Lehren aus der Finanzkrise Warum viel Banken-Regulierung wenig bringt

Regierungen fahnden nach einer neuen Weltordnung für die Finanzwirtschaft. Die Forderungen reichen von Gehaltsgrenzen bis zum Verbot von Zertifikaten. Doch die Ursache der Turbulenzen treffen diese Regulierungen nicht. Im Gegenteil: Sie könnten die Krise verschärfen.

Von Henning Vöpel


Hamburg - Weltweit verabschieden Regierungen Rettungspakete für die angeschlagene Geldwirtschaft. Doch die wichtigste Aufgabe steht den Weltwirtschaften erst noch bevor: die schnelle Überwindung der Finanzkrise.

Finanzplatz Frankfurt am Main: Welche Lehren ziehen Politik und Wirtschaft aus der Banken- und Börsenkrise?
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Finanzplatz Frankfurt am Main: Welche Lehren ziehen Politik und Wirtschaft aus der Banken- und Börsenkrise?

Keine leichte Aufgabe, denn es bleiben nicht viele Anläufe, um das Vertrauen in das Finanzsystem wieder herzustellen. Jeder Fehlversuch würde die Lage erneut verschärfen. Es gilt daher, ein wirksames und kombiniertes Bündel an Maßnahmen zu schnüren, um die Finanzmärkte zu stabilisieren und um Folgen für die Realwirtschaft zu minimieren. Denn die Finanzkrise kann jederzeit wieder aufflackern. Dann nämlich, wenn der Dominoeffekt von der "anderen", der realwirtschaftlichen Seite, angestoßen wird und die Banken erneut in Schwierigkeiten bringen kann.

Viel wird davon abhängen, welche Lehren Politik und Wirtschaft aus dem globalen Banken- und Börsenbeben ziehen. Tatsache ist: Die derzeitige Krise hat viele Ursachen. Individuelles Fehlverhalten und systemeigene Risiken haben zur Entstehung beigetragen. Hinzu kommt die weltwirtschaftliche Konstellation aus starkem globalem Wachstum, niedrigen Zinsen und Ungleichgewichten, wie dem hohen US-Defizit und den hohen Währungsreserven Chinas. Das alles müssen die Akteure in Politik und Wirtschaft berücksichtigen, wenn sie eine neue Finanzordnung für die Weltwirtschaft aufstellen wollen.

Sicher - wo Missmanagement zur Krise beigetragen hat, müssen Arbeitsverträge neu gestaltet werden. Zahlungen von Prämien an Bankmanager sollten sich nicht mehr länger an kurzfristigen Renditezielen, sondern an langfristige Unternehmensinteressen orientieren. Dies sollte aber einer freien Vertragsgestaltung und nicht staatlicher Regulierung vorbehalten bleiben.

Das gilt nicht für Krisenfolgen, die ihre Ursache im Finanzsystem selbst haben. Dort versagen notwendigerweise individuelle Anreize. Das gilt vor allem für den immer gleichen Mechanismus der Spekulation: Die Erwartung steigender Preise führt tatsächlich zu Preissteigerungen, die das Investment unmittelbar rechtfertigen und weitere Spekulation nähren. Es bildet sich eine spekulative Blase.

Und genau hierin besteht das systemische Risiko: Wo Investitionen und Anlageentscheidungen bei spekulativ steigenden Preisen bei einzelnen Marktakteuren noch individuell rational sind, sind sie gesamtwirtschaftlich schon lange ineffizient. Die Folge sind Überinvestitionen und Ungleichgewichte – die Vorläufer einer realwirtschaftlichen Krise. Insoweit folgen auch die gegenwärtigen Turbulenzen an den Finanzmärkten einem typischen, in der Wirtschaftsgeschichte keinesfalls neuen Muster.

Hier wie auch in der Vergangenheit gilt: In Marktwirtschaften werden Investitionsentscheidungen dezentral getroffen. Preise sind eigentlich Ausdruck von fundamentalen Entwicklungen und leiten diese Investitionsentscheidungen. Spekulation aber kann einzelne Preise und damit die Einschätzung von Fundamentaldaten verzerren. Darüber hinaus gibt es allerdings auch stabilisierende Spekulationen, zum Beispiel, wenn sie realwirtschaftliche Entwicklungen antizipieren und notwendige Anpassungsprozesse zeitlich vorziehen werden. Eine Spekulationsblase zu identifizieren, ist daher äußerst schwierig. Eine sinnvolle Regulierung aber müsste genau das leisten.



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