Zur Ausgabe
Artikel 37 / 101
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FORSCHUNG Leere Labore

In den neuen Bundesländern sind Hunderte Millionen Euro Fördergelder in die grüne Gentechnik geflossen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Spitzenprodukte sind nicht in Sicht.
Von Svea Eckert und Nils Klawitter
aus DER SPIEGEL 41/2008

Als Inge Broer in Bielefeld Biologie studierte, da hatte sie ein Gärtchen mit Ökogemüse, eine gesunde Skepsis gegen Konzerne - und ein bisschen Angst. Die gentechnischen Freisetzungsversuche seien ihr »unheimlich« gewesen, sagt sie. »Wir wissen so wenig darüber, was wir tun«, dachte die Studentin - damals, Anfang der neunziger Jahre.

Heute ist Broer Professorin für Agrobiotechnologie in Rostock. Konzerne wie Bayer halten Patente auf Gen-Pflanzen, die sie erfunden hat. Sie forscht an Gen-Kartoffeln, aus denen man später mal Bio-Kunststoffe machen kann. Und die könnten dann heutige Kunststoffe aus Erdöl ersetzen. Irgendwann. Vielleicht.

Die Politiker im Osten des Landes hoffen das auch, sie setzen in großem Stil auf die Gentechnik. Bisher jedenfalls.

Bereits im Jahr 2000 hatte Sachsen den Fünfjahresplan »Biosaxony« aufgelegt: Über 200 Millionen Euro an Lockmitteln stellte die Staatsregierung bereit. 2003 zog Sachsen-Anhalt mit der »Biotechnologie-Offensive« nach und spendierte knapp 150 Millionen Euro bis 2008. »Das war damals der Trend, die Technologie war im Aufwind, es gab Hungersnöte«, sagt der heutige sachsen-anhaltische Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU).

2004 ging es dann auch in Mecklenburg-Vorpommern los - der Lobbyverein »zur Förderung innovativer und nachhaltiger Agrobiotechnologie« (Finab), dem Broer vorsitzt, hatte immer wieder angetrieben. Für zehn Millionen Euro wurde in Groß Lüsewitz östlich von Rostock ein Agrobiotechnikum gebaut - mit einem Schülerlabor für Gentechnik. 260 Hektar Fläche gehören zum Groß Lüsewitzer Anwesen.

Während die Agrokonzerne in Westdeutschland ihre Gen-Freisetzungen vorsichtshalber in kleinen Portionen auf wohlgesinnte Gemeinden verteilen, brauchen sie in Groß Lüsewitz keine Rücksicht zu nehmen: Außer einem benachbarten Biounternehmer mit dem Namen Kampf, der allerdings schon zwei Klagen verlor, regt sich kaum Widerstand. »Theoretisch«, so Kerstin Schmidt von der Finab, »kann die gesamte Fläche gentechnisch genutzt werden.«

Im Moment ist es allerdings nur ein kleiner Teil: Neben Broers Plastik-Kartoffeln wächst hier der umstrittene genveränderte Mais MON 810 von Monsanto, der das Gift des Bodenbakteriums Bt selbst produziert und damit gegen Schädlinge wie den Maiszünsler wirkt. Der Zünsler war im Norden lange kaum ein Problem. Doch durch die vielen Mais-Monokulturen, verstärkt durch die boomende Biogas-Branche, breitet sich dieser Schädling inzwischen auch dort aus.

Hinter einem zwei Meter hohen Bauzaun und einem kleineren mit Elektromaschen reifte auch die neue Super-Kartoffel Amflora von BASF. Sie soll einmal zu Papier und Einweg-Geschirr verarbeitet werden können und dem Unternehmen 100 Millionen Umsatz im Jahr bringen.

Doch die Ludwigshafener Manager sind genervt: Seit 1996 versuchen sie, die Zulassung von der EU-Kommission zu bekommen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) bescheinigte die Unbedenklichkeit. Strittig ist die Knolle dennoch, denn sie enthält ein Antibiotikaresistenzgen zur Wiedererkennung. Doch diese Methode ist veraltet: Kritiker bemängeln, dass Krankheitserreger gegen bestimmte Antibiotika immun werden könnten. BASF jedenfalls hat die EU-Kommission nun wegen Untätigkeit verklagt.

