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HANDEL Locker in bar

Verbrauchermärkte, die Konkursware und andere Sonderposten verramschen, machen dem regulären Einzelhandel unliebsame Konkurrenz. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Auf den ersten Blick sehen die Läden wie Tausende anderer Verbrauchermärkte aus. Das Angebot in den drei Oldenburger Geschäften Ulrich Zimmermanns oder in den drei norddeutschen »Krümet«-Märkten reicht von Bonbons bis zu Blusen, von Comic strips bis zu Camping-Stühlen.

Bei genauerem Hinschauen fallen allerdings seltsame Lücken und noch seltsamere Schwerpunkte im Sortiment der Läden auf. Manch gängige Ware wie Milch oder Mineralwasser, Brot oder Zigaretten wird nicht angeboten. Schuhe und Textilien sind oft nur in wenigen Größen vorrätig.

Besonders hoch dagegen sind in den Zimmermann-Märkten die Stapel mit Snack-Gebäck und mit schokoüberzogenen Haselnüssen. Auch Strickwolle lagert reichlich in den Regalen. In den »Krümet«-Läden wiederum reihen sich bemerkenswert viele Weinflaschen mit süßen Spät- und Auslesen rheinhessischer Provenienz. Das Strickwoll-Angebot ist gar so groß, daß eine lange »Wollstraße« damit bepflastert ist. Der krause, scheinbar willkürlich gemixte Sortiment-Salat in den Krümet- und Zimmermann-Märkten ist unvermeidlich. Die sechs Läden gehören zu jenen Einkaufsquellen, in denen nur Sonderposten angeboten werden: Waren also die nicht (mehr) auf den üblichen Vertriebsschienen des Fach- und Versandhandels, der Warenhäuser und Supermarkt-Ketten verkäuflich sind.

Von solchen Geschäften kann der Kunde zwar nicht erwarten, daß mehrere Brotsorten, verschiedene Käse-Spezialitäten und Dutzende von Marken-Spirituosen feilgeboten werden. Auch muß er gelegentlich lange suchen, bis er zwischen Nußgebackenem und Finnischen Pralinen den Senf entdeckt oder unter den Rumkugeln und über den Gelee-Bananen die Dosen mit Austernpilzen aufspürt.

Doch für seinen Such-Einsatz wird der Besucher des Sonderposten-Markts mit Preisen belohnt, die deutlich unter denen im normalen Einzelhandel liegen. Bei Zimmermann wird der Lidschatten, für den im Kosmetik-Geschäft 6,99 Mark zu zahlen war, zum Super-Discountpreis von 1,50 Mark verramscht. Bei Krümet gibt es Damen-Stiefeletten aus Leder für 29,90, Jeans für 19,90 und Polohemden für 9 Mark.

Die Käufer kommen aus allen Schichten. Bei uns fährt auch der Herr Doktor im Mercedes vor«, hat Sonderposten-Händler Ulrich Zimmermann beobachtet. Daß die Sonderposten-Märkte mit oft verblüffend niedrigen Preisen bei qualitativ passabler Ware glänzen können, liegt vor allem an der Art ihres Wareneinkaufs. Die Billig-Händler decken sich nur mit Lebensmittel-, Textil- oder Geschenkartikel-Partien ein, die sie weit unter den üblichen Einstandspreisen erhalten.

Sonderposten-Händler schlagen zu, wenn Banken oder Konkursverwalter Brauchbares aus der Konkursmasse bankrotter Unternehmen bieten. Sie sind zur Stelle, wenn Importeure schnell größere Posten loswerden wollen - sei es, weil der Auftraggeber das Zeug wegen geringfügiger Abweichungen von der bestellten Größe nicht haben will; sei es, weil der Kunde die Lieferung wegen sonstiger kleiner Mängel zurückweist. Sonderposten-Verwerter kaufen unbeschädigt

gebliebene Warenvorräte auf die Versicherungsgesellschaften nach einem Brand oder Wasser-Rohrbruch in der Lagerhalle eines Versicherten übernommen haben. Sie schlagen überschüssige Versandhaus-Partien um und langen bei sonstigen Restbeständen zu.

Ein Schnäppchen besonderer Art gelang kürzlich den Krümet-Gesellschaftern Bernd Krüger und Ulrich Metzger. Die beiden kauften 250000 Flaschen des ehemaligen Weinhandelshauses Walter Seidel in Alsheim zu Schleuderpreisen auf.

