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ARBEITSLOSE Leichtes Spiel

Schwindelfirmen nutzen die Not der Arbeitslosen, um schnelles Geld zu machen. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

In »Ritas Grillstation« war die Hölle los. Der Schnellimbiß in der Hamburger Anckelmannstraße war brechend voll, die Leute drängten sich, als gäbe es Currywurst gratis.

Doch es ging um mehr. Im Hinterstübchen der umgebauten Tankstelle saß Claus Kock, 39, und bot gutbezahlte Jobs.

»Suche lfd. ungelernte Arbeitskräfte für Auslandseinsatz, sehr hoher Verdienst«, hatte Kock inseriert. Für 100 Tage Arbeit bei einer Ölbeseitigungsfirma in Jordanien sollte es 60 000 Mark netto geben, Kost und Logis gratis, Hin- und Rückflug ebenfalls.

Vorher allerdings, so erklärte Kock den Interessenten, sei eine kleine Kaution fällig, damit keiner vorzeitig wieder abspränge. Die 300 Mark würden beim Abflug nach Jordanien erstattet.

Die Bewerber drängten Kock ihr Geld förmlich auf. Schon am ersten Tag habe er »ganz bequem« über 1000 Leute anwerben können, gestand der gelernte Kfz-Schlosser.

Doch weder Kock noch seine Kunden machten das große Geld. Schon am nächsten Tag kam die Kripo.

Mißtrauische Interessenten hatten sich bei der jordanischen Botschaft in Bonn nach Kocks angeblichem Auftraggeber erkundigt. Doch dort war weder ein Jordanier namens Elkahbi noch seine Firma »Jordan Establishment« bekannt.

Geschäftsunterlagen fanden die Kriminalbeamten in der Imbißstube nicht. Zwischen Schnittbohnen und Tomatenmark entdeckten sie allerdings Ausweise von zumeist arbeitslosen Bewerbern und deren Geld. Kock nahmen sie wegen Betrugsverdachts gleich mit.

Kock ist nicht der einzige, der aus der Not der Arbeitslosen Gewinn zu ziehen sucht. Immer öfter bieten Schwindelfirmen angebliche Traumjobs im Ausland an, manchmal auf Ölbohrinseln, häufig auf Baustellen in Nahost oder Afrika.

Unter den mehr als zwei Millionen Arbeitslosen in der Bundesrepublik finden sich immer wieder genügend Bewerber für Gelegenheitsarbeit jeder Art. Wenn die Zeiten schlecht sind, sagt Hans-Georg Fuchs vom Bundeskriminalamt in Wiesbaden, haben »die Winkelbrüder leichtes Spiel«.

Die Methoden sind schlicht und erfolgreich. Auf die reißerischen Inserate ("500 DM Tagesverdienst") melden sich Tausende von Interessenten. Gegen Gebühren von 20 bis 50 Mark erhalten die dann wertlose Listen mit Firmen, die angeblich immer Arbeitskräfte suchen:

Die Adressen sind aus Telephonbüchern und Katalogen abgeschrieben.

Die Menge macht's, da kommen schnell zehntausend Mark zusammen. Kosten entstehen den Abstaubern kaum, meistens genügen ein Postfach und ein hochtrabender Phantasiename als Deckadresse, wie der Hamburger Verein für Treu und Glauben im Geschäftsleben Pro Honore beobachtete.

Keine der Schwindelfirmen, weder der »Internationale Übersee-Service« noch die »H.-J. Boldt Consulting«, beide Hamburg, oder die von Stockholm aus operierende »Overseas Employment Agency«, habe nach den Erkenntnissen des Pro-Honore-Geschäftsführers Otto Dobbeck jemals einen konkreten Job anbieten können. Die teuer erkauften Informationen gäbe es schneller und vor allem kostenlos auf jedem Arbeitsamt.

Trotz systematischer Auswertung der Stellenanzeigen in den Tageszeitungen kommen Dobbecks Warnungen meistens zu spät. Ehe die Polizei zuschlagen kann, sind die Firmeninhaber verschwunden, ihre Bankkonten aufgelöst.

Nur einmal konnte Dobbeck bislang größeren Schaden verhindern. Der Fall der Montage-Bau Ltd. aus Kairo füllt nun 18 Ordner und Sonderbände bei der Hamburger Staatsanwaltschaft.

Das ägyptische Unternehmen, so Dobbeck, suchte im Spätherbst vergangenen Jahres, gerade als in der Bundesrepublik die Bausaison auslief und die Arbeitslosigkeit wieder anstieg, Hilfskräfte und Facharbeiter für »mehrere Großbaustellen in West- und Nordafrika«. Annoncen erschienen von Flensburg bis Hannover.

Interessenten wie der gelernte Maler und Lackierer Harald Hinsch erhielten ein raffiniert aufgemachtes Schreiben. »Alles schien ganz realistisch«, sagt Hinsch, »ordentlicher Lohn, keine leeren Versprechungen.«

Vor einem Einstellungsgespräch, hieß es jedoch in dem Schreiben nach längeren Ausführungen über Spesensätze, Überstunden und Lebensbedingungen am Einsatzort, müßten noch »zwei Dinge geklärt werden«. Die Montage-Bau müsse beim Konsulat anfragen, ob der Bewerber auch tatsächlich einreisen dürfe, und außerdem müsse vorher seine Tropentauglichkeit festgestellt werden.

Die Kosten für die medizinische Untersuchung, 300 bis 400 Mark, könne die Firma übernehmen, die 50 Mark für die fällige Gelbfieberimpfung und die 18 Mark Gebühren für die Voranfrage beim Konsulat müßte der Bewerber aber vorauszahlen. Bereits ausgefüllte Bankanweisungen über insgesamt 68 Mark lagen bei. Empfänger war die deutsche Repräsentanz der Montage-Bau in Hamburg, eine Frau Irmgard Koslowski, Postfach 10 38 03.

Dobbeck gelang es gerade noch rechtzeitig, die Koslowski-Konten bei Hamburger Banken sperren zu lassen. Bereits eingegangenes Geld wurde an die Absender rücküberwiesen.

Gegen Frau Koslowski selbst konnte die Polizei allerdings nicht viel ausrichten. Sie habe lediglich einem Bekannten gefällig sein wollen, erklärte sie im Verhör. Der Name des Bekannten sei ihr leider entfallen.

Auch Claus Kock wird für den Coup in »Ritas Grillstation« nicht mit harter Strafe rechnen müssen. Die Staatsanwälte tun sich schwer mit dem Nachweis, daß Kock gar keine Jobs zu bieten hatte. So wird aus dem Betrugsverfahren wohl nur eine Anzeige wegen verbotener Arbeitsvermittlung.

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