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MILLIONÄRE Liebe Im Gold-Salon

Die affärenreiche Geschichte der Guggenheims, der einstmals reichsten Bergbau-Industriellen der Welt, zeichnete ein amerikanischer Historiker nach.
aus DER SPIEGEL 21/1978

Simon Meyer Guggenheim, 55, Witwer und Vater von sechs Kindern, und Rachel Weil Meyer, 41, Witwe und Mutter von sieben Kindern, versuchten vergeblich, den Gemeindevorstand des kleinen Schweizer Dorfes Lengnau (Kanton Aargau) davon zu überzeugen, daß sich im Dutzend billiger leben lasse.

Die christlichen Bürokraten verweigerten die Heiratserlaubnis für den jüdischen Dorf-Schneider und seine Auserwählte, weil das Paar nicht genügend Geld für die Ehe habe -- eine Entscheidung, die zum Startsignal für den Aufbau des mächtigsten Industrie-Imperiums werden sollte, das je ein jüdischer Familien-Clan regierte.

Ende des Ersten Weltkriegs -- rund 70 Jahre nach dem Heiratsverbot für Simon M. Guggenheim in der Schweiz -- kontrollieren die Enkel des armen Schneiders 75 bis 80 Prozent der Weltproduktion an Silber, Kupfer und Blei. Darüber hinaus gebieten sie über einen Trust, in dem die größten Erzschmelzen und -raffinerien der USA vereinigt sind.

Die Guggenheims besitzen Diamanten-Minen in Angola und Belgisch-Kongo, Zinngruben in Bolivien und Malaya, Gold-Claims in Mexiko und Alaska. Anteile an Kohlevorkommen in Alaska und Kautschuk-Plantagen am Kongo arrondieren das Rohstoff-Reich der Familie Guggenheim.

Mit einem Rein-Vermögen von 250 bis 300 Millionen Dollar (heutige Kaufkraft: 850 Millionen bis eine Milliarde Dollar) zählen die Nachfahren des Schneidermeisters aus der Schweiz Anfang der zwanziger Jahre zu den fünf reichsten Familien der USA: neben den Rockefellers, Mellons, Vanderbilts und Fords. Und von allen millionenschweren jüdischen Sippen auf der Welt übertrifft allein die Bankiers-Dynastie der Rothschilds mit ihrem schon legendären Reichtum den wirtschaftlichen Erfolg der Guggenheims.

Heute -- weitere 50 Jahre später -- steht der Name Guggenheim nicht mehr für Macht, Metall und Minen, sondern für moderne Kunst und weitsichtiges Mäzenatentum. Im Guggenheim-Museum in New York und im Palazzo Yenier dei Leoni an Venedigs Canale Grande haben Guggenheims zwei der wertvollsten Sammlungen moderner Malerei zusammengetragen.

Dutzende von später nobelpreisgekrönten Wissenschaftlern, von schließlich gefeierten Autoren und Künstlern konnten in jungen Jahren als sogenannte Guggenheim Fellows ohne die Last finanzieller Sorgen studieren, schreiben und komponieren.

Guggenheim-Stiftungen finanzierten Robert Goddards bahnbrechende Raketen-Experimente und einen großen Teil der späteren amerikanischen Luft- und Raumfahrtforschung. Guggenheim-Gelder halfen dem Anthropologen L. S. B. Leakey, in Ostafrika auf die Suche nach dem prähistorischen Menschen zu gehen.

Den glanzvollen Aufstieg der Guggenheims aus dem Getto in Lengnau an die Spitze des größten Minenkonzerns der Welt und den späteren Zerfall der Kupfer- und Silberdynastie zeichnete nun der US-Historiker John H. Davis in seinem Buch »The Guggenheims: An American Epic« nach*. Das mit Anekdoten gespickte Guggenheim-Epos zeigt die Vielseitigkeit dieser Industriellensippe, deren Mitglieder oft als Profitjäger, Philanthropen und Playboys zugleich erfolgreich waren.

Den Grundstock zum Riesen-Vermögen der Familie schuf Hausierer Meyer Guggenheim, der zusammen mit seinem über das Heiratsverbot erbosten Vater Simon 1847 in die USA ausgewandert war. Nach erfolgreichem Handel mit Ofenpolitur, Gewürzen und Schweizer Spitzen beteiligte sich der zum wohlhabenden Importkaufmann aufgestiegene Meyer 1881 mit 5000 Dollar an zwei Silber- und Bleiminen in Colorado.

