Leitzinserhöhung Notenbank warnt vor neuen Preisschüben

Steigende Energie- und Lebensmittelpreise bedrohen Europa nach Ansicht von EZB-Chef Trichet womöglich noch länger als bisher gedacht. Die hohe Inflation drohe unterschätzt zu werden - neue Zinserhöhungen nach der jetzigen sind allerdings nicht geplant.


Frankfurt am Main - Es hatte fast etwas Symbolisches: Leicht verschnupft präsentierte sich Jean-Claude Trichet am heutigen Donnerstag der Presse, immer wieder griff er beim Reden zum Taschentuch. In der Sache selbst gab sich der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) allerdings hart - es schien, als ob ihn die Debatte um die umstrittene Zinsentscheidung wenig beeindruckt hätte.

Teure Energie: Steigender Ölpreis steigert Inflation
DPA

Teure Energie: Steigender Ölpreis steigert Inflation

Trichet begründete die Entscheidung, den Leitzins um 25 Basispunkte auf 4,25 Prozent heraufzusetzen, mit der gestiegenen Gefahr, der massive Teuerungsdruck könne zu einer Lohn-Preis-Spirale und einer Verselbständigung der Inflation führen. Er warnte vor neuen Preisschüben: Die Inflation sei "besorgniserregend" und dauere wahrscheinlich deutlich länger an als bisher erwartet. Schuld an der weitersteigenden Inflationsrate seien insbesondere die Entwicklung der Öl- und Nahrungsmittelpreise. "Die EZB wird das Notwendige tun, um Preisstabilität zu sichern", so Trichet weiter. Die Entscheidung für die Zinserhöhung sei einstimmig gefallen.

Damit wehrte sich Trichet indirekt auch gegen Aussagen, wonach die Zinsentscheidung der Währungshüter auch intern umstritten gewesen sein soll. Im Vorfeld hatte es vor allem von Seiten der Politik und der Gewerkschaften harsche Kritik an der Erhöhung des Leitzinses gegeben. Sie befürchten eine Schwächung der sowieso schon angeschlagenen Konjunktur.

Trichet hatte bereits im Juni angedeutet, dass der Schlüsselzins für die Versorgung der Kreditwirtschaft mit Zentralbankgeld von 4,0 auf 4,25 Prozent angehoben werden könnte. Vor allem wegen der zuletzt auf vier Prozent gekletterten Inflation im Euro-Raum. Allerdings signalisierte die EZB, dass sie vorerst keine weiteren Zinsschritte plant: "Die Geldpolitik wird nach der heutigen Entscheidung zum Ziel der Preisstabilität beitragen", sagte Trichet weiter. "Wir sind nicht von vornherein festgelegt. Wir werden tun, was notwendig ist, um die Kaufkraft zu wahren. Die Bürger können auf uns zählen."

Ein Signal, das bei Volkswirten und Analysten positiv aufgenommen wurde: "Die EZB ist auf einen neutralen Ton eingeschwenkt. Trichet hat nicht mehr von erhöhter Alarmbereitschaft wegen der Inflation gesprochen", sagte Fabienne Riefer von der Postbank Chart zeigen. Eine weitere Zinserhöhung im August sei damit erst mal vom Tisch. "Auch danach rechnen wir mit stabilen Zinsen, auch wenn sich Trichet eine Hintertür offenhält."

Heftige Kritik von den Gewerkschaften

Auf dem deutschen Aktienmarkt hat die Entscheidung der EZB für Erleichterung gesorgt, er legte spürbar zu. Der Leitindex Dax Chart zeigen gewann bis zum Nachmittag 0,80 Prozent auf 6355,72 Punkte. Sein bisheriges Tagestief lag bei rund 6201 Zähler. Der MDax Chart zeigen erholte sich ebenfalls und stieg um 0,25 Prozent auf 8585,38 Punkte. Der Technologiewerte-Index TecDax Chart zeigen legte um 0,69 Prozent auf 739,11 Zähler zu. Außerdem sorgten Konjunkturdaten aus der Euro-Zone und den USA für Erleichterung, hieß es am Markt.

Heftige Kritik an der Zinserhöhung kam von den Gewerkschaften: "Die EZB schwächt dadurch die Konjunktur und gefährdet Hunderttausende Arbeitsplätze in der Euro-Zone", sagte der Chefvolkswirt des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Dierk Hirschel. "Das ist der Einstieg in den Abstieg, weil es die EZB dabei nicht belassen wird."

Mehr Verständnis zeigte dagegen die Wirtschaft für die erste Zinserhöhung der EZB seit mehr als einem Jahr. "Die Entscheidung der Europäischen Zentralbank mag unbequem sein, ist aber notwendig und richtig", sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann. Das Preisklima im Euro-Raum habe sich zuletzt durch massive Verteuerung von Energie und Nahrungsmitteln dramatisch verschlechtert. Da könne die EZB nicht tatenlos zusehen. "Der Zinsschritt ist auch als unmissverständliche Warnung an die Tarifparteien zu verstehen, keine neue Lohn-Preis-Spirale loszutreten."

Bei den deutschen Banken rief die Entscheidung der EZB ein geteiltes Echo hervor: Während Privatbanken und Sparkassen den Beschluss begrüßten, äußerten sich die Genossenschaftsbanken zurückhaltender. Die Erhöhung sei vertretbar, aber nicht zwingend, erklärte der Bundesverband der Volksbanken und Raiffeisenbanken. Eine straffere Geldpolitik sei erst dann nötig, wenn es deutliche Zeichen für eine Abkehr von der moderaten Lohnpolitik im Währungsraum gebe. Dies sei nicht zu erkennen. Die Ursachen für die hohe Inflation liege außerhalb der Euro-Zone, und zwar vor allem in der starken Energienachfrage der Schwellenländer.

Der Bankenverband als Vertretung der Privatbanken nannte den Schritt dagegen notwendig, um die Inflationserwartungen rechtzeitig zu dämpfen. "Das Risiko einer Stagflation, wie sie von vielen derzeit befürchtet wird, kann nicht mit einer laschen Haltung gegenüber der Inflation beseitigt werden", sagte Hauptgeschäftsführer Manfred Weber. Auch Sparkassen-Präsident Heinrich Haasis sprach von einer richtigen Entscheidung. "Die EZB hat damit deutlich gemacht, dass sie die derzeit hohen Preissteigerungsraten in Europa nicht auf Dauer hinnehmen wird", erklärte der Chef des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands.

sam/Reuters/dpa-AFX/dpa



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