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01. Juni 2009, 14:33 Uhr

Letzte Hoffnung

GM reicht Antrag auf Gläubigerschutz ein

101 Jahre nach der Firmengründung hat der einst größte Automobilkonzern der Welt, General Motors, Insolvenz angemeldet. Der Konzern beantragte am Montag Gläubigerschutz nach Chapter 11. Jetzt wird der Staat die Mehrheit an dem taumelnden Industriegiganten übernehmen.

Für die US-Autoindustrie ist es ein bitterer Moment. Am Montagmittag trat der taumelnde Autogigant General Motors den Weg vor den Insolvenzrichter, um Gläubigerschutz nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts zu beantragen. Das Gläubigerschutzverfahren von GM wäre nach Einschätzung von Beobachtern das bislang komplizierteste und in seiner Art größte in der US-Geschichte. Ziel des Verfahrens ist, dass sich das hochverschuldete Unternehmen unter Beteiligung der US-Regierung umstrukturiert und gesundschrumpft. Dabei ist es vor dem Zugriff der Gläubiger geschützt.

GM-Zentrale: Letzte Chance auf einen Neuanfang
AP

GM-Zentrale: Letzte Chance auf einen Neuanfang

Die US-Regierung hatte dem Konzern mit Sitz in Detroit bis zum 1. Juni ein Ultimatum gestellt: Die Konzernführung sollte entweder einen Sanierungsplan vorlegen, oder das Unternehmen würde in die geordnete Insolvenz geführt. Die US-Regierung soll nun 60 Prozent der GM-Anteile übernehmen, sagte ein Regierungsvertreter in Washington. Zwölf Prozent werden von Kanada übernommen und weitere 17,5 Prozent von einem Treuhandfonds der Arbeitergewerkschaft UAW. Den Rest erhalten die Gläubiger von GM.

Den US-Regierungsangaben zufolge wird GM aus Washington Finanzhilfen von 30,1 Milliarden Dollar für die Restrukturierung im Rahmen des Insolvenzverfahrens erhalten, Kanada wird demnach 9,5 Milliarden Dollar beisteuern. Damit würden sich die US-Regierungshilfen für GM auf insgesamt 50 Milliarden Dollar belaufen, nachdem zuvor bereits 20 Milliarden Dollar gezahlt worden waren. Im Rahmen der Umstrukturierung sollen elf Produktionsstätten geschlossen und drei weitere vorläufig stillgelegt werden. Beobachter rechnen damit, dass mehr als 35.000 Arbeitsplätze bei GM gestrichen werden und dann weniger als 200.000 Stellen übrig bleiben.

Einigung mit UAW

GM und die US-Regierung hatten am Wochenende bereits nach einem verbesserten Angebot eine Einigung mit der Mehrheit der Anleihen-Gläubiger erzielt. Auch mit der US-Gewerkschaft UAW ist GM zu einer Einigung gekommen. Damit hat GM jetzt die Chance auf ein beschleunigtes Insolvenzverfahren.

Die Gläubiger, die den Plänen bereits zugestimmt haben, können sich während der Restrukturierung von GM wegen des Gläubigerschutzes einzelnen Entscheidungen nicht mehr widersetzen. Wie ein Sprecher des Gläubiger-Komitees am Sonntag sagte, stehen die insgesamt 975 Investoren, die dem verbesserten Angebot zugestimmt haben, für 54 Prozent der 27 Milliarden Dollar GM-Schulden. Die Mehrheit der GM-Gläubiger hat damit einen Schuldenverzicht im Austausch gegen Aktien abgesegnet.

Ein Regierungsvertreter sagte am Sonntagabend, dass GM wohl nur 60 bis 90 Tage im Gläubigerschutz verweilen dürfte. Bei GM werde "Paragraf 363" des US-Insolvenzrechts durchlaufen. Nach den Richtlinien des US-Insolvenzrechts können Unternehmen oder Unternehmensteile, die unter Gläubigerschutz nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts stehen, in sogenannten Verkäufen nach Paragraf 363 frei von Belastungen an Käufer übertragen werden. Dies ermöglicht der Gesellschaft de facto eine Spaltung in eine "Good Company" und eine "Bad Company".

Flurbereinigung bei den Marken

Bei GM bedeutet dies, dass Marken wie Chevrolet und Cadillac - die als überlebensfähig gelten - die Insolvenz rasch wieder verlassen sollen. Andere wie etwa Hummer, Saturn und die schwedische Tochter Saab dürften dagegen abgestoßen werden. Die Marke Pontiac wird wahrscheinlich aufgegeben. Informierte Personen sagten bereits am Wochenende, GM habe einen Käufer für die Marke Hummer gefunden.

Alle Hoffnungen ruhen dann auf der "neuen GM", auf die dann die rentablen Unternehmensteile übertragen werden. Laut Washington Post geht das Finanzministerium davon aus, dass das neue Unternehmen in der Lage sein wird, einen großen Betrag der insgesamt dann 50 Milliarden Dollar an Finanzhilfe bereits innerhalb der kommenden fünf Jahre zurückzuzahlen.

