Lkw-Maut Brummiplage im Elefantendorf

Während der Bundesverkehrsminister über den Maut-Erfolg jubelt, leiden die Anwohner an Ausweichstrecken unter den Mautflüchtlingen. An der B6 im sächsischen Dorf Kühren hat sich der Schwerlastverkehr vervierfacht. Die Bürger fühlen sich im Stich gelassen.

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Kühren-Einwohner Dittert: "Lebensqualität in Grund und Boden gefahren"
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Kühren-Einwohner Dittert: "Lebensqualität in Grund und Boden gefahren"

Kühren-Burkartshain - So hatten sich die Menschen im sächsischen Kühren das mit dem Elefantendorf eigentlich nicht vorgestellt. Eine nette, kleine Legende wollten sie pflegen. Die Geschichte von dem Elefanten, der nur ein Heißluftballon war und den ein Bauer aus Kühren vor mehr als hundert Jahren auf seinem Feld mit der Schrotflinte erlegt haben soll. Ein mannshohes Denkmal haben sie dem vermeintlichen Dickhäuter gesetzt. Die Skulptur steht auf dem Dorfplatz gegenüber der Gaststätte, die natürlich "Zum Elefanten" heißt.

Derzeit jedoch erscheint das Wahrzeichen des Dorfes in einem völlig neuen Licht.Die Elefanten sind zur Plage geworden, und an einen Abschuss ist nicht zu denken. Seit auf deutschen Autobahnen für Lastwagen über zwölf Tonnen die Mautpflicht gilt, suchen sie Kühren heim. Mitten durch den 750-Seelen-Ort verläuft die Bundesstraße 6, die Leipzig und Dresden verbindet. Und weil die B6 in nur 15 Kilometern Entfernung parallel zur A14 verläuft, ist sie seit dem 1. Januar eine beliebte Ausweichstrecke für Lkw-Fahrer, die Gebühren sparen möchten. Wer will, kann von der polnischen Grenze über Bautzen ohne große Umwege über die Bundesstraße bis nach Leipzig fahren - ohne einen Cent Maut zu bezahlen.

100 Lkw in einer Stunde

80 bis 100 Lkw zählen die Anwohner der B6 in einer Stunde, die meisten sind auswärtige, etliche kommen aus Polen und Tschechien. Früher seien in vier Stunden so viele durch den Ort gekommen, sagt Jörg Grundig, der seit 1990 Bürgermeister der Gemeinde Kühren-Burkartshain ist und jetzt vor der Sparkassen-Filiale an der Hauptstraße steht. Wenn wieder ein 40-Tonner vorbeidonnert, unterbricht der 46-Jährige seinen Satz und zuckt mit den Schultern. "Es ist nicht die Geschwindigkeit." Belastend ist die Regelmäßigkeit, mit der Tag und Nacht Laster die abschüssige Straße herunterrollen und sich zwischen Supermarkt und Dorfplatz durchschlängeln. In der Gegenrichtung geben die Fahrer richtig Gas, wenn sie sich den Hügel hinaufkämpfen.

Bürgermeister Grundig: "Ich kann nicht die Straße sperren"
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99 Prozent der Brummi-Fahrer führen nicht schneller als 50 Stundenkilometer, sagt Grundig und zeigt auf den Geschwindigkeitsmesser auf der anderen Straßenseite, den Firmen aus dem Muldetalkreis gesponsert haben. Vor Jahren ist die B6 in Kühren noch 30er-Zone gewesen, doch dann habe "ein Professor" gegen einen Bußgeldbescheid Widerspruch eingelegt und die Rechtmäßigkeit der Geschwindigkeitsbegrenzung angezweifelt. Das Regierungspräsidium hat ihm Recht gegeben, seitdem gilt wieder Tempo 50.

Im sächsischen Wirtschaftsministerium kennt man die potenziellen Ausweichstrecken der Mautflüchtlinge. Aber erst im Sommer sei mit zuverlässigen Zahlen über die tatsächliche Zunahme des Schwerlastverkehrs auf der B6 zu rechnen, heißt es. Zwar erlaubt das Mautgesetz schon jetzt eine Mautpflicht auch für Bundesstraßen, allein die entsprechende Software von Toll Collect für die "On Board Units" ist noch nicht verfügbar. Ab 2006 sollen stark belastete Abschnitte von Bundesstraßen dann mit einer Maut belegt werden können, kündigte Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) jüngst in seiner 100-Tage-Bilanz an.Bis dahin wird in Kühren "die Lebensqualität in Grund und Boden gefahren", sagt Lutz Dittert.

