Leere Klingelbeutel Katholische Kirche kündigt Mitarbeitern

Die Konjunkturmisere ist in den Bistümern angekommen. Mitgliederschwund und sinkende Steuern zwingen die katholische Kirche in Deutschland zum verschärften Sparkurs - betriebsbedingte Kündigungen inklusive.


Klingelbeutel: Kritische Haushaltslage beeinträchtigt Arbeit der Kirchen
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Klingelbeutel: Kritische Haushaltslage beeinträchtigt Arbeit der Kirchen

Hamburg - Wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa ergab, wollen alle 27 Bistümer in den nächsten Jahren ihre Ausgaben noch drastischer drosseln. Im Mittelpunkt der Sparpläne stehen Stellenabbau, Lohneinbußen und ein fast vollständiger Baustopp.

Außerdem sollen Bildungs- und Sozialeinrichtungen geschlossen werden. Hinzu kommen Strukturveränderungen: Verwaltungen werden ausgedünnt, vielerorts Kirchengemeinden zusammengelegt. Dabei gibt es allerdings Unterschiede, je nach Finanzlage der Diözesen.

Lohnkürzungen um 17 Prozent

Brennpunkte in Sachen Geldnot sind zum Beispiel Berlin, Aachen und Hamburg. Das Bistum Aachen will seinen Mitarbeitern Lohnkürzungen um 17 Prozent abverlangen - ohne Arbeitsplatzgarantie. Erste betriebsbedingte Kündigungen hat es in Aachen bereits gegeben, weitere dürften folgen. Bis 2008 sollen hier 370 Vollzeitstellen wegfallen.

Das Bistum Münster schließt für 2005 betriebsbedingte Kündigungen ebenfalls nicht aus. Das hoch verschuldete Erzbistum Berlin wiederum hat seit 2003 bereits 300 Stellen abgebaut, man will von ursprünglich 1300 auf 880 Stellen runter. Im Erzbistum Hamburg soll jede fünfte Vollzeitstelle bis 2006 wegfallen. Trier will mittelfristig etwa 200 von 2400 Stellen streichen.

Umstrittene Einschnitte bei der Priesterausbildung

Das Ruhrbistum Essen muss 2005 mit "Fremdmitteln", sprich Bankkrediten, seinen Etat aufstellen, Kündigungen gelten als wahrscheinlich. Schlagzeilen machte das Erzbistum Bamberg mit der Entscheidung, künftig keine Pastoralassistenten (Laien-Theologen) mehr auszubilden oder einzustellen. In Kirchenkreisen wird solch ein radikaler Eingriff in die Pastoralarbeit als falsches Signal kritisiert, denn die katholische Kirche leidet unter erheblichem Priestermangel.

Typisch für viele Bistümer ist die Lage in Limburg. Bis 2008 sollen mindestens 115 der 1200 Vollzeitstellen wegfallen. Die Beschäftigten verzichten in den kommenden beiden Jahren auf Urlaubsgeld, Fahrtkostenzuschüsse und 60 Prozent des Weihnachtsgeldes. Außerdem erwägt das Bistum, sich von 25 Prozent seiner Immobilien zu trennen. Parallel dazu soll die Zahl der Gemeinden durch Zusammenlegung reduziert werden, eine Maßnahme, die in vielen anderen Bistümern wie Berlin, Hamburg oder Mainz bereits in Angriff genommen oder vollzogen worden ist.

Die Mitglieder der schwachen ostdeutschen Bistümer hängen unverändert am Finanztropf der westdeutschen Kirche. Da deren Ost-Hilfe aber weniger wird, muss dort noch stärker als bisher gespart werden. Das Bistum Magdeburg kürzt seinen Etat allein 2005 um 10 Prozent. Zu den geplanten Maßnahmen gehört das Streichen des Weihnachtsgeldes für kirchliche Mitarbeiter.

Weniger Steuern, weniger Kirchgänger

Grund für die Maßnahmen sind die versiegenden Geldzuflüsse. 2004 sanken die Kirchensteuereinnahmen nach vorläufigen Berechnungen bundesweit um etwa 8 Prozent. Kirchenexperten erwarten für 2005 allein durch die letzte Stufe der Steuerreform einen weiteren Rückgang um 1,5 bis 3 Prozent. Außerdem wirken sich Kirchenaustritte, Arbeitslosigkeit und die Überalterung der Gesellschaft negativ aus. Über die nächsten zwei, drei Jahrzehnte rechnen Finanzfachleute mit weiteren Einbußen.

"Trotz wachsender Finanzierungsnöte wird die Kirche auch im sozialen Bereich weiterhin Flagge zeigen. Nur eins ist klar: Eine Versorgung an Altenheimen, Schulen und Krankenhäusern in kirchlicher Trägerschaft in dem Umfang wie bisher wird es in Zukunft aller Voraussicht nach nicht mehr überall geben können", sagte Martina Höhns, Sprecherin des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz.

Gespart werden soll in vielen Bistümern auch an Kindergärten. So will allein Münster 7000 Plätze streichen. Kommunen werden als neue Träger bisher kirchlicher Kindergärten gesucht. Durch Zusammenlegung und Schließung von Kindertageseinrichtungen möchte das Bistum Trier 5,2 Millionen Euro einsparen. In Paderborn, wo bis 2007 rund zehn Prozent an Personal- und Sachmitteln eingespart werden sollen, will man zwar alle Kindergärten halten, aber die Zahl der Gruppen senken.

Anders als an den Brennpunkten gibt es eher moderate Sparzwänge in München-Freising, Regensburg oder Mainz. Köln, stets als das finanzstärkste Erzbistum gehandelt, kürzt seinen bisherigen 680-Millionen-Euro-Haushalt 2005 zwar nur minimal, will aber bis 2007 den Etat um 90 Millionen Euro reduzieren. Bereits bis 2006 sollen 350 der 5000 Stellen wegfallen. Das Erzbistum möchte Kindertagesstätten an andere Träger abgeben. Küster müssen mit weniger Geld rechnen, die Zahl der Gottesdienste sinkt. Am meisten soll hier an kirchlichen Bauten gespart werden.



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