Die Investition rentierte sich: Kurz darauf wurden in den bislang mit Verlust operierenden Bergwerken so starke Silber- und Bleiadern entdeckt, daß Meyers Minengewinn schon bald 750 000 Dollar (Kaufkraft heute: 4,5 Millionen Dollar) im Jahr betrug.

Weit erfolgreicher und wagemutiger noch als der alte Meyer erschlossen dessen sieben Söhne ständig neue Erz-Dorados. Die Guggenheim-Brüder sicherten sich die ergiebigsten mexikanischen Silber-, Blei- und Goldbergwerke und errangen das Bergbau-Monopol in

* John H. Davis: »The Guggenheims: An American Epic«; William Morrow & Co.; New York l978; 608 Seiten: 14,95 Dollar.

der Kupfer- und Diamanten-Kolonie Belgisch-Kongo.

Sie legten eine Eisenbahnlinie über Alaskas Gletscherströme, um an einen Berg fast reinen Kupfers am Kennecott Creek heranzukommen. Sie bauten einen modernen Hafen und einen 90-Kilometer-Aquädukt, um die größte Kupfermine der Welt, die Chuquicamata-Mine in den chilenischen Anden, ausbeuten zu können.

Zwischendurch tricksten sie noch die Rockefellers aus, die versucht hatten, durch einen Zusammenschluß der größten US-Erzschmelzen die Guggenheims in die Knie zu zwingen. Im Jahre 1901 errangen die Brüder die Majorität des Rockefeller-Metallkonzerns American Smelting and Refining Company und damit die Herrschaft über die Weiterverarbeitung der in Amerika geförderten Erze.

Der fähigste der Guggenheim-Brüder war Daniel ("Mistet Dan"), Meyers zweitältester Sohn, der in Hempstead House, einem schloßartigen Bau auf Long Island mit über 200 Bediensteten, residierte. Er entwarf die Anti-Rockefeller-Strategie, er führte die Brüder in Alaska, im Kongo und in Chile zum Erfolg. Er finanzierte später auch Raketen-Professor Goddard und alle anderen Raumfahrtpioniere der USA.

Doch wenige Jahre vor seinem Tod machte der dynamische Daniel einen schweren Fehler. Auf seinen Rat hin verkauften die Guggenheims 1923 knapp 53 Prozent ihrer Chuquicamata-Aktien für 70 Millionen Dollar (Einstandspreis der Brüder für die Mine im Jahre 1910: 25 Millionen Dollar).

Wiederum auf Dans Empfehlung hin bauten die Brüder dann mit dem Geld in Chile ein Salpeter-Monopol auf: »Chile-Salpeter«, frohlockte der Chef des Clans, »wird uns reicher machen, als sich selbst der Habsüchtigste träumen läßt.«

Die Salpeter-Spekulation erwies sich jedoch als teuerster Flop der Guggenheims. Dank eines deutschen Patents zur Herstellung synthetischer Salpeter-Säure brach die chilenische Salpeter-Industrie zusammen. Die Guggenheims verloren 1934/35 fast schlagartig über 60 Millionen Dollar und -- schlimmer noch -- ihren Midas-Nimbus.

Neben Daniel bauten vor allem dessen jüngere Brüder Murry, Solomon und Simon das Familien-Imperium auf. Als republikanischer Senator des Minen-Staates Colorado sorgte Simon zudem für politischen Flankenschutz. Um als Kandidat für den Senat aufgestellt zu werden, bestach Simon die Wahlmänner so offen, daß Guggenheim-Autor Davis dies »fast erfrischend« findet: Der Multimillionär stellte eine Liste aller Schmiergeld-Empfänger auf und drohte öffentlich, diese zu publizieren, falls er nicht nominiert werde.

Später führte er seine Millionen edleren Zwecken zu. Seine John Simon Guggenheim Memorial Foundation unterstützt besonders befähigte Wissenschaftler und Künstler durch großzügige Stipendien.

Sehr spendabel war auch Bruder Solomon, der eine riesige Acht-Zimmer-Suite im New Yorker Plaza-Hotel bewohnte. Den Plaza-Türhütern gab er beispielsweise 1000-Dollar-Trinkgelder, um seinen Pierce Arrow ständig neben dem Eingang parken zu dürfen.

