Lidl-Datenskandal Brisante Papiere in der Mülltonne

Regina Schultze wollte eigentlich nur ihr Auto waschen - doch dabei fielen ihr stapelweise Firmenunterlagen des Discounters Lidl in die Hände. Weil die Frau der sorglose Umgang mit persönlichen Daten der Mitarbeiter empörte, könnte das Unternehmen jetzt Probleme bekommen.

Bochum - Es sollte schnell gehen, an jenem Mittwochnachmittag. Regina Schultze wollte ihren Wagen rasch durch die Waschanlage fahren, danach weiter zum Tennis. Einmal die Woche spielt die Bochumerin, meistens am Mittwoch.

Aber an diesem Tag ging es nicht schnell. Schultze hatte sich schon ein Ticket gezogen, musste mit ihrem silbernen Ford Ka aber warten, die Anlage war besetzt. Also begann die blonde 44-Jährige mit dem, was viele tun, wenn sie an der Autowaschanlage stehen: Sie räumte den Wagen auf. "Ich hatte noch verschiedene Papiere da drinnen liegen, habe sie zusammengeklaubt und wollte alles in den Mülleimer schmeißen", erinnert sie sich.

Doch der Mülleimer war schon voll - mit Papieren. "Da lag ein ganzer Haufen, das hat mich stutzig gemacht", erzählt Schultze. Ganz oben fand sie Formulare, in denen handschriftlich Krankheitstage von Mitarbeitern eingetragen waren. Weil sie inzwischen mit ihrem Auto an der Reihe war, griff Schultze instinktiv eine Handvoll der seltsamen Zettel, setzte sich in ihr Auto - und während der Wagen durch die Waschanlage geschoben wurde, las sie die Dokumente durch.

Lohnabrechnungen und Kontodaten

Was sie dabei fand, löste erst Befremden und dann Empörung aus: "Da waren Lohnabrechnungen von Mitarbeitern mit dem Gehalt und den Kontodaten." Außerdem Kopien von Sozialversicherungsausweisen. Ein Bescheid der Stadt Bochum über den Grad der Schwerbehinderung einer Mitarbeiterin. Kündigungsschreiben und interne Bewertungen von Personal in der Einarbeitungsphase. Alles mit den vollen Namen, zu großen Teilen mit dem Geburtsdatum und teilweise mit den privaten Adressen.

Sämtliche Papiere und Listen stammten von einem einzigen Unternehmen: Lidl. Der Discounter zählt in Deutschland zu den größten Handelsunternehmen - und hatte bereits in der Vergangenheit Schlagzeilen mit seiner eigenwilligen Personalpolitik gemacht.

Vor allem fielen Schultze bei ihrem Fund im Mülleimer Formulare auf, in denen die Krankentage der Mitarbeiter protokolliert wurden. Neben dem Namen der Mitarbeiter und der Dauer ihrer Abwesenheit wurde da in einer separaten Spalte auch der "Grund der Krankheit" aufgezeichnet. Da findet sich zum Beispiel bei Frau O.* die Bemerkung "Will schwanger, Befruchtung nicht funktioniert". Bei Frau M. heißt es "Stationäre Behandlung in Neurologischer Klinik". Frau R. hat "private Probleme", bei Frau C. heißt es, sie habe eine "Operation, Tumor, aber gutartig".

Regina Schultze ist sicher niemand, der jeden Paragrafen des Arbeitsrechts auswendig kann. Aber sie hat ein Gespür dafür, was richtig ist und was falsch. Sie ist bei der Stadt Bochum angestellt und fährt dort die Straßenbahn. "Das sind doch eigentlich Daten, die keinen etwas angehen", sagt sie. Und deshalb beschloss sie, nicht einfach zu vergessen, was sie gefunden hatte.

Sorgloser Umgang mit Daten

Zum Verhängnis wurde Lidl dabei die Affäre aus dem vergangenen Jahr. Im März 2008 hatte der "Stern" enthüllt, dass Lidl systematisch Detektive in Filialen geschickt hatte, die dort heimlich die Mitarbeiter ausspähten. Sie notierten, wer tätowiert war, wer ein verschwitztes T-Shirt trug oder wer mit wem womöglich ein Liebesverhältnis unterhielt. Bundesweit hatten Datenschützer Ermittlungen aufgenommen, im September des vergangenen Jahres schließlich wurde der Discountriese wegen Datenschutzverstößen zu einer Geldbuße von mehr als einer Million Euro verdonnert.

Daran erinnerte sich Schultze, als sie die Unterlagen in der Hand hatte. "Mir fiel wieder ein, dass da was war, dass die bei Lidl ihre Arbeitnehmer ausspioniert haben - deshalb hat es mich umso mehr geärgert, dass die so sorglos mit so brisanten Daten umgehen." Sie setzte sich zu Hause also vor ihren Rechner, recherchierte ein wenig, ob ihre Erinnerung richtig war - und schrieb einen Tag später schließlich eine E-Mail an SPIEGEL ONLINE, in der sie von ihrem Fund erzählte und anbot, die Unterlagen weiterzugeben.

Doch damit nicht genug - denn Schultze hatte bei ihrem Zufallsfund nur rund 30 Blätter eingesteckt. In dem Mülleimer lagen aber rund 300. Nach einem Telefonat mit SPIEGEL ONLINE fuhr sie deshalb am Freitagabend noch einmal bei der Waschanlage in der Dorstener Straße vorbei - in der Hoffnung, dort den Rest der Papiere noch zu finden. Sie hatte Glück: Im Mülleimer lag noch immer der Stapel.

Empörte Datenschützer, ungläubiges Lachen bei Lidl

Was Schultze instinktiv für brisant hielt, sorgt bei Datenschützern und Gewerkschaftlern für Empörung - vor allem im Fall der dokumentierten Krankheitsgründe. So wundert sich der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, über derartige Notizen. "Dass jemand sich einer Operation unterzogen hat oder beim Psychologen war, das sind alles hochsensible Daten. Solche Daten dürfen nur erfasst werden, wenn es dafür einen Grund gibt." Schaar ist der Ansicht, dass dies erneut ein Fall für die zuständige Aufsichtsbehörde ist. "Die müssen das prüfen. Dass man dabei zu dem Ergebnis kommt, das ist unzulässig, halte ich für ziemlich wahrscheinlich", sagt Deutschlands oberster Datenschützer.

Auch Ulrich Dalibor, Einzelhandelsexperte bei der Gewerkschaft Ver.di, zeigt sich empört: Es sei ein Skandal, dass Lidl weiterhin so tief in die Persönlichkeitsrechte seiner Mitarbeiter eingreife - obwohl das Unternehmen Besserung im Umgang mit seinen Angestellten gelobt habe. "Lidl hat scheinbar immer noch nicht begriffen, dass jeder Mitarbeiter eine Privatsphäre hat, die das Unternehmen nichts angeht."

Bei Lidl selbst wollte man an so viele Zufälle nicht glauben. Als SPIEGEL ONLINE in der vergangenen Woche mehrere Mitarbeiter in Bochum über die brisanten Unterlagen aufklärte, kam immer wieder die Frage, woher man diese denn habe. Auf die Antwort, die Papiere seien im Mülleimer einer Autowaschanlage gefunden worden, gab es nur ungläubiges Lachen. Dass ein Mitarbeiter solche Unterlagen einfach in einem öffentlichen Papierkorb entsorgt - das konnten und wollten die Discount-Mitarbeiter nicht glauben.

Mit Regina Schultze rechnet man bei Lidl eben nicht.

(*Alle Namen von Lidl-Mitarbeitern sind verändert oder abgekürzt)

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