Reaktion auf historische Anhebung Ökonomen verlangen von EZB weitere Zinserhöhungen

Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins so stark angehoben wie nie – doch das reicht nach Ansicht vieler Ökonomen nicht aus. Auch Vertreter der Finanzwirtschaft sprechen sich für zusätzliche Erhöhungen aus.
EZB-Zentrale in Frankfurt am Main: Lange gezögert mit dem Ende der Nullzinspolitik

EZB-Zentrale in Frankfurt am Main: Lange gezögert mit dem Ende der Nullzinspolitik

Foto: DANIEL ROLAND / AFP

Nach der Zinserhöhung ist vor der Zinserhöhung – so bewerten Banken und Ökonomen die stärkste Anhebung der Zinsen seit der Einführung des Euros. »In den nächsten Monaten werden weitere Zinserhöhungen folgen müssen«, sagte der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest. Die Geldpolitik der EZB seit weiterhin sehr expansiv, also die Konjunktur stimulierend. »Die Zinsen sind nach wie vor sehr niedrig, und die Inflationserwartungen der privaten Haushalte steigen immer weiter an.« Den Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik wegen der Aussicht auf einen Konjunkturabschwung zu verschieben, würde die Kosten der Inflationsbekämpfung nur steigern.

Auch der Finanzsektor forderte die EZB zum Nachlegen auf. »Weitere Zinsanhebungen müssen folgen, damit die Menschen der EZB und ihrem Versprechen stabiler Preise auch weiter glauben können«, sagte der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), Helmut Schleweis. »Die EZB hat sich zur Gefangenen ihrer eigenen jahrelangen Niedrigzinspolitik und geldpolitischen Expansion gemacht. Sie muss jetzt umso entschlossener auftreten, um Vertrauen zurückzugewinnen.« Die Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Marija Kolak, sagte, weitere Zinserhöhungen seien notwendig, um den Kaufkraftverlust zu stoppen.

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) sagte vor dem Bundestag: »Wir sind ökonomisch in einer außerordentlich herausfordernden Lage.« Die starke Zinserhöhung verdeutliche, »dass alle sich der Herausforderung stellen müssen, die Inflation zu bekämpfen«. Die Inflation sei ein »Verarmungsprogramm für die Familien in der Mitte der Gesellschaft«. Eine hohe Teuerungsrate führe dazu, dass unternehmerische Risiken gescheut und Investitionen unterlassen würden. »Inflation bekämpft man nicht mit immer neuen Staatsschulden«, ergänzte Lindner. Deswegen setze er im Haushalt für 2023 Prioritäten und werde die Schuldenbremse wieder einhalten.

In der Wirtschaft gibt es Zustimmung zur EZB-Entscheidung, aber auch Sorgen über die Folgen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) befürchtet steigende Zinskosten inmitten einer heraufziehenden Rezession. »Nachdem die EZB sehr lange gezögert hat, ist die kräftige Erhöhung jetzt leider erforderlich, um einen weiteren Anstieg des allgemeinen Preisniveaus zu verhindern«, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. Der Zinsschritt erfolge nun in einer Zeit, »in der sich die Finanzierungsbedingungen der Unternehmen ohnehin massiv verschlechtern«. Die Bundesregierung sollte daher alles daran setzen, um die Finanzierung von Investitionen durch die Unternehmen zu sichern.

Auch Banken-Volkswirte sehen die EZB weiterhin am Zug. »Jetzt kommt es darauf an, dass sie ihre Leitzinsen in den kommenden Monaten trotz steigender Rezessionsrisiken auch tatsächlich weiter kräftig anhebt«, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. »Sie sollte zügig über das konjunkturneutrale Zinsniveau hinausgehen, das ich bei 2,5 bis drei Prozent sehe.« Andernfalls büße die EZB weiter an Glaubwürdigkeit ein. Die deutlich gestiegenen langfristigen Inflationserwartungen der Bürger drohten dann zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden.

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