Leder aus Paraguay für BMW, Land Rover und Co. Abholzung für europäische Autositze

Das Leder für europäische Autositze kommt laut einer Studie auch von Rinderfarmen in Paraguay. Diese stehen im Verdacht, illegal gerodet zu haben - in Wäldern eines isoliert lebenden Nomadenstamms.
Rinderherde in Paraguay

Rinderherde in Paraguay

Foto: Earthsigh

Geht es nach der Industrie und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, dann dürfen Konzerne nicht überfordert werden. Dann soll beim geplanten Lieferkettengesetz vor allem eines gelten: Rücksicht - auf die Unternehmen. Auf die Lieferketten ihrer Produkte sollten sie zwar schon achten, aber übertrieben werden sollten diese Sorgfaltspflichten nicht - die erste Stufe der Kette sollte reichen.

Beim Leder für Autositze müsste zum Beispiel BMW seine Lieferkette nur bis zu der Gerberei im italienischen Veneto nachvollziehen. Und nicht bis zur Farm Yaguareté Porā in Paraguay. Dieser Betrieb soll eine der Lederquellen europäischer Luxusautomarken und gleichzeitig verantwortlich sein für verheerende Abholzungen auf dem Gebiet der Ayoreo Totobiegosode, einer der letzten unkontaktiert lebenden Stämme außerhalb des Amazonas. Das legt eine Studie der Londoner NGO Earthsight  nahe, die auf Umwelt- und Menschenrechtsdelikte spezialisiert ist.

Waldrodung in der Region des Gran Chaco

Waldrodung in der Region des Gran Chaco

Foto: Earthsigh

18 Monate lang hat Earthsight dafür minutiös ermittelt. Rechercheure der Organisation haben sich mit Whistleblowern staatlicher Stellen und Vertretern der indigenen Bevölkerung getroffen. Sie sind den Rindertransporten von den Farmen in die Schlachthöfe gefolgt und haben sich später gegenüber Gerbereien als potenzielle Käufer von Leder ausgegeben. Und sie konnten anhand von Lieferdokumenten nachvollziehen, dass ein Großteil der in Paraguay vorgegerbten Häute für die europäische Autoindustrie bestimmt war.

Manager der paraguayischen Gerbereien waren sogar stolz darauf: Einer sagte, sein Leder käme beim Range Rover Evoque zum Einsatz, was der Hersteller Land Rover weder bestätigte noch dementierte. Ein anderer brüstete sich damit, sein Leder werde von der zum VW-Konzern gehörenden Luxusmarke Lamborghini verarbeitet. VW bestreitet das. Ein Konzernsprecher bestätigte zwar, auch VW sei Kunde bei der norditalienischen Gerberei Pasubio, die neben BMW und Land Rover einen Großteil der europäischen Autoindustrie beliefert. Es könne aber ausgeschlossen werden, dass der Konzern "jemals Leder aus Paraguay bezogen hat oder bezieht".

Pasubio wirft Earthsight eine "Attacke" auf einen ganzen Industriezweig vor, der Nachhaltigkeit doch zu einer Identitätsfrage gemacht habe. Völlige Übereinstimmung mit den Gesetzen habe dem Unternehmen im Übrigen auch der Industrieminister Paraguays attestiert. Auf konkrete Fragen zur Herkunft des Leders, illegaler Rodung oder danach, wie Leder vor der Verarbeitung nach Herkunftsländern getrennt werde, ging Pasubio nicht ein.

Alle zwei Minuten verschwindet die Fläche eines Fußballfeldes

Im Mittelpunkt der Earthsight-Untersuchung stand die Region des Gran Chaco, einer Tiefebene im Herzen Südamerikas, wo Jaguare und Große Ameisenbären leben und wo die Wälder so schnell verschwinden, wie kaum sonst irgendwo auf der Welt: Etwa alle zwei Minuten, schätzt Earthsight, wird dort die Fläche eines Fußballfeldes eingeebnet - meist für Rinderweiden, um die internationale Nachfrage nach Fleisch und Leder zu decken.

Mindestens 20 Prozent der Rodungen im Chaco seien illegal, heißt es beim unabhängigen paraguayischen Institut für Umweltrecht. Dass auf diese Weise auch die Heimat der dort lebenden Totobiegosode immer mehr dezimiert wird, schien die Regierung des Landes lange nicht zu kümmern. Mehr als 30 Jahre nach Ende der Klientelwirtschaft des Diktators Alfredo Stroessner ist Paraguay unter dem jetzigen Präsidenten Mario Abdo Benítez, einem Sohn von Stroessners ehemaligem Privatsekretär, noch immer von extremer Ungleichheit geprägt: Etwa zwei Prozent der Landbesitzer kontrollieren rund 90 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche.

Angehörige der indigenen Volksgruppe Totobiegosode in Paraguay

Angehörige der indigenen Volksgruppe Totobiegosode in Paraguay

Foto: Survival International

Zwar schützte die Regierung bereits 2001 ein Gebiet von 550.000 Hektar als kulturelles Erbe der Totobiegosode. Zusätzlich gibt es ein Gesetz, dass Rodungen auf dem Gebiet indigener Gemeinden verbietet. Doch das lässt sich in Paraguay offenbar leicht umgehen: Der Farm Yaguareté etwa, deren Rinderhäute einen Weg nehmen, der laut Studie bis zu BMW verfolgt werden kann, gelang es, Zehntausende Hektar Wald in dem Gebiet zu akquirieren.

