Leiharbeit unter Druck Eine Krise im Zeitraffertempo

Leiharbeiter sind die ersten, die während der Pandemie rausgeflogen sind, unerwartet schnell wird der Absturz nun gebremst. Was heißt das für die Beschäftigten - und was bedeutet es für den gesamten Arbeitsmarkt?
Fließbandarbeit bei Volkswagen in Wolfsburg: Die Autobranche ist ein wichtiger Entleiher von Zeitarbeitern

Fließbandarbeit bei Volkswagen in Wolfsburg: Die Autobranche ist ein wichtiger Entleiher von Zeitarbeitern

Foto: SWEN PFORTNER / AFP

Als in der Coronakrise die deutsche Wirtschaft ausgebremst wurde, erlebte Susanne Wißfeld ein Wechselbad der Extreme. Wißfeld ist eine von fünf Geschäftsführern von Randstad Deutschland, einem der größten Personaldienstleister. "Es gab Kunden, bei denen ging von einem Tag auf den anderen gar nichts mehr", sagt Wißfeld. Diese Kunden mussten massenweise Aufträge stornieren und schickten die entliehenen Arbeitnehmer zu Randstad zurück. "Andere Kunden orderten 20 Arbeitskräfte zusätzlich, um zum Beispiel in der Anfangsphase des Lockdown die heiß erwartete Extralieferung Klopapier für Supermärkte zu verladen."

Leiharbeit ist oft ein Puffer, das zeigte sich exemplarisch. Wenn Unternehmen schnell große Aufträge bearbeiten wollen, ohne dafür dauerhaft eigene Mitarbeiter einzustellen, holen sie sich Leute bei Personaldienstleistern. Und auch für die Arbeitnehmer soll Leiharbeit das Arbeitsmarktgeschehen abfedern: Wer bei einem Personaldienstleister angestellt ist, hat einen festen Arbeitgeber an wechselnden Arbeitsplätzen. So weit die Theorie.

Wie das mit Puffern so ist: Schläge bekommen sie als Erste zu spüren. Gerät ein Unternehmen in Schieflage, bestellt es erst einmal die Leiharbeiter ab, bevor es die eigenen Leute entlässt. Das geht schnell und einfach. Und wer schnell eine irre Nachfrage nach Toilettenpapier befriedigen will, bekommt bei den Verleihern schnell Leute, die mitanpacken.

10 bis 30 Prozent weniger Vermittlungen

Unterm Strich aber hat die Coronakrise das Geschäft von Randstad erst einmal verhagelt - ebenso wie den Konkurrenten. Jedes Jahr macht die Wirtschaftsberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC) eine Umfrage unter den deutschen Zeitarbeitsunternehmen, so auch diesen April . Danach rechnet PwC für 2020 damit, dass 10 bis 30 Prozent weniger Leiharbeiter vermittelt werden als im Vorjahr. Im ersten Halbjahr schnurrte das Geschäft um rund ein Viertel zusammen, ausnahmslos alle befragten Firmen berichten von Sofortstornierungen. Selbst die Finanzkrise von 2008 und 2009 habe nicht solche Verheerungen hinterlassen; damals gab es einen Einbruch von 17,8 Prozent.

Die Pandemie erklärt den Einbruch aber nicht vollständig. Erst Ende März wurde das Wirtschaftsleben wegen Corona ausgebremst, schon vorher lief es schlechter. Von Januar 2019 bis Januar 2020 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Arbeitnehmerüberlassung von 763.000 auf 689.000 gefallen. Selbst in diesem Zeitraum verstärkt sich nur eine Tendenz, die seit Ende 2017 zu beobachten ist: Leiharbeit verliert an Zuspruch.

Woran liegt's? Im Frühjahr 2017 trat die Neufassung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes in Kraft, die die damalige Arbeitsministerin Andrea Nahles durchgeboxt hatte. Letztlich hat sich die Branche die Regulierung selbst eingebrockt, es sollten damit vor allem Auswüchse eingedämmt werden. Denn so schön die Idee vom Puffer sein mag: Für viele Firmen ist Leiharbeit vor allem ein Instrument zur Lohndrückerei. Lange wurden Leiharbeiter meist deutlich schlechter bezahlt als Festangestellte, die die gleichen Aufgaben erledigen. Als Gegenmaßnahme galt nun das Equal-Pay-Prinzip: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit - es sei denn, es gibt einen Tarifvertrag, der die Lohnunterschiede regelt. Auch dann sind die Differenzen auf neun, in einigen Fällen 15 Monate begrenzt.

