Lipobay Staranwalt Witti will Bayer angreifen

Der umstrittene Münchener Staranwalt Michael Witti hat sich als Vertreter für frühere deutsche Zwangsarbeiter einen fragwürdigen Ruf erworben. Nun versucht er es erneut: Eine Sammelklage der Geschädigten durch das Medikament Lipobay will er zu einer "unbezifferbaren Bedrohung" gegen den Bayer-Konzern schmieden.


Witti und Moll - Die Vertreter der Anklage
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Witti und Moll - Die Vertreter der Anklage

Berlin - Die Inszenierung verläuft perfekt. In breitem Berlinerisch schildert der ältere Herr, wie seine Frau über mehrere Jahre die Wunderpillen des Bayerkonzerns gegen Bluthochdruck verschrieben bekam, wie die Herzrythmus-Störungen einsetzten bis die Ärzte schließlich festellten, "sie war vegiftet". Viel weiter kommt er nicht. Vom Tod seiner Frau spricht der Kläger nur noch unter Tränen. Minuten lang herrscht betretenes Schweigen im voll besetzten Pressesaal am Schiffbauerdamm.

So präsentierten am Montag Michael Witti und sein amerikanischer Kollege Kenneth Moll ihren neusten Fall: Über 2000 Geschädigte aus dem Pharma-Skandal um das Anti-Cholesterin Präparat Lipobay des Bayer-Konzerns will das deutsch-amerikanische Joint-Venture für Schadensersatz vor einem amerikanischen Gericht vertreten.

Witti wird hinterher sagen, dass Lipobay-Opfer, die gegenüber den Medien ihre persönliche Betroffenheit bezeugen, eine Ausnahme darstellen und nicht zur Regelerscheinung auf zukünftigen Pressekonferenzen der Anwälte werden sollen. Nur dieses eine Mal sollten also die Tränen des Mandanten eine "unbezifferbare Forderung" Wittis gegen Bayer befördern.

Aber die zentrale Frage beantwortet die Vorführung nicht: Warum wollen Witti und sein Partner für deutsche Mandanten gegen eine deutsche Firma eine Klage vor einem US-Gericht in Minnesota einreichen, wo Bayer lediglich eine Niederlassung unterhält? Witti weicht aus, kontert, lässt seinen amerikanischen Kollegen zu Wort kommen, und bleibt die Antwort dennoch schuldig.

Glaubwürdige Anwälte?

US-Anwalt Moll schildert dafür eloquent und wortreich, dass Bayer bereits 1997,1998,1999 und im Jahr 2000 Berichte der amerikanischen Food and Drug Administration über Lipobay (in den USA als "Baycol" vetrieben)ignoriert habe. Doch das deckt sich nicht mit den Angaben der Behörde selbst. Erst im Jahr 2001 veröffentlichte sie eine Warnung vor dem Bayer-Medikament, und dies zudem auf Veranlassung von des Konzerns selbst, der auf die Gefahren einer Überdosierung und der parallelen Einnahme eines weiteren Medikaments (Gemfibrozil)hinwies.

Diesen Einwand der Bayer-Führung will Moll, der bereits die Angehörigen von Unfallopfern in Folge fehlerhafter "Ford-Explorer"-Modelle und "Firestone"-Reifen erfolgreich vetrat, allerdings nicht gelten lassen. Bei 98 Prozent der untersuchten Todesfälle im Zusammenhang mit Baycol seien die Patienten ausschließlich mit diesem Medikament behandelt worden.

Zweifelhafte Reputation

So erscheint das Vorhaben der Witti-Moll-Allianz an diesem Tag nicht eben seriös. Aber der Medienauftritt zielt wohl weniger auf strenge Richter, denn auf eine außergerichtliche Einigung für der deutschen Mandanten mit dem Bayer-Konzern. Dabei vertritt Witti nach eigenen Angaben rund 2.000 Deutsche und "eine Handvoll" französischer, italienischer und amerikanischer Libobay-Geschädigte, gemeinsam mit dem US-Kollegen zudem noch Kläger aus Venezuela und Mexiko.

Die Anliegen der Opfer aus der Dritten Welt scheinen Witti dabei ebenso am Herzen zu liegen wie die Arbeitsbelastung von amerikanischen Gerichtsangestellten. Letztere werden nun davon profitieren, dass die Kanzleien Witti und Moll eine Sammelklage einreichen, die an die Stelle von tausenden von Einzelverfahren tritt. Die Urteile wären nach Wittis Ansicht ohnehin alle gleich ausgegangen: Die Schuld des deutschen Pharmagiganten am Tod von mehr als hundert und der Schädigung von tausenden Menschen sei so gut wie bewiesen, meint Witti.

Honoraraussichten sind bei US-Sammelklagen am höchsten

Dass sich die Umsetzung des Vorhabens, eine Klage von deutschen Mandanten vor einem US-Gericht einzureichen, schwierig gestalten dürfte, scheint Witti nicht zu stören. Vielmehr handele es sich um eine Frage der Gerechtigkeit, argumentiert das Anwaltsduo. Geschädigte von Lipobay, die unter anderem an Leber- und Nierenschäden leiden, sollten unabhängig von ihrem Herkunftsland eine gerechte Entschädigung in gleicher Höhe bekommen. Dies sei nun mal der "Preis der Globalisierung", sagt Witti: Opfer erster, zweiter und dritter Klasse dürfe es nicht geben, wobei letztere Witti zufolge in den Ländern Mexiko und Venezuela zu vermuten sind und folgerichtig nicht über eine ausreichende Klagemacht verfügten, um sich mit dem großen Bayer-Konzern alleine anzulegen.

Mit dem Schicksal der Armen und Unterdrückten dieser Welt begründet Witti so seinen scheinbar heroischen Einsatz für die Anrufung der amerikanischen Justiz. Diese verfügt über die äußerst hilfreiche Errungenschaft der "multi-district-litigation", die eben Sammelverfahren ermöglicht: Alle Einzelklagen gegen einen Beklagten werden an einem Gerichtsstand zusammengefasst.

Die andere Konsequenz dieses Verfahren erwähnt Witti nicht: Nirgendwo sonst können Schadensersatzklagen solch exotbitante Honorare für einige wenige Anwälte erbringen.

Bastian Bechtle



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