S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Aufbruch ins Ungewisse

Die US-Notenbank hat die Leitzinsen heraufgesetzt. Endlich. Dieser Schritt bedeutet allerdings ein Risiko für die Weltwirtschaft - denn zentral lassen sich die Auswirkungen höherer Zinsen nicht steuern.
US-Notenbankchefin Janet Yellen: Viele werden ihr blaues Wunder erleben

US-Notenbankchefin Janet Yellen: Viele werden ihr blaues Wunder erleben

Foto: Shawn Thew/ dpa

Nach Finanzkrisen ist das so ähnlich wie nach einem Todesfall. Die Wirtschaft geht durch eine Reihe von Phasen, die oft viele Jahre dauern, bis die Krise endgültig überwunden ist. Das Fünf-Phasen-Modell der Trauer besteht aus Verleugnung, Wut, Verhandlung, Depression und Akzeptanz. Für die Finanzkrise trifft dieses Modell fast genauso zu - mit einer einzigen, aber wichtigen Ausnahme. Die Erholung verläuft weniger linear. Es besteht die Möglichkeit eines Rückfalls. Und gerade jetzt, nachdem die Federal Reserve die US-Leitzinsen erhöht hat, ist diese Gefahr besonders groß.

Ich halte die Entscheidung einer Zinserhöhung in den USA für richtig und sogar überfällig. Ich gehe davon aus, dass die Zinsen dort im nächsten Jahr weiter steigen werden. Ich sehe aber auch die Gefahr eines Rückschlags für die Weltwirtschaft. Die Gefahr kommt nicht direkt von den Zinsen, sondern indirekt.

Wenn Notenbanken notgedrungen nach der Krise die Zinsen lange bei null gehalten haben, passieren im Hintergrund immer ein paar unangenehme Dinge auf den Finanzmärkten. Wenn Sparer keine Zinsen mehr bekommen, müssen sie auf Rendite verzichten. Manche schichten Ersparnisse in Aktien oder Immobilien um, aber das ist nicht für jedermann sinnvoll oder möglich.

Internationale Fondsgesellschaften hingegen finden sich nicht mal so eben mit niedrigen Renditen ab, sondern erhöhen ihr Risiko. Sie schichten um in festverzinsliche Papiere, Investitionen mit längeren Laufzeiten oder in die riskante, aber lukrative Nische für Firmenanleihen. Wer noch auf irgendwelchen Schrottpapieren sitzt, wird in der Phase der Zinserhöhung sein blaues Wunder erleben.

Die amerikanische Wirtschaft befindet sich seit fast zehn Jahren auf absolutem Niedrigzinsniveau. Selbst ein wie erwartet moderater Anstieg wird schon ausreichen, um eine große Anzahl von überschuldeten Unternehmen in den Bankrott zu treiben. Von denen gibt es gerade in den USA einige. Bis zu einem bestimmten Grad ist das sogar eine positive Entwicklung. Insolvenz spielt ökonomisch eine wichtige Rolle in der Bewältigung von Krisen. Wir sehen jetzt gerade in Italien, was passiert, wenn man miserable Banken gewähren lässt, statt sie zu schließen.

Wie steuert man zurück zu Normalität?

Wenn der Bogen aber überspannt wird, dann kommt es schnell zu einer erneuten Krise. Für die Federal Reserve bricht jetzt die schwerste geldpolitische Phase seit Ausbruch der Krise an. Wie findet man zurück zur Normalität? Den Europäern steht die Phase noch bevor.

Das Problem ist, dass die Zinsen, die für Investoren wichtig sind, nicht direkt von den Notenbanken kontrolliert werden. Wie bei uns auch steuert die Fed nur die kurzfristigen Geldmarktsätze. Das System dort funktioniert technisch etwas anders als bei uns, aber die Idee ist im Grunde dieselbe. Mit einer Latte von Zinssätzen kann die Notenbank den kurzfristigen Markt recht gut steuern. Sie kann aber nicht die langfristigen Zinsen bestimmen. Irgendwann könnten die Märkte entscheiden, dass zehnjährige Staatsanleihen nicht mehr eine Rendite von 0,7 Prozent abwerfen müssen wie aktuell, sondern 1,7 Prozent. Die hohen Kurswerte, die Ergebnis der niedrigen Zinsen sind, würden dann abstürzen. Und die Fondsgesellschaften, die auf diesen dann überteuerten Papieren sitzen, müssen die Verluste verkraften. In den USA ist dieses Risiko nicht zu unterschätzen.

Die Zukunft ist zwar immer unsicher, aber die Situation, in der wir uns jetzt befinden, ist schon sehr speziell. Die weiter anhaltende Niedrigzinspolitik in Europa in Verbindung mit den Zinssteigerungen in den USA könnten auch den Wechselkurs des Euros weiter in den Keller treiben und damit die Weltwirtschaft destabilisieren. Die Leistungsbilanzüberschüsse von Deutschland und im Euroraum insgesamt würden in schwindelerregende Höhen steigen. Es war eine der Lehren der letzten Krise, dass in einem solchem Umfeld Instabilität in den Finanzmärkten auftritt.

Natürlich darf sich die Fed durch solche Überlegungen nicht von ihrem Kurs abhalten lassen. Wenn Sie einen Anstieg der Inflation sieht, dann muss sie das Zinsniveau normalisieren. Sie kann helfen, indem sie die Wirtschaft darauf vorbereitet, Überraschungen vermeidet und klar kommuniziert. Aber am Ende liegt es nicht in ihrer Macht, den Prozess feinzusteuern.

Meine allgemeine Beobachtung ist, dass Investoren momentan pessimistischer in die Zukunft blicken als viele Ökonomen und Beamte, weil sie eine globale Sicht der Dinge haben. Wenn ich mir gleichzeitig die Politik der USA, des Euroraums, von China und den anderen Schwellenländern ansehe, dann wird auch mir mulmig zu Mute.

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