Dittert sitzt in der Küche seines kleinen Hauses, direkt an der Hauptsstraße. Er hat das Fenster geschlossen, "damit wir uns besser unterhalten können". Die hölzerne Eckbank vibriert von Zeit zu Zeit. Zwei Meter vor dem Haus führt die B6 vorbei, die auf dieser Straßenseite nicht einmal durch einen Bürgersteig vom Grundstück getrennt ist. Der 52-Jährige ist Frührentner und viel zu Hause. "Dass es so schlimm kommt, damit hat keiner gerechnet", sagt er.

Parkende Autos sollen die Brummis vergraulen

In anderen Gemeinden mache sich der Bürgermeister für seine Menschen stark, sagt Dittert. "In Kühren hebt er nur seine Hände und sagt: 'Was soll ich machen?'" Aber Grundig wohne ja im Ortsteil Burkartshain. Durch Burkartshain dürfen keine Lkw fahren. Aber auch unter den Bürgern scheint die Solidarität Grenzen zu haben. "Alle jammern. Wenn es aber darum geht, etwas zu unternehmen ..." Dittert hebt die Hände und lässt sie auf den Tisch fallen. Bald will er mit seinem Nachbarn eine Bürgerinitiative gründen und für eine neuerliche Geschwindigkeitsbegrenzung kämpfen, oberstes Ziel sei aber eine Ortsumgehungsstraße.

Elefantendorf Kühren: Wahrzeichen in einem anderen Licht
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Bürgermeister Grundig ist ratlos. "Ich kann mich ja nicht hinstellen und die Straße sperren." Die Ortsumgehung stehe im sächsischen Verkehrswegeplan "unter ferner liefen" und sei "illusorisch", genau wie das Tempolimit. Die Verkehrsbehörde beim Landratsamt Grimma hat jetzt nach einem Ortstermin mit der Polizei beschlossen, das Parkverbot entlang der Hauptstraße abschnittweise aufzuheben. So sollen die Anwohner ermuntert werden, ihre Fahrzeuge als legale Hindernisse dort abzustellen. "Um die Lkw-Fahrer zu vergraulen", wie Grundig es ausdrückt.

Die Bürger hätten ihn ausgelacht.Erträglicher soll den Lärm die Sanierung der Straßendecke machen. Eine Fahrbahnhälfte hat bereits vor Jahren einen neuen Belag erhalten, im Sommer kommt die andere Seite dran. Monika Schliemann hofft, dass die Laster dann ruhiger an ihrem Wohnzimmerfenster vorbei gleiten. "Ich erschrecke mich jedes Mal, wenn die Gläser im Schrank klappern", sagt die 33-Jährige. Seit zwölf Jahren lebt sie mit ihrem Mann und den Schwiegereltern an der B6. Dank des großen Hofes brauchen ihre drei Kinder wenigstens nicht über die Straße, wenn sie einen Platz zum Spielen suchen.

Imbiss profitiert

Ein paar Kilometer hinter Kühren, wo die B6 sich durch den Wermsdorfer Forst windet, steht ein Imbiss am Straßenrand. Auf dem großen Schotterparkplatz halten zwei Lkw. Die Kennzeichen verraten, dass sie aus der Gegend kommen. Männer in Blaumännern sitzen auf Plastikstühlen in der Sonne oder stehen im Bretterverschlag. Es gibt Bratwurst, Spiegeleier mit Leberkäse und starken Kaffee. Nein, nein, sagt der Mann hinter dem Tresen, er profitiere nicht von den Mautflüchtlingen, nur ein klein wenig vielleicht. 80 Prozent sei Stammkundschaft.

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"Wissen Sie", sagt er dann. "Das ist doch eine Sache der kleinen Dörfer, wo die alten Leute sich aufregen, wenn sie jetzt mal zwei Minuten warten müssen, wenn sie über die Straße wollen." Der Imbissbetreiber wohnt in einem kleinen Ort in der Nähe. Ein Ort, durch den die nicht B6 führt.

In Kühren hat der Bürgermeister keine Lust mehr, Bürgermeister zu sein. Er kann die Kritik der Bürger an ihm nicht verstehen. Vielleicht, sagt Grundig, vielleicht ändere sich im nächsten Jahr etwas, wenn die B6 zur Mautstrecke würde. Lutz Dittert weiß nicht, ob man so lange warten kann. "Es ist traurig", sagt er. "Aber es muss wohl erst ein Unfall passieren, bevor sich etwas tut."



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