Lkw-Abgabe Neun von zehn Mautbrücken sind deaktiviert

Mit der Lkw-Maut will sich die Bundesregierung die Kassen füllen. Tatsächlich aber läuft das System nur mit angezogener Handbremse. Nur ein kleiner Teil der Kontrollgeräte an den Autobahnen ist aktiviert. Die vollständige Überwachung ist den Verantwortlichen zu teuer.

Hamburg/Mainz - Ein Toll-Collect-Sprecher bestätigte gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass nicht alle Mautbrücken ständig im Beweismittelversand gegen Mautpreller aktiviert sind. Lediglich zehn Prozent meldeten an die Zentrale.

"Eine 100-Prozent-Erhebung wäre angesichts des Aufwands nicht wirtschaftlich", sagte er zur Begründung. Je höher die Kontrolldichte, desto mehr Kosten entstünden. Welche Brücken scharf geschaltet werden, entscheidet demnach das Bundesamt für Güterverkehr, das für die Verfolgung der Mautpreller zuständig ist. Theoretisch sei eine vollständige Kontrolle aber technisch möglich.

Das Betreiberkonsortium reagierte damit auf einen Test des ZDF-Magazins "Frontal 21", das die Funktionsfähigkeit der Maut-Brücken überprüft hatte. Der zuvor zur Mauterfassung eingebaute Bordcomputer in einem Lkw wurde dazu deaktiviert. Anschließend befuhr der Lastwagen einen gebührenpflichtigen Streckenabschnitt.

Das Ergebnis des Versuchs, den "Frontal 21" zuvor beim Betreiberkonsortium Toll Collect angemeldet hatte, fiel katastrophal aus. Denn eigentlich hätten die an den Autobahnen installierten Maut-Brücken den Gebührenpreller registrieren müssen. Dennoch kamen die Tester ungeschoren davon. "Frontal hat Glück gehabt", kommentierte der Toll-Collect-Sprecher das Testergebnis.

Die Lkw-Maut hatte Anfang Januar mit großer Verspätung den Betrieb aufgenommen. Inzwischen sind nach Angaben von Toll Collect knapp 380.000 elektronische Mautgeräte, so genannte On-Board-Units (Obu), in in- und ausländischen Fahrzeugen eingebaut. Damit ist laut Bundesverkehrsministerium ein hohes Maß an Marktdeckung bereits erreicht. "Rund 77 Prozent der Lkw-Fahrten werden mit einer Obu durchgeführt", sagte Verkehrsminister Manfred Stolpe vergangenen Freitag. 23 Prozent entfallen demnach auf Tickets an Kassenautomaten und das Einbuchen über das Internet.

Die Kontrolle der Maut übernehmen die rund 300 fest installierten Brücken. Sensoren ermitteln zuerst per Umriss-Scan jeden mautpflichtigen Lkw im Verkehr, eine Kamera nimmt dann mehrere digitale Bilder seines Kennzeichens auf. Gleichzeitig wird festgestellt, ob das Fahrzeug mit einem Fahrzeuggerät ausgerüstet ist. In diesem Fall werden vorliegende Daten der Mauterhebung vom Obu zur Kontrollbrücke übertragen und mit den erfassten Kontrolldaten verglichen.

Ist das Fahrzeug nicht mit einem Obu ausgerüstet, wird dessen Kennzeichen automatisch mit der Liste aller manuellen Einbuchungsdaten abgeglichen. Dabei wird erkannt, ob der Fahrer die Maut entsprechend der Achszahl und Schadstoffklasse des Fahrzeugs für die überprüfte Strecke gezahlt hat.

Die Beanstandungsquote bei Mautprellern und sonstigen Nicht-Zahlern hat sich nach Ministeriumsangaben bei drei Prozent eingependelt. Der Umfang der Einnahmen aus Bußgeldverfahren sei noch nicht bekannt. Das Regelbußgeld liege zwischen 75 Euro bei Fahrlässigkeit des Lkw-Fahrers und 300 Euro bei Vorsatz des Fuhrunternehmers.

Jörn Sucher

Mehr lesen über