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BANKEN Lektion erteilt

Moskaus Bank in Singapur hängte Amerikas Geldriesen ab -- und vergaloppierte sich dabei in riskanten Finanzgeschäften.
aus DER SPIEGEL 29/1976

Tummelplatz der Finanzhaie«, nennt das SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« gern Südostasiens wichtigstes Bankenzentrum Singapur.

Zu den Größten -- und Profitgierigsten -- im kapitalistischen Geldgeschäft zählen dort die roten Brüder: Moskaus Narodny Bank hält selbst bei den rüdesten Sitten kapitalistischer Banker mühelos mit.

So hektisch drängten die Moskauer Staatsbankiers ins Asiengeschäft und so dubios waren dabei ihre Methoden, daß die Sowjet-Union sogar um ihr politisches Prestige in der Region fürchten muß.

Schon vor fünf Jahren hatten die Sowjet-Bankiers von der bereits 1919 in London etablierten Moscow Narodny Bank den fernöstlichen Stadtstaat als gewinnträchtiges Operationsfeld entdeckt. Mit einem Startkapital von drei Millionen Singapur-Dollar (3,15 Millionen Mark) und 25 Angestellten gründeten sie eine Filiale, um am rapiden Aufstieg Singapurs zum führenden Wirtschaftszentrum Südostasiens teilzuhaben.

Bereits nach zwei Jahren hatte sich die Russen-Bank auf Top-Positionen in der Rangliste der Geldinstitute in Singapur hochgeschoben. Die ertragbringenden Kapitalanlagen erreichten bereits Ende 1973 1,4 Milliarden Singapur-Dollar (1,5 Milliarden Mark) -- das waren 14 Prozent der Anlagen aller in Singapur registrierten Finanzinstitute. Die seit anderthalb Jahrhunderten in Singapur ansässige Chartered Bank brachte es gerade auf neun Prozent.

Selbst an Amerikas Großbanken First National City Bank, Bank of America und Chase Manhattan Bank zog Narodny mit einem Kreditvolumen von über 1,6 Milliarden Singapur-Dollar Ende 1974 vorbei.

Den »kometenhaften Aufstieg« ("Far Eastern Economic Review") verdankt die Russen-Bank vor allem ihrem Generaldirektor Teo Poh-kong. der, unbehelligt von der Londoner Zentrale, das Institut mit »abenteuerlicher Bankenpolitik« in die Expansion trieb.

»Wir haben so viel Geld, wie Sie wollen. Sie brauchen nur zu fragen«, prahlte Teos sowjetischer Kollege V. 1. Ryschkow auf einem privaten Bankett gegenüber Kunden. Kleine und mittlere Unternehmer, denen andere Banken wegen unzureichender Sicherheiten Kredit verweigert hatten, bediente Narodny mit jeder gewünschten Summe. So bewerteten sie die zur Kreditsicherung hinterlegten Wertpapiere entgegen den Usancen nicht nur zum Marktpreis, sondern auch gleich noch mit einem fiktiven Inflationszuschlag. Auch auf andere bankenübliche Vorsichtsregeln bei der Kreditvergabe verzichteten die Narodny-Banker.

Dabei schien den Sowjets mit der Verpflichtung Teos als Top-Manager ein besonderer Coup gelungen zu sein. Teo hatte seine Karriere in der kommunistischen Bank of China begonnen, diente in der Bank of America und der United Overseas Bank und galt als erfahrener Bankmann. Vor allem seine engen Verbindungen zu den Auslandschinesen in Malaysia, Thailand, auf den Philippinen und in Indonesien -- laut US-Wirtschaftsmagazin »Fortune« die »gewaltigste Wirtschaftsmacht in Asien außerhalb Japans« -- machten die Sowjets sich zunutze. 1972 gerieten die Narodny-Banker erstmals ins Zwielicht. Ihnen wurde vorgeworfen, sie förderten mit großzügigen Darlehen indonesische Geschäftsleute, die den Zuckermarkt ihres Landes monopolisieren wollten.

»Die Bank wurde zum Symbol für den wachsenden Sowjet-Einfluß und die undurchsichtige Durchdringung Südostasiens«, fand ein Insider in Singapur. Und die »Far Eastern Economic Review« notierte: »Die führende Rolle der Sowjet-Bank in Singapur ist öffentlich nie zugegeben worden, vielleicht, weil sie die Hälfte ihrer Kredite nach außerhalb der Republik vergibt.«

Seither sorgen sich viele Regierungen Südostasiens, die Sowjets könnten sich unauffällig und unkontrolliert mit Hilfe ihrer Bankgeschäfte in den nationalen Volkswirtschaften breitmachen.

Tatsächlich reichen die Narodny-Geschäftsinteressen von Hotels in Singapur (Hilton, Peinsula, Imperial) über Gummiplantagen in Malaysia und Landerschließungs-Projekte in Hongkong.

Aufgeschreckt hat die Asiaten vor allem einer der größten Finanzskandale der Region, in den die Russen-Bank verwickelt ist, den Zusammenbruch der Mosbert Holdings Ltd. mit Sitz in Hongkong. Dieser Mischkonzern kontrollierte rund 200 Grundstücks-, Industrie- und Handelsfirmen in Südostasien, insbesondere in Malaysia und Singapur, mit einem Kapital von zusammen etwa 160 Millionen US-Dollar. Konzern-Chef Amos Dawe gehörte zu Narodnys ersten und besten Kunden: 150 Millionen Singapur-Dollar hatten die Russen-Banker ihm geliehen, als seine Firma im Herbst letzten Jahres zahlungsunfähig wurde.

Erst später fanden die Behörden heraus, daß die Narodny-Bank ihre Gelder über verschlungene Pfade in verschiedene Mosbert-Firmengeschleust hatte. Grund für die Tarnmanöver der ehrgeizigen Banker: In Malaysia ist ausländischen Staatsbanken das Geldgeschäft untersagt, und auch Hongkong hatte Narodny keine Lizenz erteilt.

Weil Narodny vielfach Grundstücke als Sicherheit für Kredite erhielt, könnten die Russen, so bangen nach dem Mosbert-Desaster etliche Regierungen, zu unliebsamen Großgrundbesitzern avancieren.

Das leichtfertige Geldausleihen auch an zweifelhafte Firmen -- allein bei der Pleite der Imperial Securities International verlor Narodny 27,5 Millionen Dollar -- alarmierte auch Singapurs Bankenaufsichtsbehörde. Sie forderte die Banker auf, Kunden und Sicherheiten strenger zu überprüfen. »Sie haben eine Lektion erteilt bekommen«, verriet Bankenaufseher Tang Wee Lip.

»Wir mußten Rückstellungen für Verluste machen«, bekannte sogar ein Narodny-Manager. »Wir müssen jetzt wieder vorsichtig mehr konventionelle als spekulative Geschäfte betreiben.«

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