Lieferprobleme Neuer Ärger mit Chrysler

Auf die neue deutsche Führungsriege von Chrysler kommen weitere Probleme zu: Lieferengpässe beim Hoffnungsträger PT Cruiser könnten Kunden wie Anleger verschrecken.


Detroit - DaimlerChrysler will so schnell wie möglich die US-Sparte Chrysler kräftig umkrempeln. Noch in dieser Woche solle eine neue Geschäftsleitung ernannt werden, meldete die "Financial Times" am Donnerstag. Für kostendämpfende Maßnahmen soll nach den Informationen der Zeitung Wolfgang Bernhard sorgen, der jetzige Geschäftsführer der Mercedes-Benz-Tochter AMG. Bernhard werde voraussichtlich unter Dieter Zetsche, der Chrysler-Präsident werden solle, als Chief Operating Officer tätig sein. Chrysler wolle zwei Milliarden Dollar für Kostensenkung und Ertragssteigerung ausgeben.

Lieferengpässe: Der Chrysler PT Cruiser

Lieferengpässe: Der Chrysler PT Cruiser

Auf die neue Führungsriege wartet allerdings schon ein neues Problem, das zu einem lang anhaltenden Imageverlust der US-Marke führen könnte. Wie erst jetzt bekannt wurde, musste DaimlerChrysler seine Vertragshändler in den USA unlängst vor möglichen Lieferrückständen beim populären PT Cruiser warnen. Wie aus einem Anfang des Monats verschickten Memo hervorgeht, wies der Konzern die Händler darauf hin, dass im kommenden Jahr nicht genug der Wagen im Retrodesign gebaut werden könnten, um alle Bestellungen zu bedienen. Einige Interessenten müssten bis Mitte 2001 warten - und möglicherweise zudem die im kommenden Jahr gültigen Preise zahlen.

Das DaimlerChrysler-Werk in Toluca, Mexiko, kann den Angaben zufolge rund 120.000 PT Cruiser im Jahr fertigen. Im August dieses Jahres sollen dem Automobilkonzern jedoch schon bis zu 100.000 Bestellungen vorgelegen haben. Um die Engpässe zu überbrücken, soll DaimlerChrysler schon Hunderte von Angestellte in den USA aufgefordert haben, ihre geleasten Fahrzeuge bis Freitag zurückzugeben, damit diese an die Händler weitergegeben werden könnten. Um der Nachfrage nachzukommen, werde man versuchen, die Produktion im Werk von Toluca zu steigern, erklärte ein Konzernsprecher am Mittwoch.

Vertrauensverlust an der Börse

Imageprobleme drohen nicht nur bei den Kunden. Auch bei den Analysten und Anlegern schwindet das Vertrauen in eine profitable Zukunft des deutsch-amerikanischen Konzerns. Mehrere namhafte Investmentbanken haben das Papier des Autoherstellers herabgestuft. Am Mittwoch hatte die US-amerikanische Zeitung "Detroit News" unter Berufung auf interne Unternehmensschätzungen berichtet, Chrysler werde Verluste in Millionenhöhe verzeichnen. Daraufhin hatte zunächst die Investmentbank Merrill Lynch ihre Gewinnprognosen reduziert.

Am Donnerstagmorgen zog Goldman Sachs nach und stufte die DaimlerChrysler-Aktien von "Market Outperform" auf "Market Perform" herab. Darüber hinaus reduzierte das Investmentinstitut das Kurzsziel von 75 Euro auf 50 Euro. Wie die Analysten in einer am Donnerstag in London veröffentlichten Studie schreiben, rechnen sie im Jahr 2000 bei dem Automobilkonzern nur noch mit einem Gewinn je Aktie (EPS) von 4,17 Euro. Ursprünglich gingen die Experten von 6,60 Euro aus. Für das kommende Jahr senkten sie ihre EPS-Schätzung von 4,73 Euro auf 3,94 Euro.

Die rückläufigen Prognosen reflektierten neben der steigende Unsicherheit am nordamerikanischen Automobilmarkt auch die anhaltenden Probleme von Chrysler, hieß es. Bedenken, denen zufolge Chrysler im kommenden Jahr Verluste einfahren werde, erscheinen dem Finanzinstitut allerdings zu pessimistisch. Die Situation am Automarkt könne sich jederzeit ändern.

Den voraussichtlichen Wechsel in der Chrysler-Chefetage bewerteten die Experten als positiv. Mit Dieter Zetsche als möglichem Chrysler-Chef gewinne die US-amerikanische DaimlerChrysler-Tochter einen Mann mit internationalen Erfahrungen und guten Erfolgschancen bei neuen Unternehmenskonzepten. Allerdings wird sich die Aktie nach Ansicht von Goldman Sachs erst erholen, wenn Details des Restrukturierungsplans bekannt gegeben werden.

Die Aktie des Konzerns gab nach den Herabstufungen der Investmentbanken auch am Donnerstag wieder kräftig nach. Gleichzeitig kursierten am Markt Gerüchte um eine weitere Gewinnwarnung. Am Mittag wurde das Papier an der Frankfurter Börse rund 3,8 Prozent unter Vortagesniveau gehandelt. Der Dax lag gleichzeitig mit rund 1,5 Prozent im Minus.



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