Leica Camera Letzte Chance für eine Ikone

Mit eigenen Läden und neuen Digitalkameras will Leica endlich wieder Gewinn machen. Trotz aller Innovationen ist das Risiko groß: Scheitert der Spagat zwischen Tradition und Moderne, steht das legendäre Unternehmen endgültig vor dem Aus.

Von Tim Höfinghoff


Solms - Sie sitzen hinter Glas im sogenannten Reinraum und schrauben eine Legende zusammen. "Kamera-Montage" steht in schwarzer Schrift über ihren Köpfen. Menschen stecken in weißen Kitteln und tragen weiße Hauben über dem Haar. Sie beugen sich über Lupen, hantieren mit Schraubenziehern und wedeln mit Tüchern über schwarzes Messing. Handarbeit made in Germany.

Im Leica-Werk im hessischen Solms entstehen die Kameras der M-Serie. 1400 Teile und elf Stunden braucht es, bis eines der Gehäuse fertig ist. Seit 1954 gibt es das Leica-M-System schon: eine minimalistische Messsucherkamera mit Wechselobjektiven. Anders als bei Spiegelreflexkameras guckt der Fotograf nicht durchs Objektiv, sondern durch einen Sucher. Die Leica-M-Kameras sind deshalb sehr schlank, stehen für "Konzentration auf das Wesentliche" und sind für "unbemerktes Fotografieren in sensiblen Situationen" gedacht - so heißt es in der Werbung. Motto: schnöde Mechanik statt technischem Firlefanz.

Nun gibt es die M-Serie auch digital. Bei Leica ist man stolz auf die neue M8: Schließlich ist kaum ein Unternehmen in der sich rasant wandelnden Fotowelt noch derart mit Tradition und Beständigkeit verknüpft wie Leica. Außerdem gibt es neue Kameras wie die Digilux 3 und die V-Lux 1. Seit aber die M8 ohne Film auskommt, bricht in Solms so etwas wie eine neue Ära an. Nach Jahren der Krise verkündet Leica-Chef Josef Spichtig nun, dass "wir wieder scharf sehen".

Der Innovationsschub ist dringend nötig. Scheitert dieser Neuanfang, droht wirklich das Ende. Das Unternehmen muss endlich wieder Gewinn machen - Leica steckt seit Jahren in den roten Zahlen. Der Aktienkurs dümpelt dahin. Nicht wenige Anleger fragen sich, wann die Firma ganz von der Börse verschwindet: "Im vergangenen Sommer war unsere Existenz massiv in Frage gestellt", sagt Leica-Sprecher Gero Furchheim. Eine Kapitalerhöhung von 20 Millionen Euro brachte eine Verschnaufpause. Das Eigenkapital war vollständig aufgezehrt.

Exzellenter Ruf bei Kameras und Objektiven

Die Kameras mit dem roten Punkt aus Solms galten immer als unkaputtbar und hatten den Ruf, extrem zuverlässig zu sein. Klassiker eben, für Profis gemacht - und alle, die sich dafür halten und für ein Leica-M-Gehäuse 4000 Euro zahlen. Auch was die Qualität der Leica-Objektive angeht, hatte die Konkurrenz stets das Nachsehen. Der Ruf bei Kameras, Ferngläsern und anderen optischen Geräten ist exzellent. Und doch hat Leica mächtig zu kämpfen. In den vergangenen Jahren wurden 400 Mitarbeiter entlassen. Nun arbeiten noch 1000 Menschen bei dem Unternehmen, das Ernst Leitz 1896 gründete.

Kritiker argumentieren, dass Leica den Wandel zur Digitalfotografie schlicht "verpennt hat". Zwar gab es 1998 in Kooperation mit Fuji eine digitale Kamera von Leica. Auch die R-Modelle ließen sich nachrüsten, doch im Vergleich zu den Weltmarktführern Nikon, Canon und Co. sind die Hessen weit abgeschlagen. Auch die Leica-Kooperation mit Panasonic konnte die Konkurrenz nicht wirklich bremsen.