Das Feld bei Groß Lüsewitz lässt BASF Plant Science von einem externen Dienstleister bestellen, der Firma Biovativ. Die besitzt einige Ackergeräte sowie einen Traktor aus Weißrussland und soll die Freisetzungen wissenschaftlich begleiten. Vor allem aber soll sie helfen, das ganze Zulassungsprozedere schneller und billiger zu machen. Eine Pflanzenzulassung koste im Moment mindestens zehn Millionen Euro, so Broer, was sich fast nur Konzerne leisten könnten. »Wir können hier auf eine Million Euro runterkommen.« Chefin von Biovativ ist Broers Bekannte Kerstin Schmidt. Auf ihrer Visitenkarte stehen neben der Finab und Biovativ auch noch ein paar andere Firmen: BioMath etwa, ein kleines Statistikunternehmen, und Bio-OK, eine »One-Stop-Agency« für Pflanzenzüchter. Schmidt bekommt drei Geschäftsführergehälter. Und alle Firmen haben eines gemeinsam: Ohne öffentliche Fördermittel würde es sie so nicht geben.

Andreas Bauer vom Umweltinstitut München hält die Situation in Mecklenburg-Vorpommern für »Vetternwirtschaft": »Forschungsgelder werden innerhalb eines kleinen Zirkels von Eingeweihten untereinander verteilt.«

Christoph Then, lange bei Greenpeace für Gentechnik zuständig, hat gerade für die Grünen ein Gutachten zur Rolle der Behörden in der Agro-Gentechnik vorgelegt. Broer und Schmidt wirft er eine »intransparente Verquickung« ihrer öffentlichen und privatwirtschaftlichen Tätigkeiten vor: Broer mischt etwa neben ihrer Uni-Tätigkeit auch bei der Firma Biovativ mit, der kommerziellen Tochter der Finab. Zugleich tritt sie als Gutachterin bei der Efsa auf - wie auch Schmidt.

Den Vorwurf einer Interessenkollision weisen beide von sich. Bei der Efsa hätten sie nur beratende Funktion. Sicher profitiere sie von Förderung, so Schmidt. »Aber daraus habe ich in den letzten drei Jahren mehr als 20 Arbeitsplätze geschaffen.« Inge Broer sagt, die entstandenen Netzwerke seien notwendig, aber »kein Filz«. Vom Forschungsministerium gebe es nur Geld, wenn die Industrie beteiligt sei. Dafür die nötige Infrastruktur zu schaffen blieb an Broer und Schmidt hängen: Inge Broer berappte sogar einen Teil des Startkapitals für die »One-Stop-Agency« Bio-OK.

Gründungsmitglied des Lobbyvereins Finab ist der Mikrobiologe Joachim Schiemann, der auch fluoreszierende Gen-Pflanzen entwickelte. Im Hauptberuf ist der Braunschweiger Professor Abteilungsleiter bei der Biologischen Bundesanstalt - und er arbeitet als Sachverständiger für die Efsa. Seine Risiko-Einschätzungen dienen der EU-Kommission und dem EU-Parlament als Grundlage für Entscheidungen zur Gentechnik. Mit seiner Doppelrolle sei Schiemann »zu weit gegangen«, sagt Then. Schiemann sieht das anders: Er habe »keine kommerzielle Verbindung zur Gentechnikindustrie«. Zudem habe er die Finab verlassen, als der Verein sich »mehr in Richtung Gentechnik« bewegt habe.

Mit der Finab und dem Agrobiotechnikum wollten Schiemann, Broer und die darin versammelten Saatgutfirmen eigentlich für eine »New Economy« in Mecklenburg sorgen und Arbeitsplätze schaffen. Doch die Gänge im Technikum sind verwaist. Durch Sichtfenster in den Türen fällt der Blick auf leere Laborräume. Sie sind möbliert und mit allen Anschlüssen versehen, nur ohne Mieter. Der Betreiber, eine Firma namens BioConValley, spricht von Anlaufproblemen. Im Zentrum arbeiteten derzeit 35 Personen, es sei nur zu 50 Prozent ausgelastet, ein Zuschussbetrieb.

