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31. Mai 2006, 17:44 Uhr

Lehrstellen-Drama

Glos glaubt immer noch an Ausbildungspakt

Die Misere auf dem Lehrstellenmarkt wird immer schlimmer - doch die Bundesregierung setzt weiter auf das Prinzip der freiwilligen Selbstverpflichtung der Wirtschaft. Der Ausbildungspakt funktioniere und würde fortgeführt, erklärte Wirtschaftsminister Glos heute im Kabinett.

Berlin – Die Lage ist bitterernst: Während die Zahl der Arbeitslosen so stark sank wie seit 1990 nicht mehr, stehen wieder tausende von Schulabgängern ohne Lehrstelle da. Ende Mai waren noch 354.000 Jugendliche als unvermittelt gemeldet - fast 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Ihnen standen nur 134.000 unbesetzte Stellen gegenüber.

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DPA

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Doch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) scheint unbeeindruckt von solchen Zahlen. Der vor zwei Jahren geschlossene Ausbildungspakt "funktioniert nach wie vor", erklärte er in Berlin. Die Ausbildungssituation sei weiterhin "unbefriedigend", räumte er dann allerdings noch ein. Eine Ausbildungsplatzabgabe sei im Bundeskabinett aber dennoch kein Thema gewesen, unterstrich Glos.

2004 war der Ausbildungspakt besiegelt worden. Er war zunächst auf drei Jahre angelegt - für diese Zeit wurde die bereits vom Bundestag beschlossene Einführung der Strafabgabe für Unternehmen, die nicht ausbilden, auf Eis gelegt. Die vier großen Wirtschaftsverbände - der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der Bund der Arbeitgeber (BDA), der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und der Zentralverband des Handwerks (ZDH) - verpflichten sich mit dem Pakt bis 2007 jährlich 30.000 neue Lehrstellen und 25.000 "Einstiegsqualifizierungen" zu schaffen. Die Krux an der Vereinbarung: Die gleichzeitig an anderer Stelle wegfallenden Lehrstellen werden in der Bilanz nicht berücksichtigt.

Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt sei zwei Jahre nach der Vereinbarung nicht so gut wie erhofft, bilanzierte Glos so heute nach der Sitzung des Bundeskabinetts. Dort hatte er zuvor mit Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) und Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) einen gemeinsamen Bericht über den Ausbildungspakt und die Lage auf dem Lehrstellenmarkt vorgelegt.

Als einen wesentlichen Grund für die Misere nannte der Wirtschaftsminister das Verschwinden von rund 40.000 Unternehmen etwa durch Pleiten in den vergangenen Jahren. Dadurch seien auch viele Lehrstellen weggefallen - gerade im traditionell stark ausbildenden Handwerk. Überdies gebe es in Deutschland derzeit wieder mehr Schulabgänger, so dass auch die Zahl der Lehrstellen-Suchenden anwachse.

Regierung und Wirtschaft hofften nun einerseits auf den konjunkturellen Aufschwung, der sich auch auf dem Lehrstellenmarkt bemerkbar machen werde, sagte Glos. Doch auch vermehrte Anstrengungen im Rahmen des inzwischen um drei Jahre bis 2009 verlängerten Ausbildungspakts seien nötig: "Wir müssen es schaffen, dass alle ausbildungsfähigen und ausbildungswilligen Jugendlichen auch einen Ausbildungsplatz bekommen." Hier seien vor allem die Unternehmen, aber auch die Tarifpartner gefordert: Sie müssten sich etwa bei der Vergütung für Lehrlinge in kleinen Betrieben flexibel zeigen.

"Sofortmaßnahmen", wie sie noch gestern von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) in Aussicht gestellt worden waren, wurden nach Angaben von Glos im Kabinett jedoch nicht beschlossen. Der Minister stellte aber weiteren "Bürokratieabbau" für kleinere Betriebe bei der Einstellung von Lehrlingen in Aussicht. Es gebe in dieser Frage keinen Dissens in der Koalition. Glos kündigte für den 21. Juni ein neues Treffen mit der Wirtschaft an.

DGB hält Ausbildungspakt für gescheitert

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) erklärte den Ausbildungspakt dagegen für gescheitert. Die Bundesregierung müsse insbesondere mehr Druck auf Großunternehmen ausüben, forderte DGB-Vize Ingrid Sehrbrock im Deutschlandfunk. Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di lehnte eine Absenkung der Ausbildungsvergütung, wie sie in den letzten Tagen immer wieder gefordert wurde, strikt ab. Ein Friseurlehrling bekomme derzeit im Schnitt 260 Euro, eine angehende Verkäuferin rund 550 Euro: "Was soll da noch abgesenkt werden?", fragte Ver.di-Vize Frank Werneke.

Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) wies seinerseits die "Wirtschaftsschelte" im Rahmen der Ausbildungsdebatte zurück: "Wenn zusätzliche Beschäftigung nicht entstehen kann, weil die wirtschaftlichen Rahmendaten für die Unternehmen nicht stimmen, kann auch die Zahl der Ausbildungsplätze nicht immer weiter steigen", argumentierte HDE-Hauptgeschäftsführer Holger Wenzel.

ase/AFP/AP/Reuters

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