu einem neuen Buch greifen. Pünktlich zu Beginn der Grillsaison verpasst uns der Wissenschaftsjournalist Manfred Kriener einen Denkzettel, der den Einkaufszettel für immer verändern könnte. "Lecker-Land ist abgebrannt" widmet sich auf 240 Seiten zum einen den Industrien und Systemen, die unsere Nahrung produzieren - samt ihren Tricks, Auswüchsen und ihrem Umgang mit Umwelt, Natur und Kreaturen. Aber auch die Verbraucher bleiben nicht ungeschoren. Mit Lust macht sich der passionierte Hobbykoch über die quinoahaltigen Niederungen unserer zunehmend verschrobenen Esskultur her.

"Zum Thema Ernährung und Landwirtschaft gibt es Müllhalden an Aufklärungsbüchern, die durch Manfred Krieners Texte nahezu obsolet erscheinen", schreibt der Sternekoch Vincent Klink im Vorwort. Erbarmungslos, bissig, höchst unterhaltsam und mitunter sogar heiter kehrt der Autor in den Dreckecken der Nahrungsmittelbranche und ihrer politischen Helfershelfer.

Kriener scheut sich nicht, heilige Kühe zu schlachten. Er belegt, warum Fleisch, aus Bioproduktion, oftmals von kranken Tieren stammt. Warum Ernährungsfanatismus nicht weniger abstoßend ist als fatalistische Genussgier. Er lästert, dass "Darmbewohner zu wichtigen kulinarischen Kooperationspartnern" aufgestiegen sind und verspottet Fressmoden wie den Hype auf sogenanntes Superfood als überflüssigen "Angriff der Vitaminbomben", den er mit Studien etwa über pestizidbelastete Moringa-Samen ad absurdum führt.

Gojibeeren verlieren zwar Vitamine, nicht aber Pestizide

Marokkos "weißes Gold der Gesundheit", das Arganöl? Hat keinerlei Vorzüge gegenüber heimischen Nuss- oder Leinölen. Die aus China importierten Gojibeeren? Verlieren durch die Trocknung zwar ihre Vitamine, nicht aber ihre Pestizidbelastung.

Krieners mit wissenschaftlichen Belegen gespicktes Buch ist mehr als ein Ernährungsberater - es enthüllt die Strukturen eines aus dem Ruder gelaufenen globalen Systems der Nahrungsmittelproduktion. Etwa die Auswirkungen der Fleischproduktion auf die Umwelt, das Abholzen der Regenwälder für Tierfutteranbau, die Rolle der Landwirtschaft für den Klimawandel, die Verklappung billigen Zuckers in Fertigprodukten. Abstrakt bleibt dabei nichts: Kriener bricht die Systemprobleme gnadenlos auf die Supermarktprodukte runter.

Dem Schweinefleisch-Liebhaber vergeht die Fresslust, wenn er von Kohlendioxid und Sauerstoff erfährt, das in die Schutzverpackungen gepumpt wird. Die Gase halten das Fleisch zwei Wochen lang frisch, doch es wird trocken, zäh und geschmacklos. Da kann man auch an der Ledersohle kauen.

Wer aus tierethischen Gründen auf die baldige Serienreife von Kunstfleisch setzt, lernt: Als Nährmedium wird fetales Kälberserum eingesetzt. Um das zu gewinnen, wird dem noch lebenden Kalbsfötus eine dicke Nadel ins schlagende Herz gestoßen und das Blut abgesaugt, bis das Tier leer ist und stirbt. Außerdem werden, wie in der konventionellen Tierhaltung, Antibiotika eingesetzt, um die wertvollen Zellkulturen vor Keimen zu schützen.

Dann also lieber wild gefangener Meeresfisch? Nach Angaben der Welternährungsorganisation sind ein Drittel aller Bestände überfischt und 59,9 Prozent bis zum Limit ausgebeutet. Schildkröten, Seevögel, Haie, Delfine und Unmengen "falscher Fische" verenden als Beifang. Beim Garnelenfang kann dieser "Abfall" bis zu 60 Prozent ausmachen.

Lausbefall in Lachsköpfen

Dann eben Fisch aus Fischzucht! Auch keine gute Idee, wie Kriener schreibt. In den eng besetzten Basins werden Medikamente in großen Mengen eingesetzt, um Krankheiten zu verhindern. Zudem muss etwa der Lachs wegen Läusebefalls immer wieder ins Insektizidbad. Die Läuse fressen Löcher in die Lachsköpfe, Einfallschneisen für Erreger. Gefüttert werden Zuchtfische unter anderem mit Fischmehl aus Fischereiresten. Ein hoher Anteil davon sind die Entgiftungsorgane, was zu einer höheren Schadstoffbelastung führt.

In Norwegen wird überwiegend gentechnisch modifiziertes Soja aus Südamerika gefüttert. Was zum einen die Sojaanbau-Problematik verstärkt, aber auch den Fisch verändert. Er enthält wesentlich weniger der gesunden Omega-3-Fettsäuren. Schön rot bleibt der Lachs trotzdem, dank der Pigmente, die dem Futter beigemengt werden.

Zudem büchsen die Zuchtlachse beim Sturm gerne aus und vermischen ihren degenerierten Genpool mit dem der Wildpopulation. Die aus Kreuzungen entstehenden Fische haben eine reduzierte Lebenserwartung und Reproduktionsrate, sind schlechter an die Ökosysteme angepasst und stress- und krankheitsanfälliger.

Überall belastetes Soja und Fischmehl

Also Insektensnacks? Auch die werden in den noch wenigen Farmen in Südostasien zunehmend mit Soja und Fischmehl gespeist, was die Futtermittelproblematik weiter verstärkt.

Bleibt einem noch der Wein. Doch auch der Riesling, berichtet Weinenthusiast Kriener, ist Opfer des Klimawandels. Zu heiße Temperaturen führen zu einem nach Benzin duftenden Fehlaroma, einer "feinzarten Petrolnote". Mit Lust macht sich der Autor über die "tumbe Weinprosa" her. Meist lobpreise sie überteuerte Tropfen, mit denen etwa im Bordeaux "Margen wie im Heroinhandel" erzielt werden: "Ein Wein wie ein Tag am Strand, sonnige gelbe Früchte kitzeln die Nase, eine leichte Brise weht mit pikanter Würze, und der Wein rollt wie eine Welle über den Gaumen", zitiert Kriener und lästert: "Obacht, man könnte sich beim Trinken den Sonnenbrand holen."

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Manfred Kriener

Lecker-Land ist abgebrannt: Ernährungslügen und der rasante Wandel der Esskultur

Verlag: Hirzel, S., Verlag
Seitenzahl: 238
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"Lecker-Land ist abgebrannt" ist schwere Kost mit leichter Hand serviert. Die Schreibe des Autors macht das faktenreiche Sachbuch zu einem Lesegenuss. Krieners Werk ist eine perfekte Ergänzung zu Bas Kasts Buch "Der Ernährungskompass" : Kast erklärt, welche Folgen unsere Ernährung auf die Gesundheit hat. Kriener zieht das Fenster noch größer und beschreibt die Auswirkungen für den Einzelnen, die Gesellschaft und den Planeten.

Wer dieses Buch gelesen hat, wird nie wieder einkaufen wie bisher.