Die andere Neuerung war, dass die Höchstüberlassungsdauer begrenzt wurde: Ein Leiharbeitsmitarbeiter darf seither für höchstens 18 Monate an dieselbe Firma ausgeliehen werden. Das soll sicherstellen, dass Menschen, deren Arbeitskraft dauerhaft benötigt wird, tatsächlich eine feste Anstellung beim Auftraggeber bekommen. Auch hier hatte es zuvor viel Wildwuchs gegeben.

Beide Maßnahmen haben die Attraktivität der Leiharbeit beeinträchtigt, sie wurde teurer und bürokratischer. Vom Gesetzgeber war das durchaus gewollt, Leiharbeit soll nicht feste Beschäftigung verdrängen. Die häufigen Arbeitsplatzwechsel in der Zeitarbeit wirken auf sehr viele, die dort arbeiten, belastend, wie Auswertungen von Krankenkassen  und andere Untersuchungen  nahelegen: In keinem Betrieb gehören die Arbeitnehmer wirklich dazu und sehen langfristige Perspektiven für sich.

Im vergangenen Jahr dann kam einiges zusammen:

  • Die Konjunktur schwächelte, vor allem in der Industrie.

  • Zudem wirkte der Wandel im Autobau als Belastung: Stichwort Dieselskandal, Stichwort verschlafene Elektromobilität.

  • Hinzu kam die Unsicherheit, die der Brexit verursacht - Großbritannien ist eines der wichtigsten Exportländer für die Bundesrepublik.

  • Und das Wüten von US-Präsident Trump, der Handelspolitik als eine Abfolge von Zweikämpfen mit Zöllen missversteht.

  • Andererseits haben viele Firmen manche Fachkraft lieber gleich selbst angestellt, statt sie als Leiharbeiter zu beschäftigen - Stichwort Fachkräftemangel.

Die Zeitarbeitsfirmen bekamen all das sofort zu spüren: Die Zahl der Aufträge ging deutlich zurück.

Dann Corona. Eine Krise im Zeitraffertempo, von der niemand weiß, wie genau sie weitergeht - aber dass auch sie in der Leiharbeit auf jeden Fall Stellen kostet.

Wird es noch schlimmer?

Die Frage ist nun: Eilt die Branche abermals einer unheilvollen Entwicklung voraus? Kommt es also in anderen Teilen der Wirtschaft bald noch schlimmer?

Der Ökonom Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bezweifelt das: "Dieser Wirtschaftseinbruch ist anders. Wann hatte man das schon einmal, dass für viele Bereiche gleichermaßen das Geschäft ausfällt, und zwar von heute auf morgen?" Deswegen ist er sicher: "In diesem Fall nimmt nicht die Zeitarbeit eine Abwärtsentwicklung der anderen Branchen vorweg." Sie ist zeitgleich mit abgestürzt.

Auch von PwC heißt es: "Die Entwicklung der Zeitarbeit lässt keine Rückschlüsse auf die weitere Konjunktur zu. Die Probleme liegen derzeit weitgehend da, wo sie in der übrigen Wirtschaft auch sind." Die Neuregelungen der vergangenen Jahre würden sich inzwischen kaum mehr auswirken: "Die Preissteigerungen durch Equal Pay wurden vom Markt akzeptiert und verarbeitet", sagt PwC-Experte Ralph Niederdrenk. Zum Teil hätten die neuen Regeln den Markt von schwarzen Schafen bereinigt.

Eine Entwarnung ist all das aber nicht. Denn nun steht die Marktbereinigung bevor, die durch Rezession, Autokrise und auch noch Corona ausgelöst wird. Stellen fallen weg:

Ganz deutlich ist zu erkennen: Im April, als Corona in Deutschland durchschlug, schnellte die Zahl der Zeitarbeiter, die arbeitslos wurden, um mehr als 30 Prozent in die Höhe und lag um rund 30 Prozent höher als im gleichen Monat des Vorjahrs. Auch im Mai 2020 lag der Wert noch rund 13 Prozent höher als im Mai des Vorjahres. Zu sehen ist allerdings auch: "Im Juni und Juli haben die Verleihunternehmen offenbar schon weniger Leute rausgeworfen als im Vorjahr", sagt Eric Seils von der Hanns-Böckler-Stiftung.

