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Atomkraft Leichen im Bunker

Wohin mit den überflüssigen Brennstäben aus dem Schnellen Brüter? Die Lagerung kostet jedes Jahr Millionen.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Es wird ein großer Spaß: Der ehemalige Kühlturm soll zur größten Wasserorgel der Welt werden; Wasserrutschen führen ins Abklingbecken; Achterbahnen, Karussels, Kinos, Kegelbahnen und ein Hotel sind fast fertig.

Wo einst 7,5 Milliarden Mark Steuergelder sinnlos in Atomtechnologie investiert wurden, beginnt im nächsten Jahr das postatomare Zeitalter. Auf dem 29 Hektar großen Grundstück in Kalkar, auf dem ursprünglich der Schnelle Brüter entstehen sollte, eröffnet der Freizeitpark »Kern-Wasser-Wunderland«.

Doch die unglückliche Geschichte des 1991 gestoppten Schnellen Brüters ist noch lange nicht zu Ende.

Im Plutoniumbunker der Firma Siemens in Hanau ruhen 123 Brennelemente des Brüterkerns, im schottischen Dounreay weitere 82. Die hatte dereinst die »Schnell-Brüter-Kernkraftwerksgesellschaft« (SBK) für den künftigen Betrieb der gigantischen Strommaschine in Kalkar fertigen lassen.

Die Brennstäbe bestehen zu 20 Prozent aus dem Bombenstoff Plutonium. Vormals nuklearer Wertstoff vom Feinsten, ist es nun atomarer Abfall, der schon bald Streit zwischen den Bonner CDU-Ministern Angela Merkel (Umwelt) und Jürgen Rüttgers (Forschung) auf der einen und dem nordrhein-westfälischen SPD-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement auf der anderen Seite stiften wird. Atom-Krach droht auch der Düsseldorfer Rot-Grün-Regierung.

Alle Hoffnungen der SBK-Manager, die unbenutzten Plutoniumbrennstäbe ins Ausland verkaufen zu können, zerschlugen sich. Die Engländer haben die Brütertechnik ebenfalls aufgegeben, die Franzosen haben selbst Brüterstoff im Überfluß, Japan wie die USA sind nicht bereit, auch nur eine Mark zu zahlen.

Doch der Stoff muß weg. Seit Siemens eingesehen hat, daß die fast fertige Brennelementefabrik in Hanau nie arbeiten wird, will das Unternehmen auch den Plutoniumbunker schleifen.

Für den kommerziellen Atombetrieb wird der nukleare Sicherheitstrakt nicht mehr gebraucht. Spätestens 1998 ist er leer bis auf die Brüterelemente, die sich dort in einem vom Staat angemieteten, mit gelben Strichen markierten Raum stapeln.

Die SBK, eine Tochter des RWE, zahlt pro Jahr 3,5 Millionen Mark an Siemens, insgesamt kostet die Verwahrung jährlich fünf Millionen. Der Unterhalt des Hanauer Bunkers aber verschlingt ein Vielfaches.

Wären nur noch die strahlenden Leichen im Bunker, würde Siemens an die 40 Millionen Mark als kostendeckenden Preis verlangen müssen. Die SBK wäre rasch pleite, der Staat müßte die sichere Verwahrung des Bombenstoffs organisieren, die Minister Merkel und Rüttgers hätten ein Plutoniumproblem.

Die Atommiete in Dounreay kostet zwar nur 400 000 Mark im Jahr. Doch die Briten haben sich ausbedungen, die Stäbe ab 1997 an die SBK zurückzugeben. Sie werden sicherlich über eine begrenzte Verlängerung des Mietvertrages mit sich handeln lassen, aber gewiß nicht zu den bisherigen Billigpreisen.

In ihrer Not haben Strommanager und Bonner Ministeriale einen Ausweg zu Lasten des Düsseldorfer Sozialdemokraten Wolfgang Clement ersonnen. Sie wollen den gesamten Brüterkern in das nordrhein-westfälische atomare Zwischenlager in Ahaus schaffen, dort 30 Jahre abstellen und ihn später im Gorlebener Salz versenken.

Begründung: Erstens sei das billig, und zweitens sei der Brüter in NRW gebaut und gescheitert, das Land also auch für die Abwicklung des ausgelagerten Kerns verantwortlich.

Im Text der rot-grünen Düsseldorfer Koalitionsvereinbarung haben die Bonner auch schon eine Rechtfertigung für ihr Vorhaben gefunden. Ausdrücklich heißt es dort, das Zwischenlager Ahaus werde weiterbetrieben, jedoch ausschließlich für atomare Abfälle aus Nordrhein-Westfalen.

Dabei hatten die Unterhändler freilich an abgebrannte Brennelemente aus den stillgelegten Atommeilern Hamm-Uentrop und Würgassen gedacht. Die Aufnahme ungebrauchter Brüterelemente mit hohem Plutoniumanteil können die Grünen nicht billigen, und Clement, Anwärter auf die Nachfolge des Ministerpräsidenten Johannes Rau, kann keinen zusätzlichen Krach mit den Grünen brauchen.

In einem Aktenvermerk für Forschungsminister Rüttgers beschreibt ein Referatsleiter die Situation zutreffend: »Die sich inzwischen als sinnvoll herausschälende langfristige Zwischenlagerung in Ahaus stößt aber (immer noch) auf den Widerstand von NRW, wo insbesondere Minister Clement die Lösung skeptisch bis ablehnend beurteilt.«

Die politischen Widerstände könnten die Bonner vielleicht überwinden. Clement ist bei der Entsorgung des stillgelegten Hochtemperaturreaktors (THTR) auf den guten Willen und die finanzielle Hilfe der Bonner angewiesen. Feinsinnig heißt es in dem Aktenvermerk von Anfang Juli: »Hier helfen nur noch Gespräche auf Leitungsebene, bei denen der Zusammenhang zur Finanzierung der THTR-Stillegung beachtet werden muß.«

Doch gelöst ist das Problem damit noch nicht. Ahaus hat zwar eine Genehmigung für die Aufnahme abgebrannter Brennelemente. Die Lagerung neuer Brennelemente aber kommt in der Genehmigungsakte nicht vor.

Zwar strahlt der ungebrauchte Brüterstoff erheblich geringer als abgebranntes Material, auch ist der Umgang mit dem Zeug weniger riskant. Genau das und der hohe Plutoniumanteil aber machen die Brüterelemente interessant für Terroristen, zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen in Ahaus wären nötig.

Der Antrag, Ahaus brütertauglich zu machen, muß nach dem Atomgesetz wahrscheinlich öffentlich verhandelt werden. Das Verfahren kann Jahre dauern.

Deswegen suchen die Experten von Forschungsminister Rüttgers vorsichtshalber nach einem Ausweg. Sie fragten bei der US-Energieministerin Hazel O'Leary an, ob die USA den Brüterkern nicht in ihre Obhut nehmen wollten. In ihrem Lande sei der Bombenstoff im Sinne der Washingtoner Non-Proliferation-Politik doch am sichersten aufgehoben.

Sollte der Brüterkern tatsächlich in Amerika landen, würden die Amerikaner aber nicht, wie einst erhofft, die Kosten tragen. Vielmehr müßte der Staat für das Entgegenkommen tief in die Kasse greifen: die vermutlich letzte Investition in das Jahrhundertprojekt Schneller Brüter.

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