Die US-Regierung hatte in den vergangenen Tagen die Öffentlichkeit auf eine Insolvenz von GM vorbereitet. Ohne eine Staatsbeteiligung droht GM nach den Worten von Präsident Barack Obama die komplette Zerschlagung. In einem am Samstag auf dem Sender NBC ausgestrahlten Interview sagte er: "Meine Präferenz wäre es gewesen, da ganz draußen zu bleiben. Das würde aber die Liquidation und den Bankrott bedeuten, bei dem eine große Institution mit wichtiger Bedeutung für unsere Wirtschaft in Scherben liegt." Deswegen gebe es bei GM keine Alternative zu einer Staatsbeteiligung.

In der vergangenen Woche hatte Robert Gibbs, Sprecher des Weißen Hauses, den Fall des insolventen US-Automobilherstellers Chrysler als ein "hoffnungsvolles Beispiel" für General Motors dargestellt. Kern des Verfahrens ist die weitreichende Entschuldung von Chrysler durch das Abtrennen defizitärer Konzernteile. Der werthaltige Rest soll Fiat übertragen werden, die Chrysler künftig als Großaktionär operativ führen soll.

Chrysler mit guten Chancen

Nach den jüngsten Nachrichten hat Chrysler nun auch gute Aussichten, nach nur einem Monat den Gläubigerschutz nach Chapter 11 wieder verlassen zu können. Der am US-Konkursgericht zuständige Richter Arthur Gonzalez habe den Verkauf des US-Kerngeschäfts von Chrysler an eine von Fiat angeführte Investorengruppe erlaubt, berichtet die Tageszeitung "New York Times". Damit könne Chrysler nun die geplante Allianz mit dem italienischen Automobilhersteller Fiat eingehen.

Beobachter warnen allerdings davor, GM mit Chrysler zu vergleichen. GM habe mehr als viermal so viele Mitarbeiter (235.000) wie Chrysler und noch fast ein Dutzend Marken im Konzern im Vergleich zu drei bei Chrysler. Zudem habe GM mehr wirtschaftliches Gewicht mit nationalen und internationalen Folgen für Hunderttausende Arbeitsplätze unter anderem bei den Zulieferern. Auch müsse GM die Krise alleine meistern, während Chrysler einen Allianzpartner gefunden habe.

General Motors war über hundert Jahre der Stolz der US-Automobilindustrie und weltweit einer der mächtigsten Industriekonzerne. Am 16. September 2008 feierte GM den 100. Geburtstag. In den sechziger Jahren bestimmte GM den Automobilmarkt: Jedes zweite, in den USA zugelassene Fahrzeug kam aus einer der mehr als hundert GM-Fabriken. Nach erfolgreichen Jahren begann in den siebziger Jahren mit der Ölkrise, dem Aufstieg der japanischen Marken und der verfehlten Modellpolitik der langsame, aber stetige Niedergang von GM und den anderen US-Automobilherstellern.

Die SUVs, Minivans, Geländewagen und Pick-up-Trucks sowie die legendären Pritschenwagen, all die Klassiker der US-Automobilindustrie sind in den vergangenen Jahren immer mehr zu Ladenhütern geworden und haben viel Geld bei den Konzernen verbrannt. Immer mehr Amerikaner kauften und kaufen stattdessen japanische Kleinwagen der Hersteller Toyota oder Nissan oder europäische Marken wie Mini.

Trucks als Ladenhüter

Zudem drückten GM besonders die hohen Arbeitskosten und sonstige Zuwendungen an die Mitarbeiter. GM bot früher die besten Sozialleistungen und noch nie da gewesene Vergünstigungen, von Familien- und Kindergeld über eine Krankenversicherung für sämtliche Familienmitglieder bis hin zu einer großzügigen Pensionsregelung. Damit hob der Konzern eine ganze Generation in den USA in den Mittelstand. Zu verdanken hatten die GM-Mitarbeiter die vielen Vergünstigungen der mächtigen US-Gewerkschaft United Auto Workers (UAW).

Sie hatte die Privilegien mit Druck und Streiks in Zeiten der Blüte errungen und in Zeiten der Krise nicht mehr hergegeben. Das war nach Einschätzung von Beobachtern neben der verfehlten Modellpolitik ein weiterer Sargnagel für GM. Am Freitag haben die Mitglieder der UAW einem neuen Tarifvertrag mit GM zugestimmt.

Seit 2005 hat GM 88 Milliarden Dollar verloren, seit einem Jahr verbrennt der Konzern täglich 68 Millionen Dollar. Im jüngsten Quartal belief sich diese Summe sogar auf 111 Millionen Dollar pro Tag.

Mit der Insolvenz von GM dürfte die Aktie des Unternehmens automatisch aus dem Dow-Jones-Index für 30 Industriewerte (DJIA) fallen. "Sollte das Unternehmen insolvent werden, dann müssten wir aktiv werden", so John Prestbo, Executive Director von Dow Jones Indexes. GM war seit 1925 in dem Index vertreten. Die Aktien von GM haben in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 95 Prozent ihres Wertes eingebüßt. Am Montag verliert die GM-Aktie gegen 11.52 Uhr im Frankfurter Handel rund zehn Prozent.

mik/Dow Jones/dpa/dpa-AFX/AP

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