Der Bildermarkt hat sich in den vergangenen Jahren brutal verändert. Kaum ein Kunde trägt noch Filme zur Entwicklung in den Fotoladen. Digitalkameras sind weit verbreitet, der Gebrauch von Speicherchips und Foto-CDs ist Routine. Der Photoindustrie-Verband rechnet vor, dass dieses Jahr in Deutschland nur noch 500.000 analoge Kameras verkauft werden - und gleichzeitig 7,5 Millionen Digitalkameras. Zur Fotomesse Photokina in Köln werden ab dem 26. September wieder 160.000 Besucher erwartet. Sie werden mit neuen Kameras hantieren, für die zehn Millionen Bildpunkte und mehr längst zum Standard gehören. Eher sinnliche Fotografie à la Leica scheint da immer unpopulärer - in Zeiten, in denen sich Hobbyfotografen per Foto-Handy als Paparazzi für Medien wie die "Bild"-Zeitung ein Zubrot verdienen.

Durch neue Modelle wie die M8 hoffen die Leica-Manager auf den Durchbruch - befeuert durch eine neue Anzeigenkampagne ("frisch und emotional") und eigene Geschäfte in Berlin und Tokio. Das soll endlich neue Kunden bringen, denn: "Leica sterben die Käufer weg", klagen Fotohändler. Auch Leica-Sprecher Furchheim sagt, "dass wir die Präsenz der Marke im Handel steigern müssen". Einfach wird das nicht. In Zukunft will die Firma noch besser "die Emotionalität einer Leica erklären". Die Kameras sind nicht nur robustes Handwerkszeug für Fotoreporter wie den Brasilianer Sebastião Salgado, sondern auch ein teures Spielzeug aus präziser Optik und Mechanik. Leica drückt das so aus: "Unsere Kunden sind starke Individualisten."

"Das alte Management glaubte noch stark an Analog"

"Ja, wir sind spät mit der digitalen M8" - das geben die Leica-Leute freimütig zu. Aber es sei ja nicht so, dass "wir den Trend verschlafen haben". Leica-Sprecher Furchheim sagt, dass "wir nicht immer so handeln konnten, wie wir wollten". Es sei schwer gewesen, die technischen Möglichkeiten zu schaffen, dass auch ein M-Modell digitale Bilder macht. Außerdem fehlte Geld, und "das alte Management glaubte noch stark an Analog".

Im April 2005 hat Josef Spichtig den damaligen Leica-Chef Ralf Coenen abgelöst. Coenen war nur vier Monate im Amt. Am vergangenen Dienstag hat Leica mit Steven Lee außerdem einen zweiten Vorstand bekommen. Der 52-Jährige kommt vom US-Elektronikhändler Best Buy und soll gemeinsam mit Spichtig die Sanierung vorantreiben. Leica macht immer noch 9,2 Millionen Euro Verlust, doch im kommenden Jahr soll es ein Plus geben.

Gestern kündigte Leica an, die Mehrheit des Profikamera-Produzenten Sinar zu übernehmen. Die in der Schweiz ansässige Sinar AG hatte zuletzt mit 50 Mitarbeitern einen Umsatz von 10 bis 15 Millionen Euro im Jahr erwirtschaftet. Den Kaufpreis für den 51-Prozent-Anteil wollte Leica nicht verraten.

Anlegerschützer Andreas Müller von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) findet, dass die Weichen bei Leica "richtig gestellt sind". Zwar hat sich kürzlich der Luxusgüterkonzern Hermès zurückgezogen und seinen 36-Prozent-Anteil verkauft, sodass die österreichische Holding ACM nun 88 Prozent des Leica-Kapitals kontrolliert. Doch der Investor scheine ein langfristiges Engagement zu zeigen, sagt Müller, "das ist nicht selbstverständlich".

Werbekampagne, Produktoffensive, ein neues Führungsduo - ist dieses Vorpreschen die letzte Chance für das Unternehmen? Wer diese Frage stellt, bekommt bei Leica in Solms nur zustimmendes Kopfnicken.



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