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05. Juni 2008, 14:30 Uhr

Lieferboykott

Wie die Milchbauern die Revolte organisiert haben

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Es war ein Aufstand der Kleinen. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter hat geschafft, was dem großen Bauernverband über Jahre nicht gelungen ist: Er hat den Protest gegen die niedrigen Milchpreise organisiert und bundesweit Landwirte mobilisiert. Mit beachtlichem Erfolg.

Berlin - Gelassen ist er, trotz der Hektik. Fein säuberlich hat er auf seinem großen Schreibtisch die verschiedenen Papiere verteilt, mindestens zehn Stapel mit Faxen, Briefen und Positionspapieren liegen vor ihm. Zwei Handys klingeln abwechselnd und trotzdem lässt sich Hans Foldenauer nicht aus der Ruhe bringen. Seine Bewegungen sind entspannt, die Sätze kommen mit weichem Allgäuer Akzent, kein Satz zu viel kommt ihm über die Lippen.

Das Symbol des Streiks: Mit der Kuh Faironika protestieren die Milchbauern
DPA

Das Symbol des Streiks: Mit der Kuh Faironika protestieren die Milchbauern

So einen wie ihn braucht es wohl, um einen Aufstand zu organisieren: Seit mehr als zehn Tagen boykottieren die deutschen Milchbauern die Molkereien, haben mit ihrem Lieferboykott dafür gesorgt, dass in den Supermärkten erstmals seit Jahrzehnten die Milchregale leer blieben. Und dass sich mit Lidl der erste Discounter bereit erklärt hat, den Bauern mehr Geld für ihre Milch zu zahlen.

Organisiert hat das alles der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter, dessen Sprecher Foldenauer ist. Ein Verband, der bis vor kurzem nur Landwirtschaftsexperten ein Begriff war - und der geschafft hat, was der große Deutsche Bauernverband (DBV) seit Jahrzehnten nicht erreicht hat: Deutschlandweit haben sich Landwirte organisiert, sind auf die Straße gegangen, haben Molkereien blockiert. Milchbauern aus dem Ausland haben sich solidarisiert. Und selbst die Verbraucher haben die rebellierenden Bauern ins Herz geschlossen, die mit der kleinen, schwarz-rot-goldenen Kuh Faironika für faire Preise kämpfen.

"Gehen Sie heim und melken Sie Ihre Kühe"

Dabei hätte sich die Truppe um Foldenauer, den Vorsitzenden Romuald Schaber und ihre Mitstreiter den Erfolg nicht träumen lassen. Denn den eher kleinen Interessenverband gibt es erst seit exakt zehn Jahren, lange wurde er als Splittergruppe verlacht, die man nicht ernst nehmen wollte. "Habt Ihr denn überhaupt genug Geld", soll der Milchreferent des Bauernverbandes spöttisch gefragt haben, als die verzweifelten Milchviehhalter sich vor zehn Jahren selbständig machten. "Gehen Sie heim und melken Sie Ihre Kühe. Alles andere können wir besser", hat DBV-Chef Gerd Sonnleitner dem heutigen BDM-Sprecher Foldenauer vor ein paar Jahren mit auf den Weg gegeben.

Doch das Lachen ist dem mächtigen Bauernverband inzwischen vergangen: Inzwischen hat der kleine Gegenspieler 33.000 Mitglieder, die rund 45 Prozent der Milchproduktion bestimmen. Jetzt sitzen Foldenauer und seine Mitstreiter in einem provisorischen Büro am Berliner Kurfürstendamm und können immer noch nicht ganz fassen, welche Lawine sie losgetreten haben. "Die Dynamik hat uns überrascht", gibt Foldenauer ganz offen zu.

Dabei hat der Verband gezielte Aufbauarbeit geleistet: Vom Ortsverband über die Kreisebene bis hin zur Landesorganisation hat er sein Netzwerk gesponnen. Hat mit der Hilfe von Gewerkschaften Strategien erarbeitet und damit jenen Bauern aus dem Herzen gesprochen, die sich vom großen Dachverband DBV schon lange vernachlässigt fühlten. "Wir sind alle noch am Boden, kennen die Realität - und alle Mitglieder unsere Handynummern", begründet Foldenauer den Erfolg. Außerdem sei man absolut unabhängig, sitze - im Gegensatz etwa zu DBV-Präsident Sonnleitner - in keinerlei Aufsichtsräten.

"Der Deutsche Bauernverband hat die Milchbauern über Jahrzehnte vernachlässigt", begründet auch Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) den Erfolg des kleinen Verbandes. Schon immer seien die Produzenten von Zucker und Getreide in dem großen Dachverband stärker vertreten, die Milchbauern nicht ernst genommen worden. "Dass die sich selbst organisieren, damit hat niemand gerechnet", sagte Graefe zu Baringdorf. "Damit verliert der Bauernverband an Einfluss - und das tut ihm weh."

"Weitere werden folgen"

Tatsächlich könnte das Beispiel der Milchbauern Schule machen: Auch die Bauern aus anderen Bereichen organisieren sich inzwischen abseits des Bauernverbandes. Schon länger gibt es die Interessengemeinschaft der Schweinehalter, die explizit die "Wettbewerbsstellung der Schweinehalter bundesweit nachhaltig verbessern" wollen. Und erst im April hat sich der Bundesverband Deutscher Fleischerzeuger gegründet, weil sie "den Glauben, dass die Vertreter im Bayerischen Bauernverband höhere Preise durchsetzen können, verloren haben", wie es heißt.

"Weitere werden folgen, weil sie unzufrieden mit der Vertretung durch den Bauernverband sind", prophezeit auch Bärbel Höhn, Vize-Fraktionsvorsitzende und ehemalige NRW-Landwirtschaftsministerin der Grünen. Gerade bei den kleineren Betrieben brodele es. "Der BDM hat in kürzester Zeit für die Milchbauern mehr erreicht, als der Bauernverband durch 15 Jahre wortreiches Lamentieren. Deshalb bröckelt der Alleinvertretungsanspruch des Bauernverbandes immer mehr, die beobachten gerade hypernervös was vorgeht." Das allerdings wundert die Landwirtschaftsexpertin nicht: In Sonnleitners Verband – mit seiner Maxime "Wachsen oder Weichen" - dominierten die Interessen der großen landwirtschaftlichen Betriebe und der Ernährungsindustrie.

Dort - beim Deutschen Bauernverband - will man von Konkurrenz allerdings nichts hören. "Ein Großteil der BDM-Mitglieder ist gleichzeitig bei uns organisiert", sagt Rolf Schmidt, Milch-Experte beim DBV. Man tausche sich über Positionen aus, auch wenn es inhaltliche Unterschiede gebe. Dass das Beispiel des BDM Schule macht, befürchtet Schmidt nicht: "Es gibt auch in anderen Bereichen eigene Interessenverbände, etwa bei den Geflügelherstellern oder den Schweinemästern."

Beim BDM nehmen sie die Aussagen des Bauernverbandes gelassen, der Erfolg gibt ihnen Recht. "Ich glaube, die Bauern wissen ziemlich genau, wem sie die Erfolge der letzten Tage zu verdanken haben", sagt Foldenauer mit einem leisen Lächeln. Schon wird unter den streikenden Bauern gelacht, die Milchbauern seien die GDL der Landwirte - in Anspielung auf den wochenlangen Streik der Lokführer, die schließlich einen besseren Tarifabschluss als die große Konkurrenzgewerkschaft Transnet erzielten. Deren Solidarität haben die Bauern allerdings tatsächlich: Erst vor kurzem trat Ex-GDL-Chef Manfred Schell im bayrischen Freising vor den Milchbauern auf. Seine Botschaft: Macht weiter so, denn Ihr habt Recht.

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