"Ohne große Fristen wieder gekündigt"

Für ihn zeigt die rasend schnelle Reaktion der Branche, dass die Pufferwirkung für Arbeitnehmer kaum funktioniert. Denn demnach müssten solche massiven Einbrüche eben nicht zu so schnellen Entlassungen führen. Aber, so Seils: "So läuft das ja nicht." Vielmehr hänge der Großteil der Beschäftigungsverhältnisse "direkt von bestimmten Einsätzen beim Entleihunternehmen ab und wird oft in der Probezeit ohne große Fristen wieder gekündigt".

Das liegt daran, dass die Branche in einem wichtigen Punkt dereguliert wurde. Bereits im Zuge der Hartz-Gesetze wurde 2004 das sogenannte Synchronisationsverbot aufgehoben, das Zeitarbeitsunternehmen an einem schnellen Hire and Fire hindern sollte. Dass Arbeitnehmer synchron zu einem bestimmten Auftrag angestellt und wieder entlassen werde, sei heute deshalb Regel. Theoretisch gelten zwar dieselben Kündigungsfristen wie für alle Arbeitnehmer, "aber die meisten Beschäftigten werden noch in der Probezeit entlassen", bevor diese Fristen greifen. Damit stehen die Leute im Ernstfall binnen weniger Tage auf der Straße. "Viele Unternehmen führen sie danach weiter in Listen, um zu wissen, wen sie für den nächsten Arbeitseinsatz ansprechen können." Auch das eine umstrittene Praxis.

Logistiker haben in der Coronakrise oft gute Zugewinne gemacht. Foto aus dem Leipziger Logistikzentrum von Amazon (vor Corona)

Logistiker haben in der Coronakrise oft gute Zugewinne gemacht. Foto aus dem Leipziger Logistikzentrum von Amazon (vor Corona)

Foto: imago/Robert Michael

Weil Leiharbeit derart prekär ist, treffe der Wirtschaftseinbruch durch Corona die Beschäftigten dieser Branche als Erste, sagt Seils. Eine Umfrage der Böckler-Stiftung vom April zeigt das. Erwerbstätige aller Branchen wurden gefragt, ob sie nach Corona bereits finanzielle Einbußen hinnehmen mussten und ob sie sich um ihre Lage Sorgen machen. Beide Werte lagen nirgendwo so hoch wie in der Leiharbeit - 30 Prozent und 37 Prozent. Selbst Minijobber kamen auf nicht ganz so hohe Werte.

Für den Arbeitsmarkt erfüllt der Leiharbeitssektor dennoch eine wichtige Funktion, so IAB-Forscher Enzo Weber: Personaldienstleister sind Jobanbieter für viele Arbeitslose, die vielleicht sonst nirgendwo unterkämen - auch wenn die Anstellungen meist von kurzer Dauer sind. "Doch dieser Funktion kann die Zeitarbeit in der jetzigen Lage kaum nachkommen", so Weber. Ein Gradmesser dafür ist die Zahl der monatlich neu gemeldeten offenen Stellen. 2017 betrug sie im Schnitt rund 70.000 im Monat, im Juli 2020 waren es nur 30.000. Heißt: Dem Arbeitsmarkt fehlt die Leiharbeit tatsächlich - als Puffer.

Wie geht es nun weiter? Ja, der Corona-Absturz am Arbeitsmarkt scheint vorerst beendet, aber kein Beobachter will das schon als den Beginn einer Normalisierung werten - zu unsicher ist die Lage. Auch Randstad-Geschäftsführerin Wißfeld formuliert ihre Erfahrung mit den Kunden vorsichtig: "Alles steht unter dem Vorbehalt, dass die Wirtschaft nicht durch Corona-Maßnahmen ein weiteres Mal so einbricht wie im März und April", sagt sie.

Aber immerhin: "Unsere Kunden beginnen, sich mit der Gestaltung der Zukunft zu beschäftigen. In den Monaten davor konnten sie nur den Status quo organisieren." Eine Erholung sei das noch nicht, aber zumindest eine Stabilisierung.

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