Weinhandler Seidel war in den Strudel des Glykol-Skandals geraten und dadurch pleite gegangen. Die nicht mit Glykol versetzten Restbestände der Panscher-Firma werden nun bei Krümet angeboten, beispielsweise Auslesen des Jahrgangs 1983 zum Flaschenpreis von 3,75 Mark.

Neben den niedrigen Einstandspreisen entlasten auch, nach dem Aldi-Prinzip, niedrige Ladenmieten, karge Ausstattung, geringe Personalstärke und sehr hohe Umschlaggeschwindigkeit der Waren die Kostenrechnung der Sonderpostler. So schaffen es die Branchen-Außenseiter, selbst die erfolgreichsten Preisdrücker unter den etablierten Verbrauchermärkten noch um ein paar Prozente zu unterbieten.

»Wir liegen im Preis unter Aldi«, sagt Krümet-Mann Metzger, »und damit ist für uns und unsere Kunden die Welt in Ordnung.«

Unangenehm können die Billig-Anbieter für Fachhandler werden, die im Einzugsbereich von Sonderposten-Märkten liegen. So liefen die Geschäfte des Oldenburger Fahrradhandels deutlich schlechter, als Sonder-Händler Zimmermann im vergangenen Herbst plötzlich über 3000 Marken-Räder zu konkurrenzlos niedrigen Preisen auf den Markt warf. Der Billig-Anbieter hatte die Räder für insgesamt 500000 Mark übernommen, nachdem ein Gütersloher Hersteller in Konkurs gegangen war.

Ganz ohne Risiko läuft das Schnäppchen-Geschäft allerdings nicht. Die Zahl der Pleiten ist in dem Gelegenheitsgewerbe überdurchschnittlich hoch. Von 20 neuen Läden werden 19 schon wenige Monate nach der Eröffnung wieder dichtgemacht.

Den meisten Neulingen mangelt es an Eigenkapital und auch an betriebswirtschaftlichen Kenntnissen. Sie kennen nur ein einziges Geschäftsprinzip: möglichst schnell möglichst viel Geld machen.

Die Expansionsraten erfolgreicher Sonderposten-Händler allerdings sind weit höher als die der regulären Einzelhandelskonkurrenz. Die Krümet-Gründer Krüger und Metzger standen vor zehn Jahren noch persönlich auf dem Wochenmarkt, um Billig-Textilien zu verramschen. Heute setzen die beiden in »Deutschlands Super-Sonderposten-Markt« (Eigenwerbung) in Bönningstedt bei Hamburg und in zwei kleineren Verbrauchermärkten bei Stade zweistellige Millionenbeträge im Jahr um.

»Wir schnappen uns die ganz großen Partien«, erklärt Metzger selbstbewußt »weil die Anbieter wissen, daß wir das finanziell wuppen können.« Lieferungen im Wert von 300000 bis 400000 Mark, die wie alle Sonderposten sofort bar bezahlt werden müssen, finanzieren die Krümet-Inhaber locker aus dem laufenden Geschäft.

Rascher noch als die beiden Krümet-Gesellschafter baute der Oldenburger Zimmermann seinen Sonderposten-Handel aus. Als der diplomierte Kaufmann im Frühjahr 1982 sein erstes Geschäft aufmachte, wies die Eröffnungsbilanz seiner Firma nur ein Eigenkapital von exakt 5529,32 Mark aus.

Inzwischen hat das in eine GmbH umgewandelte Zimmermann-Unternehmen ein Stammkapital von 200000 Mark. Der Umsatz in den Märkten ist von einer Million Mark im ersten Jahr auf eine zweistellige Millionen-Summe hochgeschnellt.

Als Minderheitsgesellschafter hat Unternehmensgründer Zimmermann mittlerweile seinen Co-Geschäftsführer Thomas Weber in die Firma aufgenommen. »Ich will ja auch mal Urlaub machen«, begründet er diese Verstärkung an der Firmenspitze.

Um seinen Kunden ein möglichst kontinuierliches Warenangebot bieten zu können, hat Zimmermann sogar schon eine eigene Handelsmarke herausgebracht. Unter dem Namen »Wollprinz« verkauft der Billiganbieter, der früher überwiegend mit Konkursware handelte Strickwolle, die er in der DDR und Italien fertigen läßt.

Von einem solchen Schritt ins reguläre Gewerbe halten andere Sonderposten-Händler allerdings nicht viel. »Das können andere besser«, meint Krümet-Teilhaber Metzger, »dazu sind wir zu blöde.«

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