Bei einer Fahrt über den Ärmelkanal brachte er den Kapitän mit Hilfe eines 10 000-Dollar-Trinkgeldes dazu, das Schiff mitten im Kanal zu wenden und nach Southampton zurückzukehren. Solomon-Tochter Eleanor hatte sich nämlich verspätet und ihrem Vater auf das Schiff telegraphiert, sie stehe nun am Pier bereit.

Noch großzügiger war Solomon gegenüber seiner großen Liebe, der deutschen Baronin Hilla Rebay von Ehrenwiesen, die er im Alter von 66 Jahren kennenlernte. Seinem »liebsten Hillachen« zuliebe, einer Malerin mit einem glühenden Engagement für die abstrakte Kunst, kaufte er die bedeutendste private Sammlung moderner Malerei zusammen und ließ den architektonisch kühnsten Museumsbau der Welt, das Solomon-R.-Guggenheim-Museum in Manhattan, errichten.

Bruder Benjamin, der größte Charmeur der Familie, ging mit der »Titanic« unter. Nach Aussagen von Überlebenden der Katastrophe warf sich Benjamin nach der Kollision des Schiffs mit einem Eisberg in seinen Abend-Anzug und lehnte einen Platz in den überfüllten Rettungsbooten ab, weil Frauen und Kinder zuerst zu retten seien.

William, der jüngste der Guggenheim-Brothers, benannte die Haupträume seines Hauses nach den Metallen, mit denen seine Familie ihr Vermögen gemacht hatte. In »Chambre de Cuivre« ging er beispielsweise seinen Studien nach, den »Salon d'Or« reservierte ei für die Liebe.

Der Guggenheim-Youngster, der sich wie Bruder Ren schon sehr früh aus allen Guggenheim-Geschäften zurückgezogen hatte, verschleuderte schließlich fast sein gesamtes Vermögen auf der immer hektischeren Jagd nach neuen Gespielinnen für den Goldsalon. In seinem Testament bedachte er zwar die letzten vier in der langen Reihe seiner Goldsalon-Besucherinnen mit je einer Million Dollar. Aber nach dem Kassensturz des Testamentsvollstreckers blieben der »Miss America« von 1929 und den drei anderen Schönen von dem. vermeintlichen Millionenerbe nur je 1305,04 Dollar.

Nach dem Tod der sieben Söhne Meyers ging es mit den Guggenheims rasch bergab. Denn zum Leidwesen der dynastiebewußten Familie zeigte sich. daß der Erwerbssinn der männlichen Guggenheims der dritten Generation bereits arg verstümmelt war.

Daniels Sohn M. Robert Guggenheim etwa tat sich nur durch ein diplomatisches Meisterstück hervor. Der von Eisenhower 1953 zum US-Botschafter in Portugal ernannte Amateur-Diplomat schleuderte bei einem Galadiner in Anwesenheit des portugiesischen Präsidenten mit seinem Löffel einen anderen Löffel so geschickt in die Luft, daß dieser ins Dekolleté einer portugiesischen Aristokratin fiel.

Galant ging Gentleman Robert dann daran, den Löffel zwischen den Pyramiden der geschockten Edeldame herauszufischen. Am nächsten Tag erklärte Lissabon den Botschafter zur Persona non grata.

Murrys Sohn Edmond A. Guggenheim spielte nach einer Gastrolle in der Familienfirma fast nur noch Golf, und Senator Simons Sohn George Denver Guggenheim setzte sich in einem Hotelzimmer ein Gewehr für die Großwildjagd an den Kopf und drückte ab.

Von den noch lebenden Mitgliedern der Familie schaffte es denn auch allein Marguerite ("Peggy") Guggenheim, eine Tochter des mit der »Titanic« versunkenen Benjamin, das ererbte Geld zu mehren. Mit dem relativ bescheidenen Einsatz von 250 000 Dollar baute die in einem venezianischen Palazzo residierende Kunstsammlerin eine Gemäldekollektion auf, die heute einen Marktwert von über 30 Millionen Dollar hat.

* Ein Showgirl, das William neben drei anderen Geliebten in seinem Testament bedachte.

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