Nach außen gibt sich der Betrieb den Nachhaltigkeitsprinzipien des UN Global Compact verpflichtet. Auf konkrete Fragen reagierte er nicht. Earthsight macht die Farm allerdings für "schlimmste Abholzungen" und den Bau von 60 Kilometer Straßen mitten in das Indigenen-Gebiet verantwortlich. Die Farm sei auch zu Strafzahlungen verurteilt worden, weil sie in Gutachten die Existenz isoliert lebender Gruppen in den fraglichen Gebieten verschwiegen hatte – eine Abholzgenehmigung bekam Yaguareté dennoch.

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Erst im Jahr 2018, nach Kritik von Menschenrechtsorganisationen und den Vereinten Nationen, reagierte die Regierung Paraguays: Das staatliche Forstwirtschaftsinstitut ließ sämtliche Landbewirtschaftungspläne für das Schutzgebiet der Totobiegosode auf Eis legen – jegliche Abholzung war nun unmissverständlich illegal. Dennoch kamen die Bulldozer wieder: Bis Juli 2020 wurden noch mal 2600 Hektar im Schutzgebiet kahl geschlagen. Verantwortlich waren laut Studie zwei Firmen, deren Rinderhäute Wege nehmen, die bis zu BMW und zu Land Rover verfolgt werden können.

Dass Earthsight mit den aufgezeigten Verbindungen in die richtige Richtung recherchiert hatte, mussten auch die Autohersteller einräumen. BMW und Land Rover betonten, wie ernst sie die Recherche nähmen und wiesen auf ihre Sozial- und Umweltstandards für Lieferanten hin – bestätigten aber die von Earthsight benannten Schlachthöfe in Paraguay. Diese werden laut Studie neben Yaguareté auch von den zwei Farmen beliefert, die sich illegal im Schutzgebiet breitmachen, eine davon ist laut Studie der Ausgangspunkt für Land-Rover-Leder.

Die Autoindustrie braucht pro Jahr Häute von 50 bis 60 Millionen Rindern

Einen Beleg dafür, dass die von Earthsight benannte Farm illegal gerodet habe oder deren Häute in die eigene Lieferkette gelangten, habe man noch nicht gefunden, so eine Sprecherin von Land Rover. Dabei hätte eine Nachfrage beim Schlachthof leicht Klarheit darüber bringen können, ob die Häute der fraglichen Farm dort verarbeitet oder – kaum denkbar – vorher für bestimmte Kunden aussortiert werden.

Häute von 50 bis 60 Millionen Rindern braucht die Autoindustrie pro Jahr – ein weltweites Geschäft von knapp 30 Milliarden Dollar. Laut der Studie kann keiner der zehn größten europäischen Hersteller das gesamte im Unternehmen verwendete Leder zur Ursprungsfarm zurückverfolgen. Das allerdings wäre wesentlich, um Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen zu vermeiden.

Leder ist dabei nur ein Beispiel für das ausgeprägte Desinteresse der Autokonzerne an den Entstehungsumständen ihrer Vorprodukte. Ob Kinder in Indien nach Glimmerbrocken für Autolacke graben oder Minderjährige in afrikanischen Kobaltminen ihr Leben riskieren, schien lange kaum jemanden zu kümmern. Unternehmen, die mit Kobalt arbeiten, stünden vor der Herausforderung, Verletzungen von Umweltstandards und Menschenrechten nicht vollständig ausschließen zu können, ließ BMW noch vergangenes Jahr wissen.

Inzwischen arbeiten die meisten Autokonzerne daran, ihre Lieferkette besser in den Griff zu bekommen. VW etwa hat 16 kritische Rohstoffe (darunter Kobalt, Leder, Glimmer, Stahl) identifiziert, bei denen die Transparenzanforderungen verschärft werden sollen. BMW verfügt nach eigenen Angaben bereits über einen ausführlichen risikobasierten Due Diligence Prozess und will mittelfristig auf Leder aus Südamerika verzichten. Bis dahin verlässt man sich gern auf Zertifikate. Wie Land Rover führt BMW etwa einen Gold-Standard der Leather Working Group für die fraglichen paraguayischen Gerbereien an. Alternativ seien diese vom dortigen Industrieministerium im Hinblick auf Umwelt- und Sozialstandards "abgesichert worden".

Earthsight-Direktor Sam Lawson hält solche Versicherungen für "wertlos": Weder das Gold-Rating noch das Zertifikat des Ministeriums enthalte eine Rückverfolgbarkeitsprüfung zur Ranch oder Checks zur Abholzung oder der Verletzung indigener Rechte. Ein Unternehmen müsse vielmehr "die historische Blindheit der Regierung Paraguays" berücksichtigen, wenn es um Menschenrechtsverletzungen gehe.

Miriam Saage-Maaß von der Berliner Menschenrechtsorganisation ECCHR sieht das ähnlich: "Bei einem halbwegs ambitionierten Lieferkettengesetz würden solche Zertifikate nicht mehr reichen." Spätestens wenn zivilgesellschaftliche Organisationen auf die Missstände aufmerksam machen, müssten Unternehmen handeln, mit lokalen Akteuren reden – und ihre Marktmacht einsetzen, um auf effektive Verbesserungen zu drängen. "Alibi-Aktionen reichen dann nicht mehr aus."

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