Was Groß Lüsewitz für Mecklenburg, ist Gatersleben für Sachsen-Anhalt - nur mit deutlich mehr Reputation. Das 1945 gegründete Institut für Pflanzenkunde (IPK) verfügt über eine der größten Samenbanken der Republik: 148 000 Kulturpflanzenmuster lagern hier. Über 2500 davon sind neulich in Spitzbergen ins ewige Eis eingelagert worden - falls später mal jemand probieren will, wovon sich damals die Menschen ernährt haben.

Um das IPK herum setzte der langjährige sachsen-anhaltische Wirtschaftsminister Horst Rehberger (FDP) großzügig Fördergelder ein: Knapp 150 Millionen Euro machte er 2003 für die Biotech-Offensive locker, um Firmen in die Region zu holen. Die »Mitteldeutsche Zeitung« sah die Pflanzenbiotechnologie zwischen Harz und Magdeburg auf dem Weg in die »Weltklasse«. Um diesen Mythos zu verkaufen und die Initiative zu lenken, holte Rehberger Jens Katzek.

Der Biochemiker hatte beim BUND jahrelang gegen Gentechnik gekämpft, bevor er zum Saatguthersteller KWS wechselte. »Ich hab die Ideologie irgendwann mal ausgeschaltet und fand viele Antworten der Industrie überzeugend«, sagt Katzek. Sein Seitenwechsel wurde ihm hoch angerechnet: Bei der Bio Mitteldeutschland GmbH verdiente er fast so viel wie der Ministerpräsident.

Katzek kann die letzten fünf Jahre sehr eloquent als »Erfolgsgeschichte« verkaufen. Wenn er die sogenannte rote Biotechnologie und wissenschaftlich eher anspruchslose Pharma-Zulieferer einbezieht, mag er auf imposante Zahlen kommen. In Sachsen sieht es diesbezüglich mit allerhand »LifeScience«-Unternehmen noch besser aus.

Aber bei dem, was man eigentlich fördern wollte, etwa neue Pflanzen, die Trockenheit vertragen und dem Klimawandel trotzen - »da wird es komplizierter«, sagt Wirtschaftsminister Reiner Haseloff. »Die Erwartungen haben sich nicht erfüllt.« Es gebe kaum neue Produkte, und die Ängste der Bevölkerung könnten nicht zerstreut werden.

Haseloff hat auch mal überschlagen, was die staatliche Beatmung eigentlich gebracht hat. Das Ergebnis war ernüchternd: Die Arbeitsplätze in der Agro-Gentechnik gingen von 1479 im Jahr 2003 auf 1473 im Jahr 2008 zurück. Zieht man die Jobs in staatlichen Einrichtungen ab, bleiben gerade 375 in der Privatwirtschaft übrig. 55 Millionen Euro seien ergebnislos verpufft, monierte die Opposition im Landtag.

Mit mehreren Millionen Euro hielt die landeseigene Investitionsbank IBG jahrelang eine Firma am Leben, die eine Antikörper produzierende Freilanderbse gegen Schweinedurchfall entwickelt hatte, die keiner haben wollte. »Geld verdienen wir mit Q-Cells«, sagt Haseloff leicht sarkastisch, einer inzwischen weltbekannten Solarfirma, die das Land mitgegründet hat.

Die grüne Gentechnik will der Minister nur noch ganz gezielt fördern, nicht mehr blind. Die Bio Mitteldeutschland wurde von sieben auf fünf Mitarbeiter gestutzt, Katzeks Gehalt gekürzt.

Im hinteren Teil des Gaterslebener Biotech-Zentrums ist vor gut einem Jahr ein neues Gelände eingeweiht worden. Doch in diesem »Biopark« herrscht Leere. Erst zwei Firmennamen stehen auf dem großen Schild. »Wir hatten uns da mehr erhofft«, gibt Katzek zu.

Offenbar hat hier nicht mal der Beistand von oben geholfen. An der 35-Millionen-Förderung des Bioparks hatte sich neben dem Land auch das Bistum Magdeburg über die kircheneigene Gero AG mit 3 Millionen Euro beteiligt. Die Gentechnik-Begeisterung ihres zuständigen Seelsorgers stieß vielen Gläubigern damals bitter auf.

Doch der ließ sich nicht beirren und besprenkelte das Gebäude bei der Einweihung sogar mit Weihwasser.

SVEA ECKERT, NILS KLAWITTER

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 37 / 101
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.