Leo Kirch wird 80 "Erschossen hat mich der Rolf"

Leo Kirch steht für ein Medienimperium, für den Gewinn und den Verlust von Macht. Sein Unternehmen musste 2002 Insolvenz anmelden, bis jetzt macht er den früheren Deutsche-Bank-Chef Breuer für die Zerstörung seines Lebenswerks verantwortlich. Heute wird der Ex-Mogul 80.


Frankfurt am Main - Leo Kirch hat sich noch nicht aufs Altenteil zurückgezogen. Noch immer, heißt es, geht der einstige Medienmogul fast täglich in sein Büro in der Münchner Innenstadt, um zu arbeiten. Doch die kleine Vermögensverwaltung hat kaum etwas gemein mit seinem einst mächtigen und weit verzweigten Imperium aus Medienfirmen, Filmrechten, Fernsehsendern, Filmproduktionen und millionenschweren Beteiligungen, das im Frühjahr 2002 wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel.

Unternehmer Kirch: Noch unter den 300 reichsten Deutschen
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Unternehmer Kirch: Noch unter den 300 reichsten Deutschen

Heute wird Kirch 80 Jahre alt. Doch den durch seine Zuckerkrankheit fast blinden, zurückgezogen lebenden Ex-Medienunternehmer hält eine Art private Fehde auf Trab: Kirch führt seinen persönlichen Feldzug gegen die Deutsche Bank und deren Ex-Vorstandschef Rolf Breuer. Denn die sind seiner Ansicht nach Schuld daran, dass sein Lebenswerk zerstört wurde. "Erschossen hat mich der Rolf", ist Kirch bis heute überzeugt und spielt damit auf eine Äußerung Breuers an. Der hatte im Februar 2002 in einem Fernsehintervierw öffentlich die Kreditwürdigkeit Kirchs in Zweifel gezogen. Zwei Monate später war Kirch pleite.

Seit dem jagt eine Klage, ein Gerichtsprozess, eine Ermittlung die nächste. Mal zieht Kirch gegen das Geldhaus, mal gegen Breuer persönlich ins Gefecht. Nicht immer erfolglos. Nachdem der Bundesgerichtshof (BGH) Kirch im Januar teils Recht gegeben und Breuer sowie die Deutsche Bank zu Schadensersatz in noch unbestimmter Höhe verdonnerte, räumte Breuer, inzwischen Aufsichtsratschef der Bank, im Mai zermürbt von Kirchs ständigen Angriffen das Feld. Er trat zurück.

Am Ende blieben 6,5 Milliarden Euro Schulden

Für Kirch kein Grund, locker zu lassen: Jetzt ist Bankchef Josef Ackermann dran. Er soll Ex-Finanzvorstand Clemens Börsig widerrechtlich Millionen bei dessen Wechsel in den Aufsichtsrat hinterher geworfen haben, deswegen erstattete Kirch nun Strafanzeige. Ackermann steht ab Donnerstag erneut im Düsseldorfer Mannesmann-Prozess vor Gericht. Eine rechtskräftige Verurteilung wäre das Ende von Ackermanns Karriere.

Für Kirch, den Sohn eines fränkischen Weinbauern, ist jeder Sieg gegen die Deutsche Bank ein Stück Genugtuung für die Zerstörung seines Lebenswerkes. Schon früh hatte der studierte Kaufmann und Mathematiker den wachsenden Bedarf des Fernsehens an Spielfilmen, Serien und Unterhaltung geahnt. 1954 gründete Kirch die Sirius-Film GmbH und kaufte mit von seiner Frau geborgtem Geld unter anderem die Rechte am italienischen Erfolgsstreifen "La Strada". Der Aufstieg der Privatsender in den achtziger Jahren machte den Würzburger mit seinen tausenden Rechten an Hollywood-Werken zum König im Verleihgeschäft. Kirch kaufte sich in Sender ein und häufte ein undurchdringliches Geflecht an Firmen und Beteiligungen an.

Doch spätestens mit dem Start des Bezahlsenders Premiere 1991 verließ ihn sein viel gerühmtes Gespür für Trends. Denn anders als in Großbritannien oder den USA wollten die meisten Deutschen für bestimmte Programme nicht extra zahlen. Der Mann mit dem akkurat zurückgekämmten Haar hinterließ am Ende einen Schuldenberg von 6,5 Milliarden Euro. Da halfen auch Kirchs gute Kontakte in die Politik, etwa zu Ex-Kanzler Helmut Kohl (CDU), nicht mehr. Der streng katholische Kirch kommentierte dies mit den Worten: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen."

Doch der Herr ließ Kirch nicht bettelarm zurück. Zwar konnte er die Zerschlagung seines unternehmerischen Erbes nicht aufhalten. Doch Kirch gehört noch immer zu den 300 Deutschen mit dem dicksten Bankkonto. Die noch ausstehende Schadensersatzklage gegen die Deutsche Bank könnte die Rente zusätzlich aufbessern.

Katharina Becker, AFP



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