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02. Oktober 2007, 18:38 Uhr

Lokführer-Streik

Porsche und Co. fürchten Chaostage bei der Bahn

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Unsummen wird es die Wirtschaft kosten, wenn die Lokführer die Arbeit niederlegen. Daher arbeiten viele Unternehmen fieberhaft an Notfall-Plänen. Andere wie Autobauer und Hafenbetreiber sind vollkommen von einem funktionierenden Bahnbetrieb abhängig.

Hamburg – Die deutsche Wirtschaft rüstet sich für den Ernstfall: Selbst wenn die Lokführer die Arbeit am Freitag zunächst nur für ein paar Stunden niederlegen, ist das für viele Unternehmen eine logistische Herausforderung. Richtig schlimm wird es, sollte der Zank danach noch weitergehen. "Ein Bahnstreik kann im schlimmsten Fall die ganze Volkswirtschaft ins Chaos stürzen", sagt die Verkehrsexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert.

Zug im Porsche-Werk Leipzig: Täglich werden Karosserien angeliefert und Autos abtransportiert
Porsche AG

Zug im Porsche-Werk Leipzig: Täglich werden Karosserien angeliefert und Autos abtransportiert

Zwar sind einige Unternehmen vorbereitet, schließlich hat sich der Eklat zwischen der Gewerkschaft GDL und dem Bahnvorstand über Wochen angebahnt. Bei BASF etwa sind deshalb Lagerbestände aufgebaut worden. Der Chemieriese zog auch Transportaufträge zeitlich vor, wo immer es ging, und entwarf Pläne, wie man auf Binnenschiffe oder Lkw ausweichen kann.

Vielen Firmen nutzte die Vorlaufzeit jedoch wenig. Der Autobauer Porsche etwa ist in Leipzig schlicht abhängig vom funktionierenden Schienenverkehr. Die Produktion ist auf die punktgenaue Lieferung der Einzelteile abgestimmt. Die Karosserien etwa kommen täglich aus dem VW-Werk in Bratislava. Auf Lkw lassen sich solch sperrige Güter kaum transportieren. Die Lagerkapazität reicht gerade einmal für ein bis zwei Tage, "dann ist Schluss", sagt Porsche-Sprecher Albrecht Bamler.

Porsche pocht nun darauf, dass die Zulieferzüge auch bei einem Streik weiter zu der Fabrik rollen. Schließlich hat die Bahn versprochen, mit Hilfe verbeamteter Lokführer und der Nicht-GDL-Mitglieder zumindest 50 Prozent des Schienenverkehrs aufrechtzuerhalten.

Die deutschen Hafenbetreiber versuchten es heute mit einem Appell an die Lokführer, wenigstens die Züge zu den Häfen weiterzufahren. Sonst droht das Chaos: Allein in Hamburg müssen mehr als 9000 Container pro Tag mit der Bahn an- und abtransportiert werden.

Die deutsche Volkswirtschaft ist abhängig vom Schienenverkehr. "Die Bahn ist das Rückgrat der Volkswirtschaft", formuliert es Porsche-Sprecher Bamler. DIW-Expertin Kemfert hat verschiedene Szenarien durchgespielt, um die Folgen eines Lokführer-Streiks zu verdeutlichen: Schon wenn die GDL ein paar Tage nur 50 Prozent des Zugverkehrs lahmlegt, kostet das die Wirtschaft Kemferts Berechnungen zufolge täglich rund 45 Millionen Euro.

Allein zehn Millionen kommen demnach zusammen, weil der Güterverkehr bestreikt wird. Gerade die metallverarbeitende Industrie ist angewiesen auf den Transport über die Schiene, "oft ist das Material schlicht zu schwer, um es anders auf den Weg zu bringen", sagt Kemfert. In Aluminiumhütten seien die Schienen deshalb bis ins Werk gelegt. Aber auch die Chemie- und die Lebensmittelindustrie würde ein Streik hart treffen.

Wenn die Lokführer im Personenverkehr den Dienst verweigern, wird es richtig teuer. Gerade in Ballungsgebieten komme es dann zu chaotischen Zuständen, sagt Kemfert. "Die Bahn befördert rund fünf Millionen Menschen pro Tag. Viele müssten auf Taxis oder Mietautos umsteigen. Das kostet. Andere können sich das gar nicht leisten und kommen im schlimmsten Fall nicht zur Arbeit." Zumal zu allem Unglück auch noch S-Bahnen etwa in Hamburg und Berlin von Bahntöchtern betrieben werden. "Insgesamt kommt man sicher auf Kosten von 35 Millionen Euro pro Tag", sagt Kemfert.

Worst Case: 500 Millionen Euro Kosten pro Tag

Bahn und Gewerkschaft müssen sich deshalb so schnell wie möglich einigen, findet Kemfert. Ein Streik, der länger als eine Woche dauert, "ist nicht mehr vertretbar". Ein Ausstand, der sich einen Monat oder länger hinzieht, wäre ein echtes Horrorszenario. Im schlimmsten Fall - wenn der Zugverkehr längere Zeit komplett zum Erliegen käme - würden sich die Kosten Kemfert zufolge sogar auf eine halbe Milliarde Euro pro Tag summieren. "Das ist natürlich nicht tragbar für eine Volkswirtschaft."

Für viele deutsche Manager wird diese Woche deshalb fast genauso nervenaufreibend wie für die Vertreter von Bahn und GDL. Steuern Bahnchef Hartmut Mehdorn und GDL-Chef Manfred Schell auf eine Einigung zu, oder bricht der Zank doch wieder offen aus?

Was nach dem Ausstand am Freitag passiert, ist nach dem Auf und Ab der vergangenen Wochen ungewisser denn je. "Wir wollen ein Zeichen setzen, danach ist der Arbeitgeber am Zug", sagt ein GDL-Sprecher. Sollte das Hickhack weitergehen, müsse sich schnellstens die Politik einschalten, findet Volkswirtin Kemfert. "Spätestens nach zwei Wochen stehen Kosten und Nutzen eines Streiks in keinem Verhältnis mehr."

mit Material von dpa

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