Lieferdebakel Betriebsräte kritisieren Missmanagement bei Airbus

Bei den Mitarbeitern von Airbus geht die Angst um - aber sie sind auch sauer. In einer Erklärung üben die Betriebsräte harsche Kritik am Management des Mutterkonzerns EADS. Unterdessen machen deutsche Politiker mobil, um die heimischen Airbus-Werke zu sichern.


Hamburg - "Planungen und Vorgaben zur Programmeinführung des A380 standen außerhalb jeglicher Realität", heißt es unverblümt in einer gemeinsamen Erklärung des Konzern- und Gesamtbetriebsrats von Airbus Deutschland und der IG Metall Küste. Gravierende Fehleinschätzungen des Managements seien die wesentliche Ursache für die aktuelle Krise. Für den Fall eines drohenden Beschäftigungsabbaus kündigte eine Gewerkschaftssprecherin in Hamburg Proteste an.

A380 in Toulouse: "Bund und Länder haben wesentliche Beiträge geleistet"
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A380 in Toulouse: "Bund und Länder haben wesentliche Beiträge geleistet"

Am Freitag sollen in Hamburg Belegschaftsvertreter von allen sieben deutschen Airbus-Standorten sowie von Zulieferfirmen zusammenkommen, um die von Airbus angekündigten Restrukturierungsmaßnahmen zu bewerten. In der vorliegenden Form würden die Maßnahmen nicht akzeptiert, heißt es in der Erklärung. Der Betriebsrat fordert, zunächst alle Details offen zu legen. Airbus beschäftigt in Deutschland an den Standorten Hamburg, Stade, Varel, Bremen, Nordenham, Buxtehude und Laupheim knapp 22.000 Mitarbeiter, davon allein rund 12.000 in Hamburg.

Die Airbus-Mutter EADS Chart zeigen hatte gestern eingeräumt, die Auslieferungen der A380 verzögerten sich durchschnittlich um ein weiteres Jahr. Mit dieser Nachricht übertraf das Management die schlimmsten Befürchtungen. Ferner kündigte der Konzern ein Kostensenkungsprogramm "Power 08" an, das ab 2010 pro Jahr Einsparungen von mindestens zwei Milliarden Euro bringen soll. Details nannte der Konzern aber nicht.

Glos: Airbus steht in der Pflicht

Befürchtet wird, dass ein Teil der Produktion von Hamburg nach Toulouse verlegt wird und dabei Arbeitsplätze in Deutschland gestrichen werden. Die Furcht vor den Folgen der Krise hat auch die Bundesregierung auf den Plan gerufen. So will Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sich morgen mit dem neuen Airbus-Chef Christian Streiff zum Krisengipfel treffen - und die Nachricht ist klar. Airbus soll nachdrücklich an seine Verantwortung gegenüber den deutschen Standorten erinnert werden. Denn Berichten zufolge plant das Management, die A380-Produktion weitgehend in Toulouse zu konzentrieren. Eine Horrorvorstellung etwa für die Stadt Hamburg - wo unzählige Zulieferer von der Produktion abhängig sind und Millionen in die nötige Infrastruktur investiert wurden.

"Bund und Länder haben in den vergangenen Jahrzehnten wesentliche Beiträge zur Erfolgsgeschichte von Airbus geleistet, verbunden mit dem Aufbau von technologisch hochwertigen Arbeitsplätzen", sagte Glos denn heute auch noch mal in Richtung Paris.

Die Fortsetzung dieses Engagements sei nur dann vertretbar, wenn ein ausgewogenes Gesamtkonzept zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit realisiert wird. Zuvor hatten die Grünen schon verlangt, Airbus zu Rückzahlungen zu zwingen, sollten die Produktionsabläufe wirklich komplett umgestellt werden.

"Die Bundesregierung erwartet vom Management geeignete Maßnahmen, um die Probleme beim industriellen Hochlauf der A380 zu meistern und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu sichern", sagte Glos außerdem. "Ich gehe davon aus, dass die unvermeidlichen Schritte zur Effizienzsteigerung und Kostensenkung dabei für alle Standorte ausgewogen erfolgen und gegebenenfalls Lasten fair verteilt werden", fügte er hinzu. Dies sei ihm in bisherigen Gesprächen mit der Spitze von EADS ausdrücklich bestätigt worden. In welchem Rahmen und vor allem wo im Zuge der Sanierung Stellen eingespart werden ist die Frage, die die Airbusmitarbeiter wohl am meisten umtreibt. Glos will wohl auch dieses Problem morgen angehen. Er wolle sich bei dem Treffen morgen von Streiff über die im "Einzelnen notwendigen Schritte informieren lassen", erklärte er.

Sollten die Einschnitte für die deutschen Werke zu hart sein, könnte das Engagement der Bundesregierung sogar noch größer werden. Wie der SPIEGEL bereits berichtete, prüft die Bundesregierung einen Einstieg bei der Airbus-Mutter EADS. Diskutiert wird, ob die bundeseigene KfW Bankengruppe zeitweise EADS-Anteile übernimmt, falls DaimlerChrysler ein weiteres Aktien-Paket verkauft. Dies sei eine "theoretische Möglichkeit", die aber aktuell nicht verfolgt werde, sagte ein Regierungssprecher.

Aktienkurs fällt um zwölf Prozent

Investoren haben den Luft- und Raumfahrtkonzern EADS unterdessen wegen des A380-Debakels gründlich abgestraft. Am Mittwoch stürzte der Kurs des Papiers an der Pariser Börse um bis zu zwölf Prozent ab. Verschiedene Großbanken senkten ihre Kursziele für die Aktie von EADS.

Der Investmentbank Morgan Stanley Chart zeigenzufolge hätte vor allem die Schwere der Krise die Anleger überrascht. Durch die Liefer-Verzögerung wird das Ergebnis des Konzerns bis 2010 um insgesamt 4,8 Milliarden Euro belastet, nachdem bei der vorherigen Verschiebung der Lieferpläne im Juni noch von Belastungen von zwei Milliarden Euro die Rede war. Für Morgan Stanley ist klar: EADS muss Werke schließen und einen größeren Teil der Fertigung aus dem Euro-Raum herausverlagern, um seine Gewinnmargen langfristig zu verbessern, wie Analyst Scott Babka forderte.

ase/AP/dpa/Reuters



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