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BERLIN Licht ohne Fenster

Die beiden zuständigen Berliner Behörden können sich nicht darüber verständigen, wie der Pleitebau Steglitzer Kreisel saniert werden soll.
aus DER SPIEGEL 35/1977

Rieselnder Rost und bröckelnde Fassaden gehören schon fast zum Stadtbild, vergammelte Gänge und halbfertige Etagen stören kaum noch jemand: West-Berlins pompöse Abschreibungsruine, der Steglitzer Kreisel, wurde unter stiller Duldung der Behörden zum stahlbetonierten Denkmal absurder Investitionsentscheidungen.

Fast drei Jahre lang, bei mehreren Versteigerungsterminen, war das 330-Millionenprojekt für keinen Preis loszuschlagen. Und der Senat, der immerhin den Pleitebau mit etlichen Millionen förderte, schien es auch nicht eilig zu haben. Senatoren und Beamte überboten sich in Gelassenheit.

Nun plötzlich pressiert"s. Spätestens bis zur Parlamentswahl im Frühjahr 1979 soll die Abschreibungsruine belebt werden. Gleich zwei Senatoren, der eine zuständig für Wirtschaft, der andere für Finanzen, versuchen sich unversehens an intensiven Rettungsaktionen. Kooperation freilich ist nicht gefragt. Die beiden Behördenchefs sanieren jeder für sich, nicht miteinander, sondern immer aneinander vorbei.

Vor dem 29. September, dem nächsten Versteigerungstermin für den fast fertigen Geschäfts- und Bürobau der Architektin Sigrid Kressmann-Zschach, möchte Finanzsenator Klaus Riebschläger (SPD) dem Senat ein fertiges Konzept anbieten: Die Berliner Immobilienfirma Becker & Kries soll den Kreisel ersteigern und fertigstellen.

Die Makler haben ihre Unterlagen vor wenigen Wochen dem Senat eingereicht, offenbar mit Erfolg: »Ich bereite die Entscheidung vor«, sagte Riebschlägers Senatsdirektor Günter Brunner bereits Anfang August.

Von einem anderen Bewerber für den Kauf des Kreisels will Brunner nichts wissen. »Mir hat keiner was gesagt. Wenn der Wirtschaftssenator noch jemanden hätte«, kalkuliert der Senatsdirektor, »müßte er uns Bescheid geben.«

Wirtschaftssenator Wolfgang Lüder (FDP) hat in der Tat noch jemanden. Seit Wochen antichambrieren zwei Kaufleute aus München und Munster in seiner Behörde, um den Zuschlag für den Mammutbau zu bekommen. Ihr Angebot: Zusätzliche öffentliche Mittel werden für die Abschreibungsruine nicht beansprucht.

Der Büro-Turm des Kreisels soll, wie einst geplant, überwiegend dem Bezirksamt Steglitz vermietet werden. Den Flachtrakt, den Frau Kressmann-Zschach für ein Kaufhaus und über hundert kleine Läden reserviert hatte, soll ein Selbstbedienungs-Markt übernehmen.

»Das alte Konzept war falsch«, findet Ulrich Lucks von der Münchener Gewerberaum-Agentur Lucks & Co., der sich zusammen mit den Interessenten aus München und Munster das neue Kreisel-Konzept ausgedacht hat. Statt vieler toter Ecken und Passagen, die keine Miete bringen, statt aufwendiger Installationen für zahllose Einzelgeschäfte soll fast die gesamte Fläche der vier Etagen den SB-Markt aufnehmen. Lucks und seine Klienten hoffen deshalb -- neben dem geschätzten Kaufpreis von 30 Millionen mit 65 statt der bislang geschätzten 80 Millionen Mark Baukosten für den Ausbau des Kreisels auszukommen. Drei ernsthafte Mietinteressenten, darunter eine umsatzstarke SB-Kette aus dem süddeutschen Raum, haben sich laut Lucks bereits für seine Berlin-Lösung erwärmt.

Der süddeutsche Sanierungsversuch überzeugte zunächst auch die beiden Gläubiger, die Deutsche Bau- und Bodenbank sowie die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank. Am 14. Februar 1977 gaben die Banker eine »grundsätzliche Finanzierungszusage« über 55 Millionen Mark. Beide Banken waren der Sanierung zuliebe auch bereit, sich mit 16 statt der schon in das Projekt verbauten 80 Millionen zu begnügen.

Mit den Banken im Rücken trugen die Süddeutschen dem Berliner Senat ihre Pläne vor. Und als Senatsdirektor Jörg Schlegel von der Wirtschaftsverwaltung um eingehende Kalkulationen bat, glaubten sie daran, eine faire Chance zu haben. Die beiden Gläubigerbanken bestätigten überdies, daß die Unternehmer aus München und Munster die einzigen ernsthaften Interessenten für den Kreisel seien.

Das war am 1. Juni 1977; und Senatsdirektor Schlegel war Zeuge.

Genau acht Tage später jubelte die »Berliner Morgenpost«, daß »endlich eine Lösung für den Kreisel« gefunden sei. Als Lucks und Partner erfuhren, daß damit keinesfalls ihr Konzept gemeint war, wurden sie mißtrauisch.

Entweder, so rechneten sie sich aus, hatten die Vertreter der Gläubigerbanken gelogen, als sie von einem einzigen ernsthaften Interessenten sprachen. Oder die Firma Becker & Kries, die plötzlich als Kreisel-Retter gefeiert wurde, hatte in acht Tagen den Senat mit Zahlen überfahren, die unter normalen Umständen nur in monatelanger Kleinarbeit zu ermitteln sind.

Becker & Kries will in den vier überirdischen Geschossen des Flachtraktes Appartements für westdeutsche Arbeitnehmer und eine Art Jugendhotel einrichten. Der Bau ist jedoch dafür nicht konzipiert: Nur die Räume an den Außenseiten haben Fenster.

Kein Problem für Becker & Kries: Die Aufgabe, Licht in einen Bau ohne Fenster zu bringen, haben sie, anders als die Bürger von Schilda, gelöst: Der Bau wird zumindest teilweise -- abgerissen und dann mit Lichthöfen ausgestattet.

So ungewiß die Kosten dieses Umbaus blieben, so sicher erscheint der Bedarf an Steuergeldern: Weder Arbeitnehmerwohnungen noch Jugendhotel werden ohne neue Staatszuschüsse gebaut oder rentabel betrieben werden können.

Vollends ratlos wurden die Experten aus dem Wirtschaftsressort, als die Finanzverwaltung ihre Vorliebe für die Berliner Makler auf verschämte Art noch deutlicher machte. Die Finanzmänner nämlich scheinen inzwischen bereit, mit Becker & Kries selbst dann abzuschließen, wenn die Nutzung des Flachtraktes -- seit der Kreisel-Pleite das schwierigste Problem -- noch nicht endgültig feststeht.

»Das geht uns nichts an«, findet Senatsdirektor Brunner von der Finanzverwaltung. »Das ist privates Risiko.«

Dieses private Risiko allerdings ist so privat nicht. Jeder Bürger, der Steuern zahlt, ist nämlich am Ende mit dabei.

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