Lehman-Prozess Hohe Hürde für den Kläger

Prozessbeginn in Hamburg: Ein Lehman-Geschädigter verklagt die Haspa auf Entschädigung. Jetzt muss er beweisen, dass er die Papiere nicht gekauft hätte, wenn er um die Gewinn-Marge der Sparkasse gewusst hätte.

Von Mark Fehr


Hamburg - Plötzlich lagen bei Bernd Krupsky 40.000 Euro auf dem Tisch - die Summe stammte aus einer langjährigen Vermögensanlage. Deren Laufzeit war zu Ende, jetzt stellte sich die Frage: Was mache ich mit dem Geld? Die Hamburger Sparkasse (Haspa), bei der Krupsky schon lange Kunde war, riet ihm damals zu Lehman-Zertifikaten.

Haspa-Kläger Krupsky: Beweislast beim Anleger
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Haspa-Kläger Krupsky: Beweislast beim Anleger

Er folgte dem Rat und steckte 10.000 Euro in die empfohlenen Wertpapiere. Einen weiteren Teil des freien Geldes legte er festverzinslich an, den Rest verschenkte er innerhalb der Familie.

Etwa zwei Jahre danach - im September 2008 - brach die traditionsreiche amerikanische Investmentbank Lehman Brothers zusammen, die Zertifikate waren von einem Tag auf den anderen wertlos. Viele Kleinanleger verloren ihr Geld.

Ob deutsche Banken wie die Haspa dabei falsch beraten haben, wird nun in mehreren Prozessen geklärt. Allein beim Hamburger Landgericht sollen gut ein Dutzend Klagen von Lehman-Opfern anhängig sein.

Für den pensionierten Lehrer hat ein schwieriger Prozess begonnen. Der Richter verlangt einen Beweis, dass Krupsky sich gegen die Anlage entschieden hätte, wenn die Sparkasse ihn über ihre Verkaufsmarge informiert hätte. Die Bank hatte nämlich auf eigene Rechnung Lehman-Papiere bestellt, um am Vertrieb zu verdienen.

Die Haspa hat allerdings etwa 1000 ihrer mehr als 3000 Lehman-Kunden bereits entschädigt. "Bei 750 davon konnten wir keine Beratungsfehler erkennen", erklärt eine Sprecherin. Anleger Krupsky bekam keine Kulanz, sein Fall landete vor Gericht.

"Lehman-Zertifikate waren aus damaliger Sicht eigentlich eine relativ sichere Anlage", stellt Richter Martin Tonner zu Beginn der Verhandlung fest. Dabei geht ein verständnisloses Raunen durch den Saal. Kein Wunder - viele der Leute im Publikum haben selbst Geld mit dieser Anlageform verloren.

Die Reaktionen der Zuschauer zeigen: Das Gericht verhandelt heute zwar den Fall Krupsky, aber vielen anderen Investoren geht es ähnlich wie ihm. Die meisten der Besucher sind - wie der Kläger - im Rentenalter. Es gibt sogar Vermutungen, wonach die amerikanische Investmentbank ihre berüchtigten Zertifikate eigens auf deutsche Ruheständler zugeschnitten habe. Auffällig: Das Durchschnittsalter der deutschen Lehman-Investoren liegt bei 64 Jahren.

Gewagte Wette

Wenn Richter Tonner die Lehman-Wertpapiere als aus damaliger Sicht als relativ sicher einschätzt, meint er die Kapitalgarantie, die hinter der Anlage stand. Tatsächlich versprach Lehman den Zertifikate-Käufern, dass sie zumindest ihr eingezahltes Geld zurückbekommen. Nach der plötzlichen Insolvenz des Bankhauses im vergangenen Herbst war diese Garantie allerdings wertlos.

Doch wie funktionieren Zertifikate? Um damit Geld zu verdienen, müssen die Anleger eine Wette gewinnen - im Fall von Kläger Krupskys Lehman-Produkten eine Wette auf die zehn dividendenstärksten Dax-Unternehmen: Geld gibt es, wenn der Börsenpreis dieser Aktien an bestimmten Tagen einen Mindestwert erreicht. Bleibt der Wert unter der Grenze, gibt es keinen Zins aber wenigstens das investierte Kapital zurück - so zumindest die Vereinbarung.

Vor dem Hamburger Landgericht geht es aber nicht um die Anlagemodalitäten. Viel wichtiger ist die Frage: Welche Rolle spielte die Hamburger Sparkasse? Hat die Bank ihre Beratungspflicht verletzt?

Zur Frage der Pflichtverletzung gibt es schon ein Urteil, welches bei der Verhandlung auch diskutiert wird: Danach kann von Beratern nicht generell verlangt werden, Kunden über das Insolvenzrisiko aufzuklären. Banken können also den Hinweis weglassen, dass der Anleger im Falle einer Pleite des Wertpapieremittenten alles verlieren kann.

Richter Tonner gibt zu verstehen, dass er das ähnlich sieht. "Ich auch", beeilt sich Klägeranwalt Ulrich Husack zu sagen. Er glaubt, einen anderes Argument gefunden zu haben, mit dem sein Mandant gegen die Haspa gewinnen kann: Die Bank habe ein spezielles Interesse gehabt, die Lehman-Papiere zu verkaufen.

Beweislast beim Kläger

Krupskys Verlust-Anlage stammt nämlich aus einer Serie, welche die Haspa eigens bei Lehman bestellt haben soll. Die Bank wollte an der Verkaufsmarge verdienen. Der Richter fragt Krupsky deshalb: "Haben sie bei Zeichnung der Papiere überlegt, ob ihre Bank dadurch Gewinn macht?"

Der Kläger muss über die Antwort kurz nachdenken. "Ich dachte immer, dass eine Bank verdient, indem sie sich billig Geld borgt und dieses teuer verleiht", sagt er. "Aber wenn ich gewusst hätte, dass da noch eine zusätzliche Marge drin ist, wäre ich bestimmt skeptisch geworden."

Es wird klar: Bei dem Prozess wird sich alles um die Marge drehen. Noch will die Haspa nicht verraten, wie hoch diese war. Klägeranwalt Husack geht von acht Prozent aus. Wie er auf diese Zahl kommt, kann er allerdings nicht sagen. Sein Mandant muss nun beweisen, dass er die Verlust-Anlage nicht getätigt hätte, wenn er die Marge gekannt hätte.

Das Gericht stimmt die Parteien deshalb auf eine detaillierte Beweisaufnahme ein. Dafür soll auch Krupskys Bankberaterin vorgeladen werden.

Nach Ansicht des Richters ist die Beweislast eine "hohe Hürde" für den Kläger. Wenn Krupsky aber tatsächlich den Beweis erbringt, will Richter Tonner die Haspa zwingen, ihre Marge offen zu legen. Anwalt Husack weiß natürlich, wie schwer das ist. Er sieht deshalb die Beweispflicht bei der Sparkasse. Die Bank müsse überzeugend nachweisen, dass sie trotz Gewinnmarge unabhängig beraten konnte.

Wenn der Prozess im Mai fortgesetzt wird, gibt es wahrscheinlich immer noch kein Urteil. Aber selbst wenn Krupsky kein Geld zurück bekommt, hat er noch einen Trost: Wenigstens steckte er nur einen Teil seiner 40.000 Euro in Lehman-Papiere.



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