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Mißmanagement Leerer Kokon

Ein sächsischer Akkordeonbauer wurde von Ex-Managern der Westkonkurrenz ruiniert. Mutwillig, glaubt das Wirtschaftsministerium.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Für den Sommer hat Hans-Dieter Held große Pläne. »Da machen wir mit unseren Westkunden ein richtiges Fest«, erzählt der Harmona-Geschäftsführer, der mit seiner Instrumentenfabrik im sächsischen Klingenthal ansässig ist.

Doch die geladenen Gäste können sich die beschwerliche Reise an die tschechische Grenze wohl sparen. »Zum gegenseitigen Kennenlernen« (Held) dürfte in einigen Monaten kaum noch Grund bestehen.

Die Harmona GmbH mit ihren noch verbliebenen rund 80 Mitarbeitern steht vor der Pleite. Gut zwei Jahre brauchten die Gesellschafter, vornehmlich ehemalige Führungskräfte des westdeutschen Konkurrenten Hohner, um den traditionsreichen Akkordeonbauer nach allen Regeln der Kunst herunterzuwirtschaften.

Offensichtlich ging es nicht darum, ein konkurrenzfähiges Unternehmen aufzubauen. Die angeblichen Investoren wollten, so der Vorwurf, die Harmona melken - und die Treuhandanstalt spielte mit.

Die Privatisierer in der Niederlassung Chemnitz verkauften Ende 1992 den Kernbetrieb des ehemaligen VEB Klingenthaler Harmonikawerke (KHW) zum Dumpingpreis von 630 000 Mark. »Mit dem tatsächlichen Wert«, sagt Karl Eichler, Liquidator der KHW, »hatte das nichts zu tun.«

Für das wenige Geld griffen sich Matthias Hohner, früherer Vorstand der gleichnamigen Westkonkurrenz, Hans-Peter Messner, Ex-Prokurist von Hohner, jetzt Instrumentengroßhändler, und zwei Kompagnons den kompletten Betrieb; etwas später kam Hans-Dieter Held, ebenfalls früher bei Hohner, als technischer Leiter und Juniorpartner dazu.

Zur Übernahme war der Buchwert des Unternehmens heruntergeschrieben worden. Zum Bestand gehörten über 3000 fertige Instrumente, dazu Lagerbestände und Vorprodukte, die mit Abschlägen bis zu 90 Prozent in der neuen Bilanz stehen.

Die Maschinen und Werkzeuge wurden im Treuhand-Vertrag mit 2141 Mark angesetzt, der tatsächliche Wert dürfte über 30 Millionen Mark betragen. Muster, Markennamen und Patente spielten keine Rolle.

Entsprechend billig konnte Messner, als Großhändler und Harmona-Gesellschafter zugleich Käufer und Verkäufer der sächsischen Akkordeons, Tausende Instrumente erwerben - trotz der angespannten Finanzlage der Harmona mit mehrwöchigen Zahlungszielen. Ein Geschäft praktisch ohne Risiko.

Die damaligen Privatisierer der Treuhand, mittlerweile in die Privatwirtschaft entfleucht, griffen den Jungfabrikanten generös mit Barem unter die Arme. Das Quintett bekam einen »zweckgebundenen Sanierungszuschuß« von 2,4 Millionen Mark, der so ziemlich für alles verwendet werden durfte - auch zum Verlustausgleich.

Das Geld ist längst weg. Investiert wurde so gut wie nichts, vor allem nicht in die Werbung und den Vertrieb.

Die Krise des kleinen Unternehmens beschäftigt mittlerweile auch das sächsische Wirtschaftsministerium. In einem Bericht für Minister Kajo Schommer wird der Verdacht geäußert, _____« daß der wirtschaftliche Niedergang der Harmona » _____« Akkordeon GmbH nicht auf der allgemeinen Marktentwicklung » _____« oder verschiedenen Unzulänglichkeiten der » _____« Unternehmensführung beruht, sondern auf einer » _____« Unternehmensstrategie, die das Erliegen des » _____« Geschäftsbetriebes zum Inhalt hat. »

Die Gesellschafter bestreiten das. Doch tatsächlich stellte Großabnehmer Messner Anfang des Jahres den Handel mit Akkordeons aus Klingenthal ein, was den Umsatz des Instrumentenherstellers annähernd halbiert. Matthias Hohner, der es in seiner Amtszeit neben dem Gehalt auf einige zehntausend Mark Reisespesen brachte, legte vor wenigen Wochen die Geschäftsführung nieder. »Der Kokon ist offenbar leer«, so KHW-Liquidator Eichler trocken.

Die Kreissparkasse Klingenthal, seit längerem im Zweifel über das Geschäftsgebaren der vermeintlichen Retter aus dem Westen, hat unterdessen die Kreditlinie der Harmona auf 300 000 Mark halbiert. Damit sollten die Gesellschafter gezwungen werden, Geld nachzuschießen.

Vergebens: Per Gesellschafterbeschluß vom 3. Mai stellten die Herren fest, keine Mark mehr in ihr Unternehmen zu stecken. In wenigen Wochen dürfte die GmbH zahlungsunfähig sein.

Mit einem »Kapitalschnitt von 100 Prozent« (Held) möchten sich die Gesellschafter aus dem Vogtland verabschieden. Allerdings präsentieren sie dem Freistaat Sachsen und der Treuhand-Nachfolgerin Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben einen würdigen Nachfolger: den Westunternehmer Dieter Fröhlich.

Der Musikschulkönig, dessen Franchise-Unternehmen mit einigen hundert Filialen jährlich rund fünf Millionen Mark umsetzt, möchte bei den vogtländischen Instrumentenbauern einsteigen. Bisher hat er allerdings noch kein Konzept vorgelegt. Fröhlich, der bei Harmona bereits billige Ackordeons für Anfänger ordert, würde sich so seine eigene Handelsmarke schaffen.

Für hochwertige Instrumente in nennenswerter Stückzahl hat er jedoch kaum Verwendung. »Damit ginge die Akkordeonfertigung endgültig den Bach runter«, ist sich Kajo Schommer sicher.

Sachsens Wirtschaftsminister, selbst Hobby-Akkordeonist, sucht nun nach einer Auffanglösung. Denn der Fröhlich-Deal würde den Freistaat Millionen kosten. Für eine Übernahme der Harmona fordert der umtriebige Westunternehmer Bürgschaften des Landes.

»Darauf«, so Schommer kategorisch, »werden wir uns nicht